Osnabrück  Im Namen des Vaters: Wenn ein Kampf um den Nachnamen der Kinder entbrennt

Christian Ströhl
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Von Christian Ströhl
| 20.10.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Stolz, Tradition, Identität: Namen lösen viele Emotionen aus. Mitunter kommt es in Familien zum Streit um die Nachnamenswahl. So auch bei uns. Foto: dpa/Lino Mirgeler
Stolz, Tradition, Identität: Namen lösen viele Emotionen aus. Mitunter kommt es in Familien zum Streit um die Nachnamenswahl. So auch bei uns. Foto: dpa/Lino Mirgeler
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Ist es heute noch zeitgemäß, dass der Großteil der Kinder den Nachnamen des Vaters tragen? Unser Autor hat sich diese Frage zur Geburt seiner Kinder gestellt und sich von den gesellschaftlichen Traditionen gelöst. Leicht war die Entscheidung nicht.

Was ist emotionaler, als die Vornamenswahl für ein Kind? Die Wahl des Nachnamens oder eines gemeinsamen Familiennamens. Ich erinnere mich noch gut daran, wie leicht es uns gefallen ist, die Vornamen für unsere Kinder zu bestimmen. Beim Nachnamen hingegen gab es lange Diskussionen. Was macht die Wahl des Familiennamens so schwierig, wo es doch unendlich viele Vornamen gibt, aber meist nur zwei Nachnamen, die zur Auswahl stehen?

Namen sind emotional besetzt, sie stiften Identität: Kaum etwas symbolisiert deutlicher die Zusammengehörigkeit als ein gemeinsamer Familienname. Manch einer hängt sehr an seinem Namen und möchte ihn gern an die eigenen Kinder weitergeben. Andere können es kaum erwarten, ihren Nachnamen loszuwerden.

In unserer patriarchalisch geprägten Gesellschaft hat es eine lange Tradition, dass Frauen den Nachnamen des Mannes als Familiennamen annehmen. Bis 1976 waren sie in Deutschland dazu sogar verpflichtet, dann wurde die sogenannte Hausfrauenehe durch das partnerschaftliche Prinzip ersetzt.

Viel geändert hat sich seitdem nicht. Eine repräsentative Studie des Portals ElitePartner aus dem Jahr 2023 zeigt, dass drei von vier Frauen bei der Heirat ihren Nachnamen abgeben. Nur jedes zehnte Paar trägt nach der Hochzeit den Namen der Frau.

Abweichungen vom klassischen Modell gibt es laut Studie vor allem dann, wenn Frauen sich dafür einsetzen: Getrennte Nachnamen seien demnach ein Statement für Gleichberechtigung – oder kämen zustande, weil die Frau aus beruflichen oder persönlichen Gründen an ihrem Namen hängt. Wenn Männer den Namen ihrer Partnerin annehmen, tun sie das laut Studie meist, weil die Partnerin es sich wünscht – oder weil ihr Name besser klingt.

Zwar sind in Deutschland längst nicht mehr alle Eltern verheiratet, die Erkenntnisse der Studie lassen sich aber auf die Wahl des Nachnamens für uneheliche Kinder übertragen, geht es doch um dieselben Emotionen. Erschwerend kommt hinzu: Unverheiratete Paare müssen sich auf einen Nachnamen fürs Kind einigen; einer muss zurückstecken.

Als wir diese Entscheidung treffen mussten, wurde schnell deutlich: Wir kämpfen beide für unseren Namen. Meine Frau argumentierte, ihr Nachname sei sehr selten. Es sei der Name ihrer Oma väterlicherseits. Sie, das jüngste von 13 Enkelkindern, sei die einzige, die den Nachnamen noch weitergeben könnte. Alle Cousinen haben den Namen entweder abgelegt oder sind kinderlos. Würde sie den Namen nun auch abgeben, würde ihr Familienname vermutlich aussterben. Rums.

Zu meinem Nachnamen habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits verbindet er mich mit meinen Eltern, andererseits steht er für keine lange Familientradition. Durch Recherchen in Familiennamen-Atlanten weiß ich, dass der Name „Ströhl“ leider nichts mit Adel zu tun hat. Er ist eine Variante des Namens „Stroh“ vom mittelhochdeutschen Wort „strö“, das einen Bauern oder Strohhändler bezeichnet. Einige deuten den Namen auch als Abwandlung von „Strobel“, was so viel wie „voll Gestrüpp“ oder „struppig“ bedeutet. Es liegt auf der Hand: Wirklich punkten konnte ich damit nicht.

Trotzdem fiel es mir schwer, mich von den mit der Wahl des Nachnamens verbundenen Erwartungen und Gewohnheiten zu lösen. Rückblickend verstehe ich heute besser, warum mir die Entscheidung damals so schwerfiel. Ich habe mich lange an die Bedeutung der Tradition geklammert und geglaubt, dass der Familienzusammenhalt leichter gelingen würde, wenn die Kinder oder die ganze Familie den Nachnamen des Vaters trügen. Was für ein Quatsch.

Zum Glück müssen sich Paare diese Fragen bald nicht mehr in der Art stellen. Das Namensrecht wurde in diesem Jahr angepasst. Das neue Gesetz soll das aus Sicht der Bundesregierung im internationalen Vergleich bisher restriktive deutsche Namensrecht liberalisieren – und zum 1. Mai 2025 in Kraft treten. Ab dann haben Ehepaare und ihre Kinder mehr Freiheiten bei der Wahl ihres Nachnamens.

Unter anderem können Eheleute dann einen Doppelnamen als Familiennamen führen, sodass sich nicht mehr beide für einen Namen entscheiden müssen. Dieser Name kann dann auch zum Geburtsnamen des Kindes werden. Neu ist auch, dass Kinder aus nicht ehelichen Lebensgemeinschaften einen aus den beiden Familiennamen gebildeten Doppelnamen erhalten können.

Wir haben am Ende einen Kompromiss gefunden, über den ich mittlerweile sehr glücklich bin. Unsere Kinder tragen den Nachnamen meiner Frau, haben aber jeweils einen zweiten Vornamen, der an geliebte Mitglieder meiner Familie erinnert. Ich habe meinen eigenen Nachnamen behalten.

Für uns als Familie ist das eine gute Lösung. Lange hatte ich die Sorge, dass es sich seltsam anfühlen würde, wenn meine Kinder nicht meinen Nachnamen tragen. Doch inzwischen kommt es mir eher befremdlich vor, wenn Post für sie mit meinem Nachnamen adressiert ist.

Ich will es gerne wissen: Wie haben Sie das in Ihrer Familie mit dem Nachnamen geregelt? Oder schauen Sie gespannt auf den Mai 2025, wenn das neue Gesetz in Kraft tritt? Schreiben Sie mir!

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