Osnabrück Warum wir gerade jetzt viel mehr Geld für Kultur und Bildung brauchen
Kultur hat es schwer. Streichungen und kleinmütiges Denken beherrschen die Agenda. Warum ist das so? Und warum gibt es nicht gerade jetzt mehr Geld für Kultur? Meine Meinung: Das ist überfällig.
Schauen Sie auch so gern die Sendung „Kulturzeit“? Fühlen Sie sich auch bestens informiert und frisch inspiriert? Wenn ja, dann genießen Sie ab sofort jede einzelne Sendung. Es könnte sein, dass dieses Format demnächst Geschichte sein wird.
Pläne zur Reform des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks sehen vor, die Angebote von 3sat in dem europäischen Kultursender Arte aufgehen zu lassen. Im Klartext: 3sat soll gestrichen werden. Komplett.
Warum mich das umtreibt? Weil sich diese Pläne nahtlos in ein Szenario der Streichungen und Kürzungen einfügen. Das Goethe-Institut hat künftig weniger Geld zur Verfügung. Die Konsequenz: Weltweit werden Standorte geschlossen.
Die Berliner Theater sollen ab 2025 in zwei Jahren 20 Prozent ihrer Etats einsparen. Da Theater durchschnittlich nur zehn Prozent ihres Budgets für das künstlerische Programm zur freien Verfügung haben, ist die Folge der Kürzung klar: Die Bühnen werden Mitarbeiter entlassen und ihr Programm zurückfahren müssen.
Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ob 3sat, Goethe-Institut oder Berliner Theater, immer geht es um eine neue Kulturfeindlichkeit. Kultur scheint für Planer in Ministerien und Sendeanstalten nur ein Sonntagsprogramm zu sein, eine Frage der Freizeit, fakultativ, aber keinesfalls notwendig.
Meine Meinung: Kultur wird gerade immer wichtiger. Sie verdient volle Aufmerksamkeit und auf jeden Fall deutlich mehr Geld. Die fragmentierte Gesellschaft braucht Arbeit für ihre erneute Integration. Genau das ist aber eine Frage der Kultur.
Denn Kultur ist kein Betrieb, keine bloße Sparte. Kultur ist das Bedeutungsprogramm der ganzen Gesellschaft. Und damit ihr Kerngeschäft. Freie Gesellschaften sind komplex. Kultur vermittelt und repräsentiert diese Komplexität. Sie ist das Medium der Verständigung, der Navigator im Raum der gemeinsam geteilten Werte, Themen, Kommunikationen, Erinnerungen.
Warum erfährt sie dann nicht viel mehr Aufmerksamkeit? Gerade jetzt, in einer Zeit der fragmentierten Gesellschaft, gehört Kultur nach vorn. Ihre Institutionen und Projekte müssen bestens ausgestattet, ihre Macher ermutigt werden – ebenso übrigens wie jene der Bildung. Kultur wird gebraucht, nicht als Manege der Stars, sondern als Arena erneuerter Verständigung.
Ich finde, dass Kultur deshalb mit neuem Anspruch gedacht werden sollte. Deutschland, das Land der Dichter und Denker? Das war vielleicht einmal. Heute ist Deutschland ein Land nachlassender Schreib- und Lesekompetenz, ein Land, in dem Intellektualität eher belächelt als bewundert wird. Das Denken in Zielgruppen bezeichnet einen gefährlichen Kleinmut.
Die extreme Rechte weiß es übrigens besser. Ihre Vordenker haben von dem marxistischen Philosophen Antonio Gramsci gelernt und Kultur als Kampfzone entdeckt. Sie arbeiten konsequent an einer kulturellen Hegemonie, die der politischen Dominanz vorausgehen soll. Warum überlässt man ihr diese Räume? Warum streicht man dort, wo es darauf ankommt – an der Kultur?