Wohnungsnot in Aurich Frau mit drei Hunden findet keine Wohnung
Sabrina Driftmann muss wegen ihres Berufs von Bückeburg nach Aurich ziehen. 80 Vermieter hat sie bisher angeschrieben. Makler zeichnen ein düsteres Bild des Miet-Marktes.
Aurich - Alle paar Wochen war es mal wieder so weit: Sabrina Driftmann setzte sich in Bückeburg hinter das Steuer ihres Autos, gab im Navigationssystem eine Adresse in Aurich ein und brauste los. 279 Kilometer für die kürzeste Strecke, wenn sie bei Rheine auf die Autobahn A31 fuhr. Fast drei Stunden lang war sie dann unterwegs − sofern die Verkehrsverhältnisse es zuließen. Anschließend fuhr sie die Strecke wieder zurück. Das nahm die 34-Jährige alles auf sich, um Wohnungen anzuschauen.
Aus beruflichen Gründen musste die gelernte tiermedizinische Fachangestellte sich ein neues Zuhause im Landkreis Aurich suchen. Am 1. September 2024 sollte sie ihre neue Stelle antreten. Ein fast übermenschlich schweres Unterfangen, wie Sabrina Driftmann innerhalb von vier Monaten feststellen durfte. Ihr Handicap: Sie hat drei Hunde, einen Podenco-Mischling namens Yuma, einen Rottweiler sowie einen Rottweiler-Mix als Pflegehund.
Hunde sind ihre Kinder
Die Wahl-Ostfriesin ging damit, wie sie sagt, auch sehr offensiv um. „Ich habe es in jede der rund 80 Bewerbungen geschrieben, die ich über E-Bay-Kleinanzeigen und andere Quellen erhalten habe.“ Davon hätten etwa 30 Vermieter gar nicht erst reagiert. Rund 45 hätten sich gemeldet, aber abgewinkt, als sie nicht auf die Hunde verzichten wollte. „Das sind meine Kinder“, sagt Sabrina Driftmann und in ihrer Stimme schwingt Empörung. Die würde sie niemals weggeben.
Sie würde auch nicht auf eines ihrer Tiere verzichten. „Meinen ersten Hund hatte ich mit zwölf Jahren, doch schon bald ist ein zweiter dazugekommen“, sagt sie. Der Rottweiler namens Micki lebe seit 2021 bei ihr, er stamme eigentlich aus dem Tierheim in Bückeburg, doch dort habe man ihn nicht vermitteln können. Als irgendwann eine Pflegestelle für ihn gesucht worden sei, habe sie sich gemeldet. Und jetzt gehöre er eben zur Familie.
Wohnung direkt am Kanal
Vier bis sechs Wohnungen habe sie sich tatsächlich angesehen, sagt die gebürtige Mindenerin, unter anderem eine Drei-Zimmer-Wohnung in Großefehn, Parterre, eine Lage direkt am Kanal. „Das war eine Massenbesichtigung“, erinnert sich Sabrina Driftmann. Der Makler hatte verschiedene Termine im Stundentakt vergeben. Alles wurde durchgeschleust, junge Paare mit Kind, Rentner, Einzelpersonen mit großem Platzbedarf. Nur sie sei leer ausgegangen, sagt die Hundefreundin.
Schließlich habe sie durch Vermittlung von Bekannten und Freunden in Ostfriesland tatsächlich eine passende Wohnung gefunden, allerdings in Tettens im Wangerland. Fahrzeit: wenn es gut läuft, für eine Strecke 45 Minuten. Das sei auf die Dauer keine Lösung, so ihre Einschätzung. Einen Rückzieher zu machen und in Bückeburg zu bleiben sei für sie aber keine Option gewesen: „Ich habe schon als Teenager davon geträumt, an die Küste zu ziehen.“ Sie liebe einfach die Menschen und die Landschaft in Ostfriesland. Hier sei die Gangart noch gemächlich. Sie müsse eben weitersuchen.
Hohe Mieten sind die Regel
Das kann sich durchaus als schwierig erweisen, wie eine Recherche der Redaktion bei einigen Maklern im Landkreis Aurich ergab. „Menschen, die derzeit eine Wohnung suchen, sind zu bemitleiden“, sagt Volker Iben. Der Immobilienmakler ist in Aurich für die Agentur VIP Immobilien tätig. Er bezeichnet die Situation als extrem. Das sei etwa seit einem Jahr der Fall. Für einen Investor lohne es sich nicht mehr, eine Wohnung zu kaufen, wenn er für einen Kredit viereinhalb bis fünf Prozent an Zinsen zahlen müsse.
Vor etwas mehr als zwei Jahren sei dafür noch ein Prozent gefordert worden, sofern der Antragsteller liquide war. Wer jetzt doch noch einen Kauf tätige, wolle eine entsprechend hohe Miete haben. Für eine Neubau-Wohnung müsse man im Schnitt 12 Euro pro Quadratmeter bezahlen, 15 Euro dann für eine in einer sehr guten Lage mit Top-Ausstattung.
Der Markt ist überreizt
Auch Johanne Ohling zeichnet ein düsteres Bild des Mietwohnungsmarktes in der Stadt. Die Immobilienmaklerin aus Aurich sagt, die Situation sei derzeit sehr angespannt. Besonders schlechte Chancen habe jemand, der über ein geringes Einkommen verfüge oder alleinerziehend sei. „Diese Menschen haben kaum eine Chance“, ist ihre Beobachtung. Der Markt sei sehr überreizt, weil Nachfrage und Angebot in einem krassen Missverhältnis stünden.
Johanne Ohling sagt, es gebe Vermieter, die regelrecht Angst vor Mietern hätten. Die ein Haus lieber leerstehen ließen, weil sie Mietnomaden oder Scherereien fürchteten. „Ich kann niemanden zwingen, seine Immobilie zu vermieten“, sagt die Maklerin.
Das wirkt sich negativ aus
Welche Faktoren wirken sich negativ aus? Laut Johanne Ohling gibt es etliche Zuzügler aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet, die ursprünglich ein Haus hätten kaufen wollen, doch dann auf eine Mietwohnung umgeschwenkt seien, weil die Preise für Häuser in die Höhe geschossen sind. Ein weiterer Punkt: Etliche Wohnungen in Aurich und dem Landkreis werden für Flüchtlinge benötigt. Nach aktuellen Angaben sind dafür 324 Wohnungen angemietet worden.
Bitter: Wenn jemand einen Hund hat, sinken die Chancen, eine Wohnung zu finden, im Schnitt um 50 Prozent. Das sagte ein Makler, der namentlich nicht genannt werden möchte. Sabrina Driftmann kann deshalb nur auf einen hundevernarrten Vermieter hoffen. Die soll es dem Vernehmen nach noch geben.