Osnabrück Hamas-Opfer sah Option für Frieden: Was Hersh Goldberg-Polin uns lehren kann
Weil Jerusalem allen Seiten heilig ist, muss es ein ewiger Grund für Hass und Gewalt in Nahost bleiben. Meinen viele. Doch ausgerechnet das Schicksal eines jungen Israelis, den die Hamas ermordete, hilft dabei, diese Stadt mit anderen Augen zu sehen: als Ressource des Friedens.
Der Israeli Hersh Goldberg-Polin war 23 Jahre alt, als seine Mörder ihn holten. Als die Hamas am 7. Oktober 2023 das Nova-Musikfestival stürmte, zerrten sie ihn aus dem Bunker, in dem er Schutz gesucht hatte. Monatelang durchkämmten israelische Soldaten anschließend die Hamas-Tunnel auf der Suche nach Hersh und hatten ihn Ende August schon fast erreicht, als seine Bewacher ihn umbrachten und flohen. Es heißt, man schoss ihm in den Kopf.
In diesen Tagen, da die Medien so viel über den Jahrestag des Hamas-Massakers berichten, bin ich auf ein Foto von dem Zimmer gestoßen, in dem Hersh einst wohnte, zu Hause bei seinen Eltern, und in das er nun nie mehr zurückkehren wird. Hersh, so hat seine Familie in Interviews erzählt, setzte sich für Völkerverständigung ein. Er träumte vom Frieden. Auf dem Foto sieht man, dass ein Poster vom Felsendom samt Altstadtsilhouette auf seinem Schreibtisch lehnte. „Jerusalem is everyone’s“, steht auf dem Poster: Jerusalem gehört allen.
Jerusalem gehört allen: Das, könnte man sagen, ist ja genau das Problem. Dass diese Stadt nicht nur den Israelis, sondern auch den Palästinensern heilig ist, dass beide Seiten Anspruch auf sie erheben, diese „Jerusalemfrage“ gehört seit jeher zu den zentralen Komplikationen des Nahostkonflikts. Aber ausgerechnet Hersh Goldberg-Polin, den eines Tages islamistische Judenfeinde töten sollten, scheint „Jerusalem is everyone’s“ zeitlebens nicht als das Problem betrachtet zu haben. Sondern als die Lösung.
Und es stimmt ja: Als zentrale Stätte der drei großen monotheistischen Weltreligionen ist Jerusalem eine Wiege der Weltkultur. Das, was bisweilen als „jüdisch-christliches Abendland“ bezeichnet wird, stammt von dort, aus dem Morgenland also, und der Islam gleich mit. In Jerusalem herrschte König David. Hier starb Jesus von Nazareth am Kreuz. Hierhin wandte sich Mohammed, um zu beten. Jerusalem ist Heimat, für ziemlich viele Menschen auf der ganzen Welt, selbst wenn sie nie dort waren.
Es hat im Laufe der Geschichte immer neue Anläufe gegeben, sich um dieses gemeinsame Erbe zu befehden. Aber wäre es nicht mindestens genauso nahliegend, Jerusalem als das anzuerkennen, was es ist, ein Ort der Gemeinsamkeiten? Eine Stadt, die verbindet? Eine Ressource der Aussöhnung womöglich?
Klingt naiv? Ja, das tut es wohl, und was bürgte besser dafür als der kaltblütige Mord an Hersh Goldberg-Polin selbst und das Schicksal der mehr als tausend anderen Opfer vom 7. Oktober. Aber sogar der Bürgermeister von Jerusalem, Mosche Lion, konnte sich zumindest bis vor Kurzem von ähnlichen Träumereien nicht ganz freisprechen. „Die Araber, die hier leben, haben sehr tiefe Wurzeln“, hat er kurz nach seiner Wahl 2019 in einem Interview gesagt. „Diese Stadt ist 3.000 Jahre alt, und alle haben hier schon gelebt. Jerusalem gehört der Welt.“
Und schon in den Psalmen, dem Gebetbuch Israels, scheint dieser Gedanke bereits vorausgeahnt zu sein, dabei gab es zu deren Entstehung noch gar keine Christen und Muslime. „Doch von Zion wird man sagen: Jeder ist dort geboren“, heißt es in Psalm 87. Jerusalem is everyone’s, stand in Hersh Goldberg-Polins Zimmer. Möge seine Generation wenigstens noch einen Vorgeschmack von dem erleben, was er damit gemeint haben könnte.