Osnabrück Sie trifft den Nerv der Zeit: Han Kang und ihre Romane von der Zerbrechlichkeit des Menschen
Der Literaturnobelpreis 2024 geht an die Südkoreanerin Han Kang. Auch wenn nur wenige Beobachter sie auf dem Zettel hatten – der Preis geht an eine Autorin mit einer Botschaft, die den Nerv der Zeit trifft.
Und wenn es eine Autorin aus Asien wird? Im Vorfeld der Verleihung des Literaturnobelpreises 2024 fiel dieser Satz immer wieder, wenn es um die großen Namen ging, die für den Preis heiß gehandelt wurden. Jetzt ist es eine Autorin aus Asien geworden: Han Kang.
Eine Überraschung, ja. Aber die südkoreanische Autorin muss nicht erst entdeckt werden. Spätestens seit dem Man Booker International Prize für ihren Roman „Die Vegetarierin“ war sie in der westlichen Welt, auch beim Lesepublikum gesetzt. Mehrere ihrer Romane liegen in deutscher Übersetzung beim Aufbau-Verlag vor.
Dabei schein es unausweichlich zu ein, endlich Salman Rushdie mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen. Auch Margaret Atwood oder Haruki Murakami wären mehr als würdige Preisträger gewesen. Nun ist es Han Kang geworden. Ihr Name mag auf den ersten Blick weniger prominent, ihr Werk weniger politisch erscheinen. Dieser Eindruck trügt jedoch.
Denn Han Kangs Romane über eine Frau, die plötzlich Vegetarierin wird („Die Vegetarierin“), über die Suche nach Halt und Nähe („Deine kalten Hände“) oder die Trauer über den Tod eines Kindes („Weiß“) sind Bücher mit einer zutiefst politischen Botschaft. Sie handeln von der Verletzlichkeit des Menschen, von der Würde jedes Lebewesens.
Han Kang beschreibt nicht einfach Schicksale, sie verkündet erst recht keine Botschaften. Diese Autorin ziseliert die Schicksale ihrer Figuren, die Wendungen in ihren Biografien in einer überaus feinen Sprache, die selbst in der Erinnerung an ihre Lektüre so wirkt wie der Titel einer ihrer Romane: weiß, ja, schneeweiß. Sprache ist bei Han Kang kein Medium der Mitteilung, sondern ein Sensorium feinster Wahrnehmung.
Damit schafft sie Räume. Räume für sehr eigene Biografien, auf den ersten Blick befremdliche Lebensweisen und eine Wahrnehmung des Körperlichen jenseits aller einengenden Norm. Damit avanciert ihr Werk zu einem einzigen Plädoyer für die Pluralität und die Kostbarkeit des menschlichen Lebens.
Han Kangs Werk fordert dazu auf, selbst sensibel zu sein und empathisch in einer Welt, die gerade das heute immer weniger ist. Leise und eindringlich wirken Han Kangs Bücher – auch als Botschafter für den genuinen Wirkungsbereich der Literatur all der Lautstärken der Talkshows und digitalen Netzwerke.
Der Literaturnobelpreis 2024 geht an Han Kang. Eine gute Nachricht.