Hamburg Dicke Kinder, kaum Fachkräfte: Alarmierende Zustände im deutschen Schulsport
Zu wenig Sportstunden, unausgebildete Kräfte, unfitte Kinder: Der Präsident des Deutschen Sportlehrerverbands, Daniel Möllenbeck, äußert massive Kritik an der Situation des Schulsports. Und sagt, was sich dringend ändern muss.
Der Schulsport in Deutschland steckt in der Krise: Entweder der Unterricht fällt aus oder wird von nicht ausgebildeten Sportlehrern erteilt. Daniel Möllenbeck, Präsident des Deutschen Sportlehrerverbands (DSLV), spricht im Interview über die aktuelle Misere in den Turnhallen.
Frage: Herr Möllenbeck, gemessen an der Stundenanzahl in der Schullaufbahn ist Sport das drittgrößte Schulfach nach Deutsch und Mathe und gilt bei vielen Schülern als das beliebteste. Wie steht es um das Fach?
Antwort: Der Schulsport ist in einer ausbaufähigen Situation und steht aktuell vor erheblichen Herausforderungen. Zwar gibt es Schulen, an denen der Unterricht sehr gut läuft, aber auch viele, an denen die Sportstätten marode und kaum zu benutzen sind. Außerdem fehlen Sportlehrkräfte, wodurch der Unterricht häufig ausfällt. Durch den aktuellen Lehrkräftemangel verschlechtert sich die Situation immer weiter. Vor allem – aber nicht nur – an den Grundschulen.
Frage: Wie ist die Situation dort?
Antwort: In der Grundschule haben wir das Problem, dass Sport in großen Teilen fachfremd unterrichtet wird – also nicht von einer ausgebildeten Sportlehrkraft. In Niedersachsen sind es Schätzungen zufolge sogar zwischen 60 und 80 Prozent des Unterrichts. Durch das Klassenlehrerprinzip, bei dem die Schülerinnen und Schüler in nahezu allen Fächern von derselben Lehrkraft unterrichtet werden, ist das auch gewollt. Aber es ist eine Idee, die überhaupt nicht funktioniert.
Frage: Warum nicht?
Antwort: Handelt es sich um keine ausgebildete Sportlehrkraft, werden Sportarten wie Schwimmen oder Turnen häufig vermieden und nicht unterrichtet. Es handelt sich also um einen „Sportunterricht light”. Im besten Fall findet Bewegung statt – mit Sportunterricht hat das aber nichts zu tun. Die Ergebnisse sieht man dann, wenn die Kinder an die weiterführenden Schulen kommen. In der fünften Klasse sind 60 bis 70 Prozent der Kinder Nichtschwimmer. Das ist ein großes Problem und die niedersächsische Landesregierung macht dagegen viel zu wenig.
Frage: Wo genau liegt das Versäumnis seitens der Landesregierung?
Antwort: In Niedersachen gibt es pro Jahr nur eine einzige Weiterbildung für Lehrkräfte, die Sport fachfremd in der Grundschule unterrichten. Eine einzige! Die Nachfrage ist riesengroß, kann aber nicht erfüllt werden. Zudem ist diese Weiterbildung jedes Jahr nicht finanziert. Wir haben im Kultusministerium schon mehrfach daraufhin gewiesen, dass man beim Klassenlehrerprinzip wenigstens dafür sorgen muss, dass diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die sich weiterbilden möchten, das auch tun können. Es gibt Schulleitungen, die lassen Sportunterricht lieber ausfallen, als ihn von Fachfremden unterrichten zu lassen. Sie haben Angst vor der Haftung, wenn es zu Unfällen kommt und im Nachhinein herauskommt, dass der Unterricht nicht bei einem Sportlehrer stattgefunden hat.
Frage: Die Kultusministerkonferenz empfiehlt drei Unterrichtsstunden Sport pro Woche – aber wie sieht die Realität aus
Antwort: An den meisten Schulen finden nur maximal zwei Unterrichtsstunden Sport statt. Die dritte wird laut Erlass in einer Sport-AG erteilt, aber das Angebot reicht nicht aus und längst nicht alle Kinder können teilnehmen, daher ist das Augenwischerei. Es liegt insgesamt auch viel an den Schulleitungen und wie wichtig Sport, Bewegung und Gesundheit dort gesehen werden. Manche setzen Sportlehrkräfte lieber im Zweitfach ein und Sport fällt weg.
Frage: Passen Spiele wie Völkerball noch in den heutigen Sportunterricht? Eine Studie bezeichnet das Spiel als entmenschlichend und unterdrückend.
