Berlin Überall Flaute? Warum die Nachfrage nach E-Autos in Europa so unterschiedlich ist
Während in Deutschland der Trend zur Elektromobilität ins Stocken geraten ist, funktioniert das Geschäft in anderen europäischen Ländern besser. Woran liegt das?
Das Ende kam abrupt: Quasi über Nacht strich die Ampelkoalition im Dezember 2023 den Umweltbonus für E-Autos. Entschieden sich Privatleute für die Anschaffung eines reinen Batteriewagens, wurden sie bis dato in der Regel mit 4.500 Euro vom Bund unterstützt. Doch wegen eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts fehlten plötzlich Milliarden, um die Prämie weiter zu finanzieren.
Es reicht der schnelle Blick in die Statistiken, um die Folgen des Förderstopps zu verstehen: Der Absatz an reinen Elektroautos, im Industriesprech BEV genannt, ist 2024 um mehr als ein Drittel gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Wurden hierzulande zwischen Januar und August 2023 noch rund 355.000 batteriebetriebene Pkw neu zugelassen, liegt die Zahl in diesem Jahr bei 242.000. Auch die Hersteller, allen voran VW, werden von dem Trend kalt erwischt.
„Bei der Elektromobilität sehen wir eine große Verunsicherung unter den Käufern“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Centers of Automotive Management. „Ein substanzieller Punkt ist der Kostenfaktor.“ Nach der Streichung der Kaufprämie sei die Preislücke zwischen Autos mit Verbrennungsmotor und Batteriebetrieb wieder größer geworden.
Ein weiterer Grund für die verflogene E-Auto-Begeisterung: die Situation der Ladeinfrastruktur. „Gerade in den Städten haben wir noch ein Defizit“, sagt Bratzel. Also dort, wo die Menschen in Mehrfamilienhäusern wohnen und sich keine private Wallbox anschaffen können. Auch auf die derzeitige Rezession kommt der Autoexperte zu sprechen. „Wenn die Wirtschaft schwächelt, sorgt das eher dafür, dass die Menschen ihr Geld lieber zusammenhalten und nicht unbedingt für ein neues Auto ausgeben.“
Aber abgesehen von Förderung, Ladesäulen und Wirtschaftslage kommt es Bratzel zufolge vor allem darauf an, wie die Politik die Mobilitätswende verkauft. Sie müsse geschlossen an den Erfolg der E-Mobilität glauben. „Da bringt es nichts, wenn selbst Teile der Bundesregierung wie der FDP das Verbrenner-Aus ab 2035 immer wieder infrage stellen.“ In anderen Ländern laufe das besser.
Beispiel Großbritannien: Das Land hat seinen Verkehrswende-Fahrplan mehrfach geändert, geht dabei aber stets rigoroser vor als etwa die EU. 2020 verkündete der damalige Premier Boris Johnson, dass 2030 Schluss sein solle mit Neuzulassungen von Verbrennern. Rishi Sunak, ebenfalls ein Tory, verschob das Verbot auf 2035. Die Labour-Regierung unter Keir Starmer, seit Juli im Amt, will den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor wieder auf 2030 vorziehen.
Das Hin und Her scheint den Briten die E-Mobilität aber nicht madig zu machen. In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden auf der Insel fast 214.000 Batterieautos abgesetzt, 20.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Dabei gibt es wie in Deutschland keine Kaufprämie. Ebenfalls zahlen laut dem Europäischen Verbraucherzentrum (EVZ) Fahrer von E-Autos in Großbritannien keine Kfz-Steuer. Das öffentliche Ladenetz gilt insbesondere in England als gut ausgebaut.
Auch in Frankreich ziehen die Verkäufe an. Zwischen Januar und August 2024 lag hier die Zahl der neu zugelassenen Elektrofahrzeuge bei rund 189.000, ein Anstieg um acht Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zudem fördert die französische Regierung den Kauf neuer E-Autos mit bis zu 7.000 Euro, für Gebrauchtwagen gibt es einen Zuschuss von 1.000 Euro. Nach Informationen der EVZ ist schnelles Laden im gesamten Land möglich.
In Spanien dagegen stagniert die Zahl der verkauften Stromer beinahe. Mit rund 31.500 liegt sie in bisherigen Jahr nur minimal höher als 2023. Interessant wird sein, ob es einen ähnlichen Einbruch wie in Deutschland geben wird. Denn kürzlich hat die spanische Regierung einen wichtigen Kaufanreiz, eine Prämie von bis 7.000 Euro, auslaufen lassen. Andererseits profitieren Käufer von Elektroautos von steuerlichen Vorteilen. Allerdings ist nach EVZ-Angaben das Netz an Ladesäulen im Norden dichter als im Süden des Landes.
Weniger erfreulich ist die Entwicklung in Ländern wie Italien oder Polen. In Italien gab es in diesem Jahr bislang 36.000 Neuzulassungen, ein Minus von 13 Prozent gegenüber 2023. Dabei stellt die ultrarechte Regierung um Giorgia Meloni eine Kaufprämie bereit. Sie richtet sich nach dem Einkommen, laut EVZ sind bis zu 7.500 möglich. Ähnlich wie in Spanien nehmen demnach auch in Italien die Lademöglichkeiten ab, je weiter südlich man fährt.
Die Menschen in Polen tun sich grundsätzlich schwer mit der Verkehrswende. Auf eine fehlende Prämie kann man das nicht schieben, denn die gibt es: bis zu 5.700 Euro für Familien, wie die EVZ angibt. Einer der Gründe für die schleppende Transformation könnte aber das besonders in ländlichen Gebieten dünne Netz an Ladesäulen sein. Was das alles in Zahlen bedeutet: gerade mal 11.000 abgesetzte E-Autos in diesem Jahr bis Ende August. 2023 war der Absatz fast genauso schwach. Dabei hat Polen fast 37 Millionen Einwohner.
Und wie sieht’s in Norwegen aus, wo sich der Umstieg auf Elektroautos am schnellsten vollzieht? Hier ist der Absatz an rein elektrischen Neuzulassungen in diesem Jahr tatsächlich um drei Prozent auf rund 68.000 gesunken. Was man aber bedenken muss: In dem skandinavischen Land fahren bereits mehr reine Batteriefahrzeuge als Benziner. Dieser Erfolg ist unter anderem auf eine extrem begünstigte Besteuerung zurückzuführen. Eine Kaufprämie haben die Norweger nicht, dafür aber das ehrgeizigste Verbrenner-Verbot in Europa: Bereits im kommenden Jahr tritt es in Kraft.
Zum Abschluss noch eine mögliche positive Prognose für Deutschland. 2025 könnte das Verkaufstief überwunden sein. Davon geht Forscher Stefan Bratzel aus. „Im nächsten Jahr werden wir einen starken Hochlauf der Elektromobilität erleben.“ Aus seiner Sicht werden die Preise für E-Autos sinken, weil die Hersteller die verschärften CO₂-Flottengrenzwerte der EU einhalten müssten. „Sonst riskieren sie Milliardenstrafen.“
Doch Deutschland müsse auch sehen, dass es viel mehr „Speed“ in den Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur bekommt. Außerdem plädiert Bratzel für die Wiedereinführung einer Kaufprämie, gleichwohl sie nicht so hoch sein müsse wie die vorige. Das wäre ein klares Signal an die Käufer. „Und die Politik würde die Botschaft senden: Wir wollen die Elektromobilität.“