Gedenkstätte KZ Engerhafe Erinnerung an die „Gelbkreuzler“ von Engerhafe
80 Jahre nachdem sie im KZ-Außenlager in Südbrookmerland ankamen, wurde am Wochenende dort und in Aurich der 1500 Häftlinge gedacht. Ihre Schicksale berühren.
Engerhafe/Aurich - Ein Zitat des Stolperstein-Künstlers Gunter Demnig hatte Hilke Osterwald, Vorsitzende des Vereins „Gedenkstätte KZ Engerhafe“, ihrem Vortrag bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Errichtung des Neuengammer Konzentrationsaußenlagers Engerhafe am Sonnabend vorangestellt: „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“
In einer bewegenden und würdevollen Feierstunde in der evangelisch-lutherischen Engerhafer Johannis-der-Täufer-Kirche gedachten zahlreiche Menschen der Opfer.
Innerhalb von zwei Monaten kamen im KZ Engerhafe 188 Menschen ums Leben und wurden namenslos begraben, die ersten noch in Särgen, später nur noch in Pappe gewickelt oder nackt, manchmal so viele in einem Massengrab, dass nur eine dünne Schicht Erde sie bedeckte, schilderte Hilke Osterwald. „Sie waren Verfolgte und Opfer, aber auch viel mehr. Was auch immer – sie waren Menschen.“
Überall im Lande gab es wie in Engerhafe KZ-Außenlager, mehr als 1100. Dabei ging es nicht um Unsichtbares oder Verstecktes, alles war offensichtlich in Engerhafe, auf dem täglichen Weg nach Georgsheil, in Aurich und im Sandhorster Wald, erklärte die Vorsitzende und appellierte an die Gäste: ,,Auch 80 Jahre danach müssen wir mit dem Offensichtlichen einen Umgang finden und nicht schweigen und nicht weggucken.“
Der am 29. Oktober 2009 gegründete Verein „Gedenkstätte KZ Engerhafe“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jahr für Jahr im Oktober diese Gedenkveranstaltung durchzuführen. Die Gedenkstätte widmet der Verein den umgebrachten und überlebenden Häftlingen in Achtung ihrer Würde, die man ihnen hatte nehmen wollen.
Fast auf den Tag genau (21. Oktober 1944) vor 80 Jahren erreichte ein Güterzug mit 1500 Häftlingen aus dem Konzentrationslager Neuengamme den Bahnhof Georgsheil. Von dort aus mussten die von prügelnden und schreienden Soldaten bewachten Gefangenen, nur bekleidet mit Lumpen, unter den Füßen lediglich ein gebundenes Brett und auf dem Rücken ein großes gelbes Kreuz, zum Außenlager in Engerhafe marschieren; sie kamen aus 13 verschiedenen Ländern.
Die insgesamt 2000 sogenannten „Gelbkreuzler“ waren ausgesucht und bestimmt worden, in Aurich einen 15 Kilometer langen Panzergraben als Teil des „Friesenwalls“, einer Verteidigungsanlage, die entlang der Küste von Dänemark bis in die Niederlande reichen sollte, auszuheben.
Unter unmenschlichen Bedingungen und erbärmlichen Umständen wurden sie in dem Barackenlager in Engerhafe bis zum 22. Dezember 1944 untergebracht. In dieser Zeit starben 188 von ihnen: 67 Polen, 47 Niederländer, 21 Letten, 17 Franzosen, neun Sowjetbürger, neun Litauer, fünf Deutsche, vier Esten, drei Belgier, zwei Italiener und jeweils ein Slowene, Däne, Spanier und Tscheche; 57 Tote konnten nicht identifiziert werden, 14 der französischen Toten, 35 der Niederländer und zwei der Belgier wurden später in ihre Heimatländer überführt.
Über seinen Vater Don Bamberg, der in mehreren KZ, auch in Engerhafe, eingesessen hatte, berichtete Theo Bamberg. Der Niederländer war im aktiven Widerstand gegen die Deutschen und wurde 1941 zum Tode verurteilt. Über seine Erlebnisse schrieb er später ein Buch und stand in engem Kontakt mit dem Verein „Gedenkstätte KZ Engerhafe“.
