Berlin  Was tun, wenn im Kindertheater jemand „Rassismus“ schreit?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 20.10.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Rassismus-Vorwurf: In Berlins Komischer Oper hat eine Besucherin die Kindervorstellung von „Peter und der Wolf“ mit lautem Geschrei unterbrochen. Foto: Imago-images/Jürgen Ritter
Rassismus-Vorwurf: In Berlins Komischer Oper hat eine Besucherin die Kindervorstellung von „Peter und der Wolf“ mit lautem Geschrei unterbrochen. Foto: Imago-images/Jürgen Ritter
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Hunderte Eltern gucken mit ihren Kindern „Peter und der Wolf“, als eine Frau in der Komischen Oper Berlin „Rassismus“ ruft. Wie verhält man sich jetzt richtig?

Auf Theaterskandale ist man heute gut vorbereitet. Wenn sich in der Stuttgarter Oper Nackte den Po versohlen, berichtet die „Bild“ öfter, als der Abend gespielt wird. Vor allem anderen warnen Trigger-Hinweise im Spielplan.

Trotzdem habe ich es jetzt in einen Bühnen-Eklat geschafft, wo man ihn am wenigsten erwartet: im Kindertheater. In Berlin hat die Komische Oper die Spielzeit mit einem Familienprogramm eröffnet: Currywurst, Konfetti-Bomben, „Peter und der Wolf“.

Peter lässt das Gartentor auf, die Ente entwischt – aber bevor der Großvater auftritt, ruft eine Mutter im Parkett: „RASSISMUS“. Neben ihr sitzt eine Greisin. Und die soll aus Ärger über den Lärm im Saal – viele Zuschauer sind hier noch nicht abgestillt – eine Hassparole gezischt haben: „Weiße Kinder sind leise.“

Die Türschließerinnen eilen herbei. Aus den Kulissen bittet eine Verantwortliche, den Streit draußen auszufechten. Die Mutter droht mit der Polizei und wird hinausbegleitet. Nun kommen die empörten Rufe aus den hinteren Reihen. Die Beschuldigte sitzt nämlich immer noch im Saal. Erst als auch sie geht, wird es ruhig. Während ich meinen Kindern komplizierte Konzepte wie „Diversität“ und „Unschuldsvermutung“ erkläre, setzt die Musik wieder ein.

Trotzdem ist die Vorstellung im Eimer. Ich denke nur noch nach: Rassismus kann man nicht unwidersprochen lassen. Laut dagegen anzuschreien, braucht zumindest Mut. Ist es auch sinnvoll? Mit der denkbar größten Eskalation macht die wütende Mutter ein volles Haus zu Richtern in einem Konflikt, den keiner beurteilen kann, außer vielleicht der direkte Sitznachbar.

Ich selbst weiß gar nicht, was die Frau gesagt hat. Ein bisschen komisch klingt die Beleidigung schon: „Weiße Kinder sind leise.“ Hat die Mutter sich womöglich verhört? Selbst wenn nicht: Hätte man das nicht wirklich besser im Foyer geklärt? Mit einem Ansprechpartner vom Haus – der vermittelt und aufzählt, aus wie vielen Ländern die Opernsänger stammen? Und der meinetwegen, in einem hartnäckigen Fall, dann wirklich Anzeige erstattet?

Ich habe bei der Oper nachgefragt: Was haben die Mitarbeiter mit den Kontrahentinnen besprochen? Gab es eine Versöhnung? Wie hätte man den Konflikt besser lösen können? Und: Was war vorgefallen, Rassismus oder ein Missverständnis?

Die Antwort ist – unbefriedigend. Die Oper will nicht mehr erkennen als einen Irrtum. Der älteren Frau sei einfach nur nicht klar gewesen, dass sie in einer Kindervorstellung sitzt. Und der Rassismus-Vorwurf? Solche Fragen, bittet die Pressesprecherin, solle man doch lieber per Mail schicken. Die Antwort versammelt nach drei Tagen dann noch einmal dieselben Phrasen.

Das ist deprimierend. Bis in die Hochkultur ist die gesellschaftliche Debatte im Schrei-Modus angekommen. Und ein Theater, dessen öffentlich geförderte Aufgabe genau diese Debatte wäre, fängt schon hilflos zu stammeln an, sobald das Reizwort Rassismus fällt. Es tut mir leid, aber diese Mutlosigkeit können wir uns nicht leisten. Das Problem ist ja da. Von Sylt bis zur Potsdamer AfD-Party werden Abschiebe-Schlager gejohlt. Wie setzt man einen wirkungsvollen Kontrapunkt? Von einer Oper darf man darauf schon eine Antwort erwarten.

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