Osnabrück Was taugt der heutige „Tatort: Murot und das 1000-jährige Reich“?
Der hessische „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Kommissar Murot ist stets ein wenig anders. Im neuen „Murot und das 1000-jährige Reich“ trifft Krimi nun auf Geschichte.
Deutschland im Frühling 1944. Oberst Rother (Ulrich Tukur), unterwegs als Sonderermittler fürs Deutsche Reich, bleibt mit einem Motorschaden irgendwo in der hessischen Provinz liegen. Während er auf Hilfe wartet, stürzt ganz in der Nähe eine britische Spitfire ab. Rothers junger Assistent Hagen von Strelow (Ludwig Simon), ein glühender Wehrmachts-Nazi und Karrierist, würde der Sache zwar am liebsten sofort auf den Grund gehen. Aber Rother hält ihn zurück, zündet sich eine Zigarette an und wundert sich, wieso Strelow eigentlich immer noch Nichtraucher sei. Wolle der junge Mann etwa das 1000-jährige Reich überleben?
Das ist ihm dann tatsächlich gelungen. In unserer Gegenwart sitzt der alte Herr von Strelow nun im Flieger nach Frankfurt, wo Kriminalkommissar Felix Murot (ebenfalls Ulrich Tukur) und LKA-Mitarbeiterin Magda Wächter (Barbara Philipp) auf ihn warten. Spät, aber immerhin hat es die Justiz doch noch geschafft, dem alten Kriegsverbrecher auf die Spur zu kommen. Vor 30 Jahren konnte Strelow Murot knapp entkommen. Jetzt wurde er in Südamerika aufgespürt und nach Deutschland überführt.
Murot-Krimis zeichnen sich stets durch Eskapaden und eine gewisse Experimentierfreude aus, die dem „Tatort“ aber auch immer eine ganz besondere Note verleihen. Vor zehn Jahren stellte „Tatort: Im Schmerz geboren“ in Anlehnung an Quentin Tarantino, William Shakespeare und alte Italo-Western mit rund 50 Toten einen Leichenrekord auf, erhielt aber trotz deftiger Kritik zahlreiche Filmpreise. Vor einem Jahr sorgte dann der „Tatort: Murot und das Paradies“ mit Murot im Weltraum und als Hitler-Attentäter für heftige Kontroversen und spaltete die Fangemeinde.
Nun folgt mit der Episode „Murot und das 1000-jährige Reich“ ein „Tatort“, der erstmals beinahe vollständig in der Vergangenheit spielt. Regisseur Matthias X. Oberg, der auch gemeinsam mit Michael Proehl und Dirk Morgenstern das Drehbuch verantwortet, verzichtet hier weitgehend auf experimentelle Spielereien. Stattdessen gelingt hier auf spannende wie unterhaltsame Weise ein Stück Geschichtsvermittlung der ganz besonderen Art.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Protagonisten des Jahres 1944 kurz vor der Invasion der Alliierten in der Normandie. Im Zentrum steht ein kleines hessisches Dorf, in dem sich Sonderermittler Rother mit seinen Leuten während der Reparatur des Wagens aufhält. Dabei werden sie mit einem seltsam anmutenden Kriminalfall konfrontiert. Vier Wehrmachtsoldaten werden tot aufgefunden. Offenbar haben sie sich gegenseitig erschossen. Was verschweigt der einzige Überlebende, ein an den Jeep geketteter, in Ungnade gefallener deutscher Soldat? Irgendwie scheint die ganze Sache mit dem Absturz des britischen Piloten zusammenzuhängen, der wohl brisante Unterlagen bei sich hatte.
Ja, auch dieser Murot wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich und für manche „Tatort“-Fans vielleicht sogar ein wenig befremdlich. Aber mit „Tatort: Murot und das 1000-jährige Reich“ ist ein sehr sehenswerter Krimi in historischer Kulisse gelungen. Das liegt nicht nur am hervorragenden Ensemble, in dem insbesondere Schauspieler Simon den Nazi und Kriegsverbrecher Strelow eiskalt und erschreckend gut verkörpert. Auch dramaturgisch überzeugt dieser „Tatort“ auf ganzer Linie. Dabei gelingt es dem spannungsvoll umgesetzten und mit subtilem Humor angereicherten Fall, so tief in den Abgrund einer Dorfgemeinschaft als Mikrokosmos des Dritten Reiches zu blicken, bis dieser Abgrund in unsere gegenwärtige Lebenswirklichkeit zurückblickt. Ein kleines Meisterwerk.
„Tatort: Murot und das 1000-jährige Reich“. Das Erste, Sonntag, 20. Oktober, 20.15 Uhr und anschließend in der ARD Mediathek.