In einer emotionalen Rede erinnerte die Niederländerin Joanne Brouwer-Brouwer an ihren in Engerhafe verstorbenen Großvater Gerrit Hellendoorn. Lange Zeit sei in ihrer Familie nicht über die Geschehnisse geredet worden. Erst nach und nach durch eigene Recherche habe sie ein Bild von ihrem Opa, den sie nicht kennenlernen durfte, bekommen.
Ähnliches gab es in Deutschland, weiß Gerd Lücken, Sprecher der Vorbereitungsgruppe der Gedenkveranstaltung, um das Leid nicht noch zu verstärken. Es habe ein großes Schweigen gegeben, die Geschichte wurde nicht aufgearbeitet, das Gedenken verkam zur Pflichtveranstaltung. Erst in den 1980er Jahren begann eine Aufarbeitung, die die Zustände in den Lagern offenlegten. Es hat nach Ansicht von Lücken auch in Engerhafe zu lange gedauert, um das Gedenken zu ermöglichen.
Nachdem die Namen der 188 verstorbenen KZ-Häftlinge verlesen und ihrer in einer Schweigeminute gedacht worden war, legten die zahlreichen Gäste auf dem unmittelbar neben der Kirche liegenden Gräberfeld Rosen in verschiedenen Farben nieder.
Es sei immens wichtig, Jahr für Jahr die Namen der 188 Toten an dem Ort, an dem sie gelebt haben und gestorben sind, vorzulesen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten und die nächste Generation wisse, was in Engerhafe passiert sei, mahnte Jann van den Hoorn vom niederländischen Gedenkverein „Stichting Oktober 44“. Man solle zudem nicht nachlassen, weiterhin nach den Lebensgeschichten der Opfer zu suchen.
Ein großes Lob sprach Südbrookmerlands Bürgermeister Thomas Erdwiens den Verantwortlichen und Mitgliedern des Vereins Gedenkstätte KZ Engerhafe für ihre so wichtige Arbeit aus. Gerade in der momentanen Zeit mit Krieg, Krisen und Unsicherheiten würden sie die Geschichte wahren, pflegen und weiterführen und die Versöhnung mit den Ländern suchen, deren Bevölkerung unter dem Nationalsozialismus gelitten hätten.
Vom alten Güterschuppen am Auricher Gymnasium aus, wo 1944 die Gefangenen aus Engerhafe mit dem Zug ankamen und von ihren Wächtern durch die Stadt zu ihrem Arbeitseinsatz zur Errichtung eines Panzergrabens getrieben wurden, begab sich am Sonntagvormittag eine Gruppe von Frauen und Männern auf einen Gedenkmarsch zum Mahnmal am Südeweg in Sandhorst. Dort befinden sich noch Reste des ursprünglichen Panzergrabens im Wald neben der Bundesstraße. Sie sind gut sichtbar.
Unter den Teilnehmern waren auch Nachkommen der Opfer aus den Niederlanden. Eine kurze Ansprache der Vorsitzenden des Vereins „Gedenkstätte KZ Engerhafe“ und eine Schweigeminute beendeten schließlich am Mahnmal die Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Errichtung des Neuengammer Konzentrationsaußenlagers Engerhafe.
Das von dem Südbrookmerlander Künstler Herbert Müller entworfene Mahnmal im Sandhorster Wald, das Gedenk- und außerschulischer Lernort ist, wurde am 20. Juni 2014 durch den damaligen niedersächsischen Innenminister und heutigen Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, Boris Pistorius, eingeweiht.
Schautafeln mit Informationen über den Panzergraben und das KZ Engerhafe 1944 befinden sich auf dem Parkplatz am Südeweg. Eine beinhaltet den folgenden Spruch „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“ von Primo Levi, Auschwitzüberlebender, italienischer Schriftsteller und Chemiker.