Berlin Mehr als tausend Stellen unbesetzt: So viele Schulleiter fehlen in den Bundesländern
Der Lehrkräftemangel macht sich auch bei den Schulleitungen in Deutschland bemerkbar: Mindestens 1286 Stellen sind bundesweit unbesetzt, wie eine Recherche unserer Redaktion zeigt. Geeignetes Personal zu finden, kann Jahre dauern.
Es sollte ein Provisorium sein. Zumindest hatte man sich das vor fast sechs Jahren so gedacht. Damals wurde Lisa Müller von der stellvertretenden Rektorin ihrer kleinen Grundschule in der niedersächsischen Provinz zur kommissarischen Schulleiterin ernannt. Da sie Konsequenzen ihres Schulamtes befürchtet, wenn sie offen spricht, haben wir Müllers richtigen Namen geändert.
Auf Beförderung hatte sie eigentlich keine Lust: „Ich bin Lehrerin geworden, um vor der Klasse zu stehen und jetzt muss ich ständig irgendwelche Statistiken ausfüllen und über Budgets verhandeln“, sagt sie. „Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich eine Banklehre gemacht.“
Vorbereitet gewesen sei sie lediglich auf die Tätigkeit als stellvertretende Rektorin, sprich unterstützende Aufgaben. Doch dann wurde die richtige Rektorin krank und musste in den Ruhestand. Nun muss Müller mit der Stadt über Zuschüsse verhandeln, Ressourcen für die Ganztagsbetreuung organisieren und Formulare ausfüllen. Für ihre eigenen Kinder bleibt kaum Zeit, dabei könnte gerade ihre Tochter die Unterstützung gut gebrauchen, weil sie schlechte Noten in der Schule schreibt. „Sie hat nie gelernt, zu lernen. Das liegt daran, dass ich sie nicht unterstützen konnte“, erklärt Müller. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall.
Eine Umfrage unserer Redaktion unter den Kultus- und Schulministerien der Bundesländer ergibt, dass mindestens 1286 Schulleiterstellen vakant sind. Hessen wollte dabei keine genauen Zahlen beisteuern, aber dort liegen die Vakanzen im „höheren zweistelligen Bereich“, heißt es aus dem Kultusministerium. Ebenfalls ist zur Statistik zu beachten, dass, ähnlich wie im Fall von Lisa Müller, in fast allen Bundesländern das Amt kommissarisch ausgefüllt wird, wenn es frei ist.
Zum 15. August waren in Niedersachsen 162 Schulleiterstellen unbesetzt. Im Vorjahr hat man es geschafft, 124 Stellen zu besetzen. Um letztere Zahl zu erhöhen, setzt Niedersachsen vor allem auf mehr Gehalt. So hat man neben einer Gehaltserhöhung für Grund-, Haupt- und Realschullehrer auch das Gehalt für „bestimmte Schulleitungsämter” angepasst. Ab 2025 sollen die Schulleiter kleinerer Schulen mit unter 80 Schülern zudem in die Gehaltsklasse A14 aufsteigen. Das entspricht einem Grundgehalt von mindestens 4579 Euro.
In Schleswig-Holstein fehlten zum Schuljahresbeginn 61 Schulleiter. Laut Bildungsministerium stehen jedoch 20 Einstellungsverfahren kurz vor einem Abschluss, sodass die Zahl bald sinken dürfte. Neben zahlreichen Fortbildungsmöglichkeiten und besserer Bezahlung will die Landesregierung vor allem den Kandidatenkreis vergrößern. Denn bisher mussten besondere Gründe vorliegen, damit Lehrer die an der selben Schule tätig sind, leichter berücksichtigt werden konnten.
Nordrhein-Westfalen meldet mit 328 die meisten fehlenden Schulleiter, was auch daran liegen könnte, dass Nordrhein-Westfalen die größte Einwohnerzahl hat. Dies sei eine Folge aus dem allgemeinen Lehrkräftemangel, der nicht von heute auf morgen zu beheben sei. Dennoch sei man mit den Ergebnissen aus der Umsetzung eines Handlungskonzeptes zufrieden. Um mehr Lehrer, und damit auch mehr potenzielle Schulleiter, zu gewinnen, setzt man vor allem auf mehr Verwaltungsstellen, bessere Bezahlung und eine höhere Wertschätzung.
Und Lisa Müller? Für sie gibt es keine Anzeichen, dass sie wieder mehr Zeit für Unterricht hat. Ein Kandidat für ihre Schulleitung sei bisher nicht in Sicht. „Ich bin ja stressresistent, aber andere wären sicher schon längst ausgeschieden“, sagt sie. „Es gibt nicht vieles, was ich im Leben anders machen würde, wenn ich noch einmal die Gelegenheit hätte. Aber stellvertretende Rektorin würde ich nicht noch mal werden“, sagt sie.