Waren im Supermarkt  Produkte aus Russland sind in Aurich weiterhin tabu

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 08.10.2024 14:06 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Hersteller aus Dresden nennt das Gebäck immer noch Russisch Brot, während Bahlsen aus Hannover die süßen Lettern als ABC bezeichnet. Klein gedruckt steht auf der Tüte allerdings noch die Ursprungsbezeichnung. Foto: Boschbach
Der Hersteller aus Dresden nennt das Gebäck immer noch Russisch Brot, während Bahlsen aus Hannover die süßen Lettern als ABC bezeichnet. Klein gedruckt steht auf der Tüte allerdings noch die Ursprungsbezeichnung. Foto: Boschbach
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Wer in Aurich Pelmeni oder Wodka kaufen will, wird zwar fündig. Erst beim zweiten Blick merkt er allerdings, was tatsächlich in seinem Warenkorb landet.

Aurich - Auch intensives Durchwühlen der Eistruhen in den Auricher Edeka-Märkten ist vergeblich: Die Moskauer Schnitten der Edeka-Eigenmarke Gut und Günstig bleiben verschollen. Stattdessen muss der Verbraucher mit einem Vanille-Sandwich-Eis vorliebnehmen. Was steckt dahinter? Auf eine entsprechende Anfrage hin bestätigte ein Unternehmenssprecher aus Minden nur, dass es tatsächlich eine Namensänderung bei der Eisschnitte gegeben habe, nannte aber den Beweggrund nicht.

Wer da mal nicht den Überblick verliert. Das Foto zeigt die Produktion von Russisch Brot in Dresden. Foto: dpa/Hickel
Wer da mal nicht den Überblick verliert. Das Foto zeigt die Produktion von Russisch Brot in Dresden. Foto: dpa/Hickel

Bei der Gelegenheit wollte die Redaktion wissen, ob die Lebensmittelkonzerne tatsächlich ihre Ankündigung wahr gemacht haben, in Zukunft vorerst keine Produkte mehr aus Russland zu verkaufen. Das hatte die Deutsche Presse-Agentur vor rund zwei Jahren gemeldet. Russische Waren würden demnach „aktuell nicht nachbestellt“, hieß es von der Schwarz-Gruppe, zu der die Lebensmittelhändler Kaufland und Lidl gehören. „Die Geschehnisse in der Ukraine machen uns nach wie vor sehr betroffen. Wir unterstützen weiterhin alle Sanktionen, die von der EU und der Bundesregierung auf den Weg gebracht wurden und werden“, sagt ein Unternehmens-Sprecher von Edeka-Minden. Deshalb habe man bereits vor geraumer Zeit beschlossen, alle Produkte, die in Russland produziert werden, nicht mehr zu bestellen. Dafür biete man aber alternative Produkte aus internationaler Produktion an.

Alles für die Kunden

Für Kunden ist das oft kaum wahrnehmbar. „Wir bekommen osteuropäische Produkte von dem Großhändler Dovgan aus Hamburg geliefert“, sagt Wilko Behrends. Der Inhaber des Edeka-Marktes in Wallinghausen verweist darauf, dass der auch polnische und arabische Produkte im Sortiment habe. Seit 2005 ist Dovgan sogar selbst Produzent, unter anderem von Pelmeni, mit Fleisch gefüllten Teigtaschen. Sie fehlen in keinem russischen Haushalt und werden in Rostock hergestellt. Zwei Jahre später wurde Plombir gegründet, eine Firma, die Eis nach russischer Art herstellt. Die Tiefkühlsparte habe einen großen Anteil an den Umsätzen von Dovgan, heißt es in Branchenkreisen.

Ein Bäckergeselle aus Dresden hat Russisch Brot im 19. Jahrhundert nach Deutschland gebracht. Foto: dpa/Novopashina
Ein Bäckergeselle aus Dresden hat Russisch Brot im 19. Jahrhundert nach Deutschland gebracht. Foto: dpa/Novopashina

Wie wichtig es ist, ein umfangreiches Sortiment vorzuhalten, weiß auch Jann Bargmann. Der Auricher leitet das E-Center Coordes an der Raiffeisenstraße. Er möchte in seinem Vollsortimenter-Markt mit 25.000 bis 30.000 Artikeln möglichst alles verfügbar haben, wie er unlängst im Gespräch mit der Redaktion sagte.

Pelmeni sind verfügbar

Aktuell seien die russischen Lebensmittel in zwei Regalblöcken untergebracht. Diese Produkte werden aber offenbar nicht mehr in Russland produziert, sondern in anderen Ländern, etwa in Polen oder auch in Deutschland. „Gleichwohl finden die Artikel einen guten Absatz. Es wäre schade, wenn die verschwänden“, sagt E-Center-Mitarbeiterin Tanja Janssen.

Aldi hat sein russisches Sortiment komplett ausgelistet, wie Axel von Schemm, Unternehmenssprecher von Aldi Nord, auf entsprechende Anfrage bestätigt. „Wir führen keine Produkte von russischen Lieferanten mehr“, heißt es. Der Rewe-Markt von Patrick Dolata im Auricher Caro verfügt nur über ein eingeschränktes Sortiment an osteuropäischen Produkten. „Pelmeni bieten wir noch an“, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Der Bünting-Konzern führt zahlreiche Produkte, die

in Baltikum, Polen, Ungarn, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern hergestellt werden und vom Sortiment her sich stark dem annähern, was in Russland an Lebensmitteln konsumiert und produziert wird. „Diese Produkte erfreuen sich vor allem bei unseren Kundinnen und Kunden osteuropäischer Herkunft großer Beliebtheit“, sagt Bünting-Sprecherin Sophie Bloser.

Ein rein russisches Sortiment mit in Russland hergestellten Produkten führen der Konzern seit 2022 nicht mehr: „Dies wurde uns auch von unseren Herstellerfirmen bestätigt und schließt Produkte wie Spirituosen oder Kaviar mit ein.“

Kein Russisch Brot in Russland

Wäre es denn auch denkbar, dass das beliebte Gebäck Russisch Brot, ein Keks-

Klassiker, aus den Regalen verschwindet? Offenbar nicht, wie eine Recherche dieser Zeitung ergab. Dieses Produkt wird in Deutschland hergestellt, entweder von Bahlsen oder von Dr. Quendt, einem Produzenten aus Dresden. Es steht also nicht auf dem Index der großen Lebensmittelhändler.

Ironie der Geschichte: Die süße Leckerei war im 19. Jahrhundert in St. Petersburg sehr beliebt. Auch der Dresdner Bäckergeselle Ferdinand Wilhelm Hanke lernte die leckeren Lettern während seiner Lehrjahre an der Newa kennen, brachte das Rezept in seinen Besitz und führte das Naschwerk 1845 in seiner Heimatstadt unter dem Namen „Russisch Brot“ ein. Es wurde ein Verkaufshit. In Russland indessen ist das süße Alphabet in Vergessenheit geraten.

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