Antwort: Klassische Spiele wie Völkerball sind ein Kulturgut und können unter bestimmten Voraussetzungen auch heute noch gespielt werden, jedoch anders. Sie sollten mit den Kindern zusammen entwickelt und die Regeln angepasst werden. Dass alle sich gegenseitig abschießen und diejenigen, die nicht gut fangen oder werfen können, die Opfer sind, funktioniert nicht mehr. Der Sportunterricht hat sich in den letzten 20 Jahren durch die Kompetenzorientierung deutlich verändert. Ziel ist es immer auch, Kinder zum lebensbegleitenden Sporttreiben zu animieren und zu motivieren. Sie sollen möglichst viele Sportarten kennenlernen, um dabei vielleicht etwas zu entdecken, was sie auch in ihrer Freizeit ausüben wollen.
Frage: Sie sind selbst Sportlehrer. Wie steht es denn um die Sportlichkeit der Schüler?
Antwort: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollen sich Kinder eine Stunde am Tag bewegen. In Deutschland schaffen das Dreiviertel der Grundschulkinder nicht. Es gibt Kinder, die bewegen sich ausschließlich im Sportunterricht und haben große Defizite im Bereich Kraftausdauer und Koordination. Viele sind übergewichtig oder adipös und haben bereits im Alter von 13 Jahren Diabetes Typ 2. Bundesländer wie Sachsen-Anhalt machen jedes Jahr Sport-Motorik-Tests. In Niedersachsen scheint man es gar nicht wissen zu wollen. Die letzte große Sprint-Studie zur Situation des Schulsports ist von 2005 und müsste dringend neu aufgelegt werden, aber seitens der Kultusministerkonferenz gibt es da keinerlei Bewegung.
Frage: Warum wird der Schulsport so stiefmütterlich behandelt?
Antwort: Er hat keine große Lobby. Zwar wird immer gesagt, dass Sport und Bewegung wichtig sind, aber das sind lediglich Lippenbekenntnisse. Der Druck der Eltern ist scheinbar größer, wenn Mathe ausfällt. Im Grunde brauchen wir eine tägliche Sport- oder Bewegungsstunde, denn daraus resultiert, dass sich Kinder im Unterricht besser konzentrieren und lernen können. Wer koordinativ stark ist, kann besser schreiben und rechnen – auch dazu gibt es eine eindeutige Studienlage.
Frage: Was muss also getan werden, damit sich die Situation des Schulsports wieder bessert?
Antwort: Jede Lehrkraft in Deutschland muss künftig im Bereich Sport, Bewegung und Gesundheit während des Studiums und im Referendariat ausgebildet werden. Es ist nicht mehr zeitgemäß, Kinder – gerade in Ganztagsschulen – ausschließlich sitzend zu unterrichten. Auch der Matheunterricht sollte bewegt stattfinden und jede Lehrkraft sollte wissen, wie sie das umsetzen kann. Es kann außerdem nicht sein, dass an manchen Schulen Sporthallen marode sind oder es sogar gar keine Sportstätten gibt, das verschärft soziale Ungleichheiten.
Frage: Hat sich der Sportunterricht im Kontext von Migration und Flucht verändert?
Antwort: Ja, es ergeben sich durchaus Herausforderungen. Es fängt mit Kindern an, die kein Fahrrad fahren können oder völlig bewegungsfremd sind. Zum Beispiel, weil Mädchen sich in ihrer Freizeit nur zu Hause aufhalten sollen. Auch Schwimmkenntnisse oder Wassererfahrungen sind häufig nicht vorhanden. An den Sportunterricht werden immer wieder viele verschiedene Forderungen herangetragen, bei der Umsetzung werden Schulen und Sportlehrkräfte aber oft alleine gelassen. So wird man im Sportunterricht nur sehr selten Förderschullehrkräfte finden, denn die werden meist nur in den Kernfächern eingesetzt.
Frage: Wie steht es um geschlechlechtersensiblen Schulsport? In Berlin, Baden-Württemberg oder Bayern ist geschlechtergetrennter Sportunterricht üblich. Ist das eine empfehlenswerte Vorgehensweise?
Antwort: Wir lehnen geschlechtergetrennten Sportunterricht grundsätzlich ab. Eine temporäre oder punktuelle Trennung ist sicherlich in Ordnung, falls die Schülerinnen und Schüler das unterstützen. Wie anderer Unterricht auch sollte Sportunterricht koedukativ erteilt werden und die Lebensrealität und Diversität widerspiegeln.