Pläne in Süderneuland Anwohner wehren sich erneut gegen geplante Windkraftanlagen
Zum dritten Mal will die Stadt Flächen für Windkraftanlagen ausweisen. Angedacht sind diesmal 200 Meter hohe Anlagen. Das stößt im betroffenen Ortsteil Süderneuland auf erbitterten Widerstand.
Norden - Bereits zum dritten Mal nach 2009 und 2016 versucht die Stadt Norden eine Fläche in Leegland/Süderneuland für neue Windkraftanlagen auszuschreiben. Dafür soll nach Vorschlag der Verwaltung die 118. Änderung des Flächennutzungsplans „Windkraft“ beschlossen werden – sehr zum Ärger der Anwohner des benachbarten Wurzeldeichs. Die waren davon ausgegangen, dass das Thema endgültig vom Tisch sei. Schließlich gibt es zwei frühere Ratsbeschlüsse gegen die Windkraftanlagen auf der weitgehend naturbelassenen Fläche. Auch deshalb haben sich in den vergangenen Jahren weitere Familien am Wurzeldeich angesiedelt. Umso größer ist jetzt der Frust. Denn die nun geplanten Windkraftanlagen sollen sogar 200 statt wie früher geplant 100 Meter hoch werden. Das bestätigte Stadtbaurat Christian Pohl. Auch wenn das Verfahren noch in einer frühen Phase ist, regt sich schon jetzt der Widerstand bei den Anwohnern.
Darunter Insa Heeren, die mit ihrem Grundstück direkt an die betroffene Fläche im Leegland grenzt. „Wir haben ganz klar ein Interesse, weil wir hier wohnen. Ich bin auch kein Windkraftgegner. Wir brauchen alternative Energien. Es muss nur einfach geguckt werden, wo die Anlagen hinkommen“, sagte Insa Heeren im Gespräch mit unserer Zeitung. Hannelore Dröss flehte in öffentlicher Sitzung geradezu darum, die Natur vor Ort nicht zu zerstören. Auch ihr Nachbar Christof Hentschel, Pfarrer der katholischen Gemeinde in Norden, ist wenig begeistert von den neuerlichen Plänen der Stadt. Beide fürchten zum einen die negativen Auswirkungen der 200 Meter hohen Anlagen – insgesamt sollen drei dieser Anlagen auf einer Fläche von 45 Hektar entstehen. Außerdem halten sie die Natur zwischen dem Gewerbegebiet Leegemoor und dem Wurzeldeich angesichts der dort vorhandenen Artenvielfalt für schützenswert und wichtiger als neue Windkraftanlagen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass der Landkreis Aurich sein von der Bundesregierung festgelegtes Teilflächenziel für die Ausweisung von Windkraftanlagen längst erreicht hat.
Stadtbaurat verschaffte sich einen Eindruck vor Ort
Wer mit dem Fahrrad über den Wurzeldeich fährt – eine vom Tourismus Service ausgewiesen Radroute – und am Addingaster Tief stehenbleibt, findet tatsächlich ein Stück unberührter Natur. Frösche quaken, Vögel zwitschern, Insekten krabbeln durch das hohe Gras. Immer wieder ziehen Vögel, darunter auch Greifvögel wie der Adler, über den Wiesen ihre Kreise. Igel sind hier genauso zu finden wie Rehe. Es gibt Ponykinder und Angler. Am Wochenende sind unentwegt Radfahrer unterwegs. Es ist ein kleines Stück Naherholung unweit der Stadt. Sollten die Anlagen gebaut werden, wäre es damit vorbei, denn zusätzlich zu den Windkrafträdern müsste quer durch das bisherige Feuchtgebiet eine Zuwegung zur Bewirtschaftung der Anlagen gebaut werden.
Sogar Stadtbaurat Christian Pohl habe sich bei einer gemeinsamen Begehung des Gebietes gewundert, dass sich noch niemand bei der Unteren Naturschutzbehörde in Sachen Landschaftsschutz gemeldet hat, sagte Anke Lohmann, die gemeinsam mit ihrer Schwester Insa Heeren Christian Pohl durch das Gebiet geführt hat. Wie Pohl auf Nachfrage bestätigte, wollte sich der aus dem Ahrtal zugezogene Stadtbaurat selbst einen Eindruck von der Situation vor Ort machen. „Aufgrund der Fragen in der Einwohnerfragestunde in der Ratssitzung hat Christian Pohl die Notwendigkeit gesehen, sich nicht mehr nur am Schreibtisch mit dem Thema Windenergie zu befassen, sondern sich auch einen Eindruck über die Örtlichkeit zu verschaffen“, heißt es aus dem Rathaus. Sein erster Eindruck: Das Gebiet Leegland vermittelt im Vergleich mit anderen Potenzialflächen westlich des Marschweges weitaus mehr den Eindruck unberührter Natur. Auch sei für ihn gut nachvollziehbar, dass die Anwohner eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes durch die Windkraftanlagen fürchten.
Insgesamt drei Flächen sollen ausgewiesen werden
Insgesamt sollen mit der 118. Änderung des Flächennutzungsplans „Windenergie“ drei Potenzialflächen für die Windkraft ausgewiesen werden: westlich des Marschweges in der Ostermarsch (Teilgebiet 1), Leegland (Teilbereich 2) sowie zwischen Strohdamm und Carl-Wenholt-Straße in Leybuchtpolder (Teilbereich 3). Drei Parteien wollen nach den Windpark gemeinsam errichten lassen – darunter mit 34-prozentiger Beteiligung die Stadtwerke Norden und Nils Kutscher von der LVM-Versicherungsagentur.
Laut Stadtverwaltung haben aktuelle Gutachten zu den drei Flächen ergeben, dass trotz der gefühlt unberührten Natur in Leegland das Gebiet in Ostermarsch für den Vogelzug viel bedeutender ist. „Brut- und Gastvögel wurden bereits 2016 in bedeutsamen Umfang kartiert, nach aktuellen Gutachten aus diesem Jahr erreicht das Teilgebiet in Ostermarsch für Gastvögel insgesamt landesweite Bedeutung, für einzelne Arten von Gastvögeln ist das Gebiet sogar international bedeutsam“, teilte die Stadtverwaltung mit. Das bedeute aber nicht, dass „zwingend von Flächenausweisungen für die Windkraft auf Flächennutzungsplanebene gänzlich Abstand genommen werden muss“, so die Einschätzung von Stadtbaurat Christian Pohl. Mit den Erkenntnissen müsse aber im Rahmen des Genehmigungsverfahrens umgegangen werden. Sämtliche für die einzelnen Teilgebiete in Auftrag gegebenen Gutachten würden im weiteren Verfahren offengelegt, kündigte Pohl an. Darin seien alle Tier- beziehungsweise hier insbesondere Brut- und Gastvogelarten – auch Rote-Liste-Arten – aufgelistet, einschließlich einer Einschätzung zu deren lokaler, regionaler, landesweiter und internationaler Bedeutung.
Laut Insa Heeren gehören die Flächen in Leegland auch zu einer Vogelzugroute. Auf beiden Seiten des Addingaster Tiefs sollen nach aktuellen Plänen Flächen für die Windkraft ausgewiesen. „Also genau da, wo die meisten Tiere sitzen, wo sie rasten, wo die Vogelzugroute ist und auch die Fledermäuse unterwegs sind“, so Heeren. Schon jetzt höre sie in ihrer Siedlung den Windpark in Osteel, wenn der Wind aus südlicher Richtung kommt. Sie mag sich nicht vorstellen, wie die Geräuschbelästigung ist, wenn die 200-Meter-Anlagen direkt hinter ihrem Haus gebaut werden. Ihr ist dennoch klar: „Wir können das Ruder nicht komplett rumreißen, aber wir können immer wieder darauf aufmerksam machen, dass das wirklich ein schützenswertes Gebiet ist“, so Heeren.
Verwaltung will mit Planern klären, wie es weitergeht
Auch ihre Schwester Anke Lohmann versteht nicht, warum das Gebiet erneut in die Planungen für die Windkraft mit einbezogen werden soll. „Landrat Olaf Meinen hat selbst einmal in einem Artikel gesagt, dass die naturnahen Gebiete verschont werden sollen, weil der Landkreis Aurich sein Soll erfüllt hat“, sagte sie. Es sei völlig unverständlich, warum die Stadt Norden ausgerechnet an das Leegland wieder ran wolle – zumal es in der Vergangenheit von den damaligen politischen Mehrheiten abgelehnt worden sei.
Ob die Anlagen tatsächlich gebaut werden, ist auch diesmal noch nicht klar. Von der Stadtverwaltung heißt es: „Es gilt nun zu entscheiden, ob weitere bislang durch Windenergieanlagen nicht vorgeprägte Flächen ausgewiesen werden sollen, obwohl das Teilflächenziel des Landkreises Aurich bereits erreicht ist.“ Bisher gibt es 16 Stellungnahmen von Trägern öffentlicher Belange und 20 private Stellungnahmen, teilte die Verwaltung mit. Aufgrund der Gutachtenlage sei die Stadt nun in sehr intensivem Austausch mit dem Planungsbüro über die Art und Weise, wie das Planverfahren fortgeführt werden soll. Klar ist: In diesem Jahr wird das Thema in den politischen Gremien nicht mehr öffentlich behandelt werden. Dazu sei das Thema zu komplex, so die Verwaltung.