Osnabrück „Schock, Angst, Wut“: So verarbeiten Juden in Deutschland den Hamas-Angriff vom 7. Oktober
Der Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und wachsender Antisemitismus hierzulande machen Juden in Deutschland schwer zu schaffen. Eine aktuelle Studie der Universität Osnabrück beleuchtet die seelischen Folgen.
Am 7. Oktober 2023 töteten Terroristen der radikal-islamistischen Hamas und anderer Gruppen in Israel rund 1200 Menschen, etwa 250 weitere verschleppten sie als Geiseln in den Gazastreifen. Es war der Auslöser für den bis heute andauernden Gaza-Krieg.
Psychologen der Universität Osnabrück haben untersucht, was das antisemitische Massaker vor einem Jahr bei Juden in Deutschland ausgelöst hat. Und mit welchen Mitteln sie versuchen, es zu bewältigen. Zumal auch die Zahl judenfeindlich motivierter Straftaten hierzulande stark zunimmt.
Für ihre nicht vollständig repräsentative Studie führten die Wissenschaftler um den Entwicklungspsychologen und gebürtigen Israeli Maor Shani ausführliche Interviews mit 18 jüdischen Personen aus verschiedenen Bundesländern. Die Befragten waren den Angaben zufolge zwischen 23 und 68 Jahre alt, verfügten über unterschiedliche Berufe, Einkommen und Bildung.
Manche waren sehr religiös, andere weniger. Viele stammten aus größeren Städten. Eine Teilnehmerin kam aus Osnabrück.
Was wurde festgestellt? Der Hamas-Angriff habe im Leben vieler Befragter für „tiefgreifende emotionale Erschütterung“ gesorgt und Trauma verursacht, heißt es in dem am Montag (7. Oktober) veröffentlichten Forschungsbericht. Teilnehmende berichteten demnach von „intensiven und anhaltenden“ Gefühlen wie „Schock, Angst, Wut und Traurigkeit“.
Daneben zeige sich „ein besorgniserregender Trend zum sozialen Rückzug“. Viele Befragte würden sich „von nicht-jüdischen Bekannten distanzieren“, weil sie das Verständnis der breiten deutschen Gesellschaft für ihre Lage vermissten.
Auf der anderen Seite würden Beziehungen innerhalb jüdischer und israelischer Gemeinschaften gestärkt. Wie auch bei vielen das persönliche Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum wachse – als Reaktion auf den 7. Oktober 2023 und zunehmenden Antisemitismus hierzulande.
Ihrer jüdischen Identität in der Öffentlichkeit Ausdruck zu verleihen, falle den Menschen jedoch immer schwerer. Besonders dort, wo viele Muslime und Araber leben würden, herrscht laut der Studie bei Juden in Deutschland ein „allgegenwärtiges Gefühl von Unsicherheit und Wachsamkeit“.
Maor Shani und die beiden Co-Autorinnen Jana Gerber und Marie Herb vom Osnabrücker Institut für Psychologie bilanzieren:
Um die Situation zu verbessern, schlagen die Forscher verschiedene Maßnahmen vor. Zum Beispiel solle es gezielte psychologische Hilfe für jüdische Menschen geben, die wegen des Hamas-Angriffs oder anderer antisemitischer Erfahrungen unter Trauma und Angst leiden. Auch der Austausch zwischen jüdischer Gemeinschaft und breiter Öffentlichkeit in Deutschland müsse intensiviert werden.
Ferner empfehlen die Wissenschaftler, den rechtlichen Schutz vor Antisemitismus zu erhöhen sowie die Menschen besser über jüdische Geschichte zu informieren.