Hamburg  Clan-Kriminalität: Wieso sich Frauen so selten trauen, die Familie zu verlassen

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 22.10.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Frauen aus kriminellen Clans haben kaum Angebote für ein Leben außerhalb der Familie. Foto: dpa/Jonas Walzberg
Frauen aus kriminellen Clans haben kaum Angebote für ein Leben außerhalb der Familie. Foto: dpa/Jonas Walzberg
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Die Autorin „Latife Arab“ kehrte ihrer kriminellen Clan-Familie den Rücken. Todesängste und jüngst erneut Prügel durch die eigene Verwandtschaft sind die Folge. Auch andere Frauen aus solchen Familien würden gerne ein Leben fernab der Verbrechen führen. Doch Hilfsangeboten mangelt es.

Er wirft ein Schlaglicht auf die Gefahr für Frauen kriminellen Clan-Familen: Der Angriff auf die Autorin mit dem Pseudonym „Latife Arab“ diesen Herbst zeigt, dass Aussteigerinnen auch nach Jahren noch nicht sicher vor der eigenen Familie sind.

Dabei ist es offenbar nicht einmal ausschlaggebend, dass Latife Arab in einem Buch Einblicke ins Clan-Leben gegeben und damit noch mehr Zorn auf sich gezogen hat. Schon die Abkehr alleine reicht, um der Brutalität der eigenen Familie – im Falle der Autorin wohl ein deutschlandweit bekannter Clan –ausgesetzt zu sein:

„Mein Angreifer zerrt mich nach vorn, mechanisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Jedes Gefühl für Raum und Zeit habe ich verloren. Er stößt mich in ein Gebüsch und ich falle zu Boden. Stehe aber sofort wieder auf und versuche ein letztes Mal wegzulaufen. Er packt mich an den Haaren und hält mich fest. Ich trete um mich, schlage mit den Fäusten auf ihn ein, es hilft nichts. Er schlägt zurück, ich schreie so laut ich kann. Mit beiden Händen drückt er mich gegen einen Baumstamm und presst mir die Kehle zu. Ich verliere das Bewusstsein und sacke zusammen.“ (Aus: „Ein Leben zählt nichts – als Frau im arabischen Clan“, Heyne Verlag, 2024)

Schonungslos detailliert schildert die Clan-Aussteigerin in ihrem Buch „Ein Menschenleben zählt nichts – als Frau im arabischen Clan“ einen Angriff aus dem Jahr 2015, den sie nur mit Glück überlebte. Zu diesem Zeitpunkt ist es ist bereits fünf Jahre her, dass sie ihrer Familie den Rücken gekehrt hat. Eine Unerhörtheit aus Sicht der Familie, dem der Clan, der deutschlandweit bekannt sein soll, mit aller Brutalität begegnet.

So wie Latife Arab, die sich diesen Herbst mit Blutergüssen und Verbrennungen in ein Berliner Krankenhaus schleppte – mittlerweile 14 Jahre nach ihrem „Ausstieg“ – könnte es auch anderen Frauen ergehen.

Clan-Forscher Mahmoud Jaraba hat in den vergangenen Jahren viel mit Mitgliedern krimineller Clans gesprochen, kennt die Ängste der Frauen, die versuchen aus den hierarchischen und teilweise unterdrückenden Strukturen auszubrechen: „Zum einen müssen sie den direkten Einfluss und die Kontrolle ihrer Familien überwinden, die in vielen Fällen nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf sozialer und wirtschaftlicher Abhängigkeit beruht. Zum anderen müssen sie den psychischen Druck eines Neuanfangs bewältigen, oft begleitet von der ständigen Angst vor Entdeckung und Repression“, meint Jaraba.

Das Problem: Es gibt kaum staatliche Hilfsangebote für betroffene Frauen. In Nordrhein-Westfalen, wo die Behörden mehrere Tausend Clan-Straftaten im Jahr verzeichnen, gibt es zumindest ein Aussteiger-Programm für Jugendliche. In Niedersachsen dachte das Landeskriminalamt zuletzt 2019 laut über ein solches Angebot nach.

Für Frauen gibt es quasi gar keine zivilgesellschaftlichen Angebote. Einzig Frauenhäuser bieten zunächst den nötigen Schutz, wie auch Experte Jaraba hervorhebt. „Aber langfristig reicht diese Unterstützung oft nicht aus, um eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen“, erläutert er.

Für Frauenhäuser selbst ist der kurzfristige Schutz von Aussteigerinnen knifflig. „Das sind dann Fälle mit einem besonderen Sicherheitsbedarf, sodass beispielsweise Häuser mit bekannter Adresse gar nicht infrage kommen und bei der Aufnahme auch abgewogen werden muss, ob die Sicherheit aller Bewohner*innen weiter gewahrt bleibt“, teilt der Verein Frauenhauskoordinierung mit.

Heißt: Die Gefahr durch eine rachsüchtige Familie wirkt selbst bis in die Frauenhäuser hinein. Da es bundesweit zudem viel zu wenige Plätze gebe und die Frauenhäuser insgesamt unterfinanziert seien, hätten es komplexe Fälle, wie etwa von Clan-Aussteigerinen besonders schwer, schnell einen Platz zu bekommen.

Dabei gebe es laut Jaraba im Grunde viele Frauen wie „Latife Arab“, wie er aus Gesprächen mit Betroffenen wisse. Doch denen bliebe langfristig nur, mithilfe der Polizei abzutauchen. „Ein zentrales Problem, das in diesen Gesprächen immer wieder zur Sprache kam, ist das mangelnde Vertrauen in die staatlichen Institutionen, insbesondere in die Polizei. Viele Frauen fühlen sich nicht ausreichend geschützt und haben das Gefühl, dass der Staat ihre Sicherheit nicht dauerhaft garantieren kann.“, so der Politikwissenschaftler.

Das Misstrauen gegenüber den Behörden gründet sich auch in den Erlebnissen, die die Frauen als Teil eines Clans erfahren. „Selbst wenn die betroffenen Frauen niemals selbst in kriminelle Aktivitäten verwickelt waren, erleben sie häufig negative Interaktionen mit den Behörden, sei es durch Vorurteile oder durch frühere Erfahrungen, die das Misstrauen verstärkt haben.“, sagt Jaraba.

Dazu kämen Werte wie Ehre und Loyalität, die Ihnen die Familie mitgibt und von der man sich bei allen Ausstiegsgedanken nur schwer lösen könne. Gewissermaßen wollen sich die Frauen von ihren Familien abkehren, ohne sich gleichzeitig mit Hilfe der „Gegner“ gegen sie zu wenden. Genau dieser Spagat ist im Selbstverständnis der Clans kaum möglich.

Fehlende Unterstützung aus der Zivilgesellschaft, Misstrauen gegenüber den Sicherheitsbehörden, eine omnipräsente Bedrohung durch die eigene Familie. Damit sich mehr Frauen den Ausstieg zutrauen und ihn schaffen, brauche es laut Jaraba einen „mehrdimensionalen Ansatz“: Neben physischen Schutz in Frauenhäusern, bestehe der aus langfristigen Integrationsprogrammen und einer psychosozialen Betreuung. „Schulungen für Polizei und andere relevante Akteure könnten zudem helfen, ein besseres Verständnis für die spezifischen Herausforderungen dieser Frauen zu entwickeln“, meint Jaraba.

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