Emden verliert das Spitzenspiel Der Kickers-Schreck spielte schon in Indien
Emden verliert Spitzenspiel in der Regionalliga gegen Havelse 1:2 – Julius Düker macht vor 3100 Fans den Unterschied.
Emden - Das Spiel war schon lange beendet, da verließ Julius Düker als allerletzter Spieler den Rasen des Emder Ostfrieslandstadions. Nach Jubel und Siegerbild mit den Teamkollegen des Regionalliga-Herbstmeisters TSV Havelse plauderte er auf dem Feld noch lange mit einer Gruppe um Emdens Sportlichen Leiter Henning Rießelmann und Emdens Co-Trainer Markus Unger, mit dem er bei Eintracht Braunschweig vor einigen Jahren zusammengearbeitet hatte. Der Abgang als letzter Gladiator aus der Arena passte zum Auftritt des TSV-Kapitäns – er machte mit zwei tollen Toren beim 2:1-Sieg beim BSV Kickers Emden am Samstag den Unterschied.
„Es war ein 50-zu-50-Spiel mit dem leider bitteren Ende für uns. Wir waren nicht die schlechtere Mannschaft“, sagte Emdens Mittelfeldmann Janek Siderkiewicz nach intensiven und regnerischen 90 Minuten. Ein Unentschieden gegen den souveränen Tabellenführer, der nun elf Punkte Vorsprung auf Emden aufweist, war möglich – mit mehr Spielglück in einigen entscheidenden Szenen sogar mehr. Doch besonders ein Mann verhinderte das: „Mit Julius Düker hat Havelse heute einen Ausnahmespieler mit seinen beide Toren im Team gehabt.“
Erstmals sorgte der Kickers-Schreck nach 34 Minuten für Totenstille unter den 3100 Zuschauern, die trotz des bescheidenen Wetters gekommen waren. Der Spielmacher dribbelte von Linksaußen in die Mitte, wurde nicht richtig attackiert und schoss den Ball fast aus dem Stand aus 25 Metern in den Winkel. Mit seinem „schwächeren“ rechten Fuß. „Der Ball sollte tatsächlich auch genau dahin. Den habe ich ganz gut getroffen“, so der 28-Jährige. Kurz zuvor hatte er das 0:1 schon verpasst, schoss den Ball in den Emder „Nachthimmel“.
Wieder einmal lag Kickers also 0:1 zurück, obwohl das Team gut ins Spiel fand und nach zwei Minuten sich schon eine große Chance von Tido Steffens andeutete. Doch er wurde noch im letzten Moment gestört, nachdem er 25 Meter vor dem Tor am herausstürmenden Torwart schon vorbei war. Danach hatte Kickers noch weitere Abschlüsse, ehe sich der TSV vom Anfangsdruck befreite. „Es ist wie verflixt mit den 0:1-Rückstanden“, sagte Kapitän Tido Steffens. Zum zehnten Mal in den letzten elf Partien lief Kickers einem Rückstand hinterher.
Nach dem 0:1 besaß der TSV noch zwei gefährliche Strafraumszenen, bei denen im letzten Moment gerettet wurde. Tido Steffens wiederum entschied sich für einen Abschluss anstatt den Ball zurückzulegen, nachdem er energisch in den Strafraum eingedrungen war. Der Ball landete am Außennetz (42.).
Zwei Traumtore der Gäste
Die Halbzeitpause tat den Emdern gut. Sie kamen mit Wucht aus der Kabine. Besonders die beiden starken Emder Außenspieler André Ndiaye und Pascal Steinwender, der auch in Halbzeit eins der auffälligste Emder war, strahlten viel Gefahr aus. Der lange verletzte Ndiaye war für Luis Podolski in die Startelf gerückt, der solide Julian Stöhr für Kai Kaissis.
Der TSV überstand den Anfangsdruck, konterte danach zweimal gefährlich. Ein satter Schuss von Emdens Joker Mika Eickhoff knapp neben das Tor sorgte für ein Raunen im Publikum (64.), das drei Minuten später in Ekstase war. Ndiaye setzte sich auf der linken Seite stark durch und flankte vors Tor, wo Steinwender seinen Gegenspieler Emre Aytun so unter Druck setze, dass dem ein Eigentor unterlief (67.). „Das 1:1 war dann auch irgendwie folgerichtig“, sagte Havelses spielender Sportdirektor Florian Riedel, der den Rahmen und das Geschehen lobte. „Das war alles eines Spitzenspiels würdig.“ Kickers blieb am Drücker, hatte durch Janek Siderkiewicz nach einer Ecke eine weitere gute Möglichkeit. Doch die „Euphorie“, wie Steffens sie nannte, war von jetzt auf gleich vorbei. Eine Kopfballabwehr landete vor den Füßen von Julius Düker, der aus 25 Metern mit seinem starken linken Fuß abzog. Der Ball sprang noch einmal vor Emdens Marcel Bergmann auf und schlug neben dem rechten Innenpfosten an. „Das war ein Genickschlag“, sagte Tido Steffens. Davon erholte sich Kickers nicht mehr wirklich, brachte an richtig gefährlichen Szenen nur noch einen Distanzschuss von Michael Igwe zustande. Auch nicht in Überzahl in den letzten Minuten, nachdem Besfort Kolgeci die Gelb-Rote Karte gesehen hatte (88.).
So feierte der nicht als Titelfavorit in die Saison gestartete TSV den zwölften Sieg im 15. Spiel. „Wir haben extrem emotional und körperlich verteidigt. Es war klar, dass man dieses Spiel nicht aufgrund von Ballbesitz und Stafetten gewinnt, sondern aufgrund von Mentalität. Das war brutal von meinem Team“, sagte TSV-Trainer Samir Ferchichi.
„Brutal“ waren auch die beiden tollen Tore von Julius Düker, der seit 2021 beim TSV Havelse ist. Mit einer knapp einjährigen Unterbrechung. Die Saison 2022/2023 spielte er in Indiens 1. Liga für Chennaiyin FC. „Mein Berater rief mich damals an, ob ich Lust auf ein Abenteuer hätte. Das hatte ich – und das wurde es dann auch. Es war ein überragendes Jahr. Ich habe da auch Freunde gewonnen und werde im Winter vielleicht für einen Besuch rüberfliegen.“ Mit dem TSV Havelse ist er schon längst abgehoben. Mit dem Endziel 3. Liga?
Kickers Emden: Bergmann; Dietrich, Herbst, Engel, Ndiaye (78. Eilerts), Steinwender (78. Abbey), Stöhr, Siderkiewicz (84. Dudock), Steffen (62. Eickhoff), Steffens, Schiller (62. Igwe).
Tore: 0:1 Düker (34.), 1:1 Eigentor Aytun (67.), 1:2 Düker (74.).