Hamburg Als „Säuferkind“ auf dem Kiez: Wie Cornelia Hoppe der Co-Abhängigkeit entkam
Wie überwindet man eine bitterarme Kindheit mit zwei alkoholkranken Eltern im Hamburger Vergnügungsviertel? Für Cornelia Hoppe wurde es ein langer, schwerer Prozess, den sie nun in einem Buch aufgearbeitet hat.
„Man hat immer die Wahl. Die Frage ist, ob man immer die Kraft hat“, sagt Cornelia Hoppe. Die heute 56-Jährige musste viel Kraft aufbringen, als kleines Mädchen, als Teenager, als erwachsene Frau. Kraft, die anderen fehlte.
Der ältere ihrer beiden Brüder trank sich zu Tode. Alle drei Geschwister wuchsen als Kinder schwer alkoholkranker Eltern auf. Die Abhängigkeit holte den Ältesten später wieder ein, den kompletten sozialen Abstieg, den die Eltern noch durchgemacht hatten, erlebte er nicht mehr. „Etwa ein Jahr war er arbeitslos, da fand seine Frau ihn eines Tages tot auf dem Sofa“, erinnert sich Hoppe. „Er hat immer davon geredet, sich noch einmal neu erfinden zu wollen. Stattdessen hat er sich im Alkohol ertränkt.“
14 Jahre Altersunterschied trennten die beiden, zehn Jahre älter als sie ist Cornelias zweiter Bruder. „Ich habe die beiden früher manchmal beneidet, weil sie noch die besseren Zeiten der Familie mitmachen durften“, sagt die Hamburgerin. „Dabei muss es umso furchtbarer gewesen sein, mitzuerleben, wie alles den Bach runterging.“
Der Vater, traumatisiert von seinen Erlebnissen als Wehrmachtssoldat an der Ostfront, habe mitten im Wirtschaftswunder seine Klempnerfirma in den Bankrott gewirtschaftet: „Auf dem Bau wurde damals viel getrunken, und mein Vater trank immer noch etwas mehr und etwas länger als die anderen.“ Die Mutter, als Adoptivkind eines Lehrerehepaars in Altona aufgewachsen, sei mit der Buchführung des angeschlagenen Unternehmens überfordert gewesen. „Dabei spielte ihr extremer Alkoholkonsum natürlich eine Rolle“, sagt Hoppe.
Als Cornelia zur Welt kommt, ist die Familie schon ganz unten angekommen. Genauer: Am Hamburger Berg auf St. Pauli, in einer ungeheizten, ständig klammen Wohnung im vierten Stock eines schäbigen Hauses. Gegenüber ein Pornokino, links die Straße runter Richtung Reeperbahn die Absturz-Kneipen „Zum Goldenen Handschuh“ und „Elbschlosskeller“. Eine Kindheitserinnerung? „Der Geruch von kaltem Zigarettenrauch.“
Ein klassischer Unfall sei sie gewesen und habe das auch zu hören bekommen, vor allem von ihrer Mutter, wenn sie betrunken war oder verkatert: „Dann konnte es vorkommen, dass sie mich an den Haaren durch die Küche schleifte.“ Auf ihren Mann sei sie mit leeren Bierflaschen losgegangen. „Und wenn der Alkohol sie rührselig machte, sagte sie wieder, dass ich ihr größtes Glück bin und wie sehr sie mich liebt“, erzählt Cornelia Hoppe, das „Säuferkind“. So heißt das Buch, das gerade im Ullstein Verlag erschienen ist und in dem die selbstständige Goldschmiedin ihr Leben als Co-Abhängige aufarbeitet.
„Das Buch ist innerhalb eines Jahres entstanden“, erklärt Hoppe, und doch reichen dessen Ursprünge bis in ihre Kindheit zurück: „Ich hatte keine Hobbys, wie andere Kinder. Sport oder ein Musikinstrument – dafür hätten meine Eltern sich ja um mich kümmern müssen. Aber ich war kreativ, und ich habe Tagebuch geschrieben. In dem Buch wird daraus zitiert.“ Dabei entsteht ein anderes Bild von St. Pauli, als Kieztouren, Fernsehserien oder vermeintliche Reality-TV-Formate suggerieren.
So beschreibt Hoppe, wie sie nach dem Kindergarten mit ihrer Mutter beinah täglich in der Kiez-Kaschemme des Ehepaars Stahl landete.
Statt einer regelmäßigen warmen Mahlzeit gibt es ab und an eine kalte Frikadelle. „Ekelhaft“ findet sie es, wenn Gäste ihr auf dem Weg zur Toilette den Kopf tätscheln, „auch wenn es vielleicht nett gemeint war“. Aber es sei immer noch besser gewesen als in der Wohnung: „Es war wenigstens warm.“ Manchmal habe sie mit ihrem Bruder zu Hause die Schränke nach Alkohol durchsucht und ihn dann weggeschüttet, „dann haben wir meiner Mutter wieder geholfen, ihren Weinbrand zu beschaffen.“ Co-Abhängigen-Schicksal.
Mehrfach zieht die kaputte Familie um, wenn die Eltern mal wieder aus einer Wohnung fliegen. Wo sie auch hinkommt, versucht Cornelia ihre Herkunft zu verbergen, niemals bringt sie Schulfreunde mit nach Hause: „Anders als meine älteren Brüder. Deren Kumpel fanden es natürlich toll, dass bei uns überall Alkohol zur freien Verfügung herumstand.“ Und trotz allem sei es immer ihre größte Angst gewesen, dass das Jugendamt kommen und sie ihren Eltern wegnehmen könnte: „Es war die bedingungslose Liebe eines Kindes seinen Eltern gegenüber.“
Ein bisschen Freiheit bringt das erste Fahrrad. „Meistens bin ich zu einer Bank nahe den Mundsburg-Hochhäusern geradelt. Ich habe es immer sorgfältig abgeschlossen, obwohl ich genau daneben saß“, erinnert sich Cornelia Hoppe. Mit 16 der endgültige Ausbruch aus dem elterlichen Säuferhaushalt: Cornelia verliebt sich auf der Abschlussfahrt der Realschule in ihren Sportlehrer, zieht mit ihm zusammen. Sicher nicht die typische erste große Liebe eines Teenagers, aber: „Wie hätte ich denn in meinem Umfeld eine normale Beziehung zu einem gleichaltrigen oder etwas älteren Mann aufbauen sollen?“
Sie habe eben notgedrungen früher reifen und Selbstfürsorge lernen müssen, resümiert Cornelia Hoppe: „Als ich mit Ende 20 meinen späteren Ehemann kennenlernte, sagte er, ich sei schon so komplett, das hat ihn beeindruckt.“ Was folgt, ist ein auf den ersten Blick glückliches Familienleben. Der Mann verdient gut, Cornelia gibt ihren Job auf, kümmert sich um die beiden Töchter – und gerät erneut in die Co-Abhängigkeit. Als sie merkt, dass der Alkoholkonsum ihres Mannes ein verträgliches Pensum deutlich übersteigt, ist es bereits zu spät für ein Happy End.
Hoppe erträgt die immer häufigeren Ausfälle ihres Mannes, hofft auf Besserung und wahrt nach außen hin den Schein. Bis es nicht mehr geht. „Ich erinnere mich daran, wie ein Sonntagsfrühstück eskalierte, ich mit einer meiner verzweifelten Tochter auf ihrem Bett saß und dachte: Jetzt reicht es.“ Cornelia Hoppe trennt sich. Um ihre Kinder zu schützen, hat sie „Säuferkind“ nicht unter ihrem richtigen Namen geschrieben, gleichzeitig ist das Buch ihren Töchtern gewidmet.
Cornelia Hoppe hat einen neuen Lebensgefährten, mit dem sie „zum Essen oder beim Ausgehen selbstverständlich auch mal ein Glas Wein“ trinkt. Sie hat die Scham, die ihr abverlangt wurde, überwunden. Und ihre Eltern? „Mein Vater ist immerhin 80 Jahre alt geworden, bemerkenswert für den Lebensstil, den er geführt hat. Meine Mutter hat ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim verbracht, sie litt früh an der typischen Säuferdemenz.“ Ein Wort der Entschuldigung für die geraubte Kindheit hat Cornelia Hoppe nie erfahren.