Loxstedt/Oxnard/Rövershagen Zweites Erlebnisdorf in Niedersachsen: Karls Erdbeerhof stellt neuen Standort für Vergnügungspark vor
Drei Jahrzehnte sind Karls Erdbeerhöfe in Ostdeutschland gewachsen. Firmenchef Robert Dahl plant den Sprung in die USA und kündigt das zweite Erlebnisdorf in Niedersachsen an.
Wer Karls Erdbeer-Imperium auf der Deutschlandkarte markiert, steckt viele Fähnchen in den Osten: Von sechs Erlebnisdörfern, kleinen Vergnügungsparks mit Erdbeermanufaktur, ist nur eines in Schleswig-Holstein, am Stammsitz der Familie von Firmenchef Robert Dahl. Die anderen fünf verteilen sich auf Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In drei Jahrzehnten hat Dahl aus dem Obstbuden-Geschäft ein Agrar- und Tourismus-Unternehmen aufgebaut, mit 700 festen Mitarbeitern, 3000 Saisonkräften rund 200 Millionen Euro Jahresumsatz – fast ausschließlich in den neuen Bundesländern.
„Die meisten Betriebe gehen eher vom Westen aus in den Osten. Wir machen es umgekehrt“, sagt Dahl im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn ab jetzt erweitert Karls sein Einflussgebiet auf ganz Deutschland. Das nächste Erlebnisdorf will Dahl im kommenden Jahr in Loxstedt bei Bremerhaven eröffnen, auch in Oberhausen hat er ein Grundstück gefunden. Und schon vor zwei Jahren hat Dahl in Bayern einen stillgelegten Freizeitpark gekauft, den er ebenfalls in das Rotgrün seiner Beerenwelt tauchen will. Gerade stellte Dahl den zweiten Standort in Niedersachsen vor: Auch in der Lüneburger Heide soll ein Vergnügungspark entstehen, und zwar in Bispingen – günstig gelegen an der A7. Die Eröffnung ist für das Jahr 2027 geplant.
In einer Mitteilung skizzierte die Stadt Bispingen das geplante Angebot. Auf einer Gesamtfläche von rund 40.000 Quadratmetern sollen demnach eine Erdbeer-Raupenbahn, das Karussell Fliegende Schokoladen-Tafel und eine Mais-Scheune entstehen. Die Stadt rechnet damit, dass mittelfristig 250 neue Arbeitsplätze am Standort entstehen.
Robert Dahl plant schon die nächsten Projekte. „Karls Erlebnisdorf soll ein Ausflugsziel werden, das man von jedem Ort in Deutschland aus in maximal einer Stunde per Auto erreicht. In zehn Jahren wollen wir so weit sein. Ein paar Standorte müssen also noch kommen.“
Seine Jugend verlebt Dahl im Westen, wenn auch mit Seeblick nach „drüben“. Der Familiensitz liegt in Warnsdorf an der Lübecker Bucht. Zonenrandgebiet hieß das damals, die deutsch-deutsche Grenze verlief ein paar Kilometer weiter auf dem Priwall, einer Halbinsel an der Travemündung. Als die Mauer fiel, war Dahl gerade 18 Jahre alt. Warum also hat er sich 1993 ausgerechnet in Rövershagen bei Rostock selbständig gemacht? „Unsere Familie kommt aus dem Osten“, antwortet er. Mein Opa – unser Namensgeber Karl – stammte aus Mecklenburg, mein Vater ist in Rostock geboren und meine Mutter hat Wurzeln in Sachsen-Anhalt.“
Richtung Lübeck war die Familie erst nach dem Krieg gezogen. „Unser Mecklenburger Betrieb wurde enteignet und auch nach der Wiedervereinigung haben wir ihn nicht wiederbekommen. Mein Vater hat mich trotzdem ermuntert, nach der Ausbildung nach Rostock zu gehen und mich dort selbständig zu machen“, erzählt er. „Vater und Sohn in einem Betrieb“, dachte Dahls alter Herr damals, „– das geht nicht gut.“ Dass der Betrieb dann erstmal im Osten wuchs, war eine organische Entwicklung: Erst sind die Erdbeerhöfe in der Region MV entstanden. „Sachsen und Sachsen-Anhalt kamen dazu, weil unfassbar viele Menschen von dort Urlaub an der Ostsee machen“, sagt Dahl. „Die kannten uns schon aus den Ferien.“
Die ostdeutsche Erfolgsgeschichte hat sich also beinahe von selbst ergeben. Als eine von wenigen will Dahl sie aber nicht bezeichnen: „In meinem Umfeld fallen mir natürlich schon ein paar Geschichten ein“, sagt er und nennt als Beispiel den Fertighausbauer Scan Haus. „Der Gründer Friedemann Kunz ist, genau wie ich, nach der Wende an den Ort zurückgegangen, von dem sein Opa stammte – nach Marlow in Mecklenburg-Vorpommern.“
Nach 30 Jahren im Osten hat Dahl jetzt den Kompass nach Westen justiert. Sein Blick reicht dabei weit über Oberhausen hinaus – bis ganz nach „Karlifornien“, pardon, Kalifornien. Stimmt das Gerücht, dass Dahl einen US-Erdbeerhof plant? „Das stimmt, auch wenn es ursprünglich nur ein Witz war“, sagt er. Der Sprung über den Atlantik war ursprünglich Dahls spontane Antwort, als ein Interviewer nach einem großen Traum gefragt hatte. Seit seiner Teenager-Zeit kennt Dahl den kalifornischen Ort Oxnard, der sich selbst als Erdbeerhauptstadt der Welt vermarktet.
„Der Ort ist so groß wie Lübeck oder Rostock, es ist auch eine Hafenstadt und liegt rund 100 Kilometer nördlich von Los Angeles“, sagt Dahl. „Wir waren oft zum Erfahrungsaustausch mit den Erdbeerbauern dort.“ Auf den Zeitungsartikel hin hat sich dann ein Architekt erkundigt, ob Dahl wirklich übersiedeln wolle. „Nee, sage ich, eigentlich nicht,“ erinnert sich Dahl. „Aber dann haben wir uns getroffen und spaßeshalber Grundstücke angesehen. Damit hatte das Projekt an Dynamik gewonnen. Und jetzt setzen wir es um.“
Schon im Frühjahr hatte Dahl das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt und einen Freizeitpark nach Vorbild der hiesigen Standorte skizziert. Deutsche Jahreskarten, sagte er damals dem RBB, würden dann voraussichtlich ab 2026 auch in den USA gelten. Als Investitionssumme rechnet Dahl mit einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Und wenn das Geld nicht reicht? „Wir wachsen nur nach den Möglichkeiten, die unser Cashflow uns bietet. Wir haben keine Schulden und seit acht Jahren keine Kredite mehr aufgenommen“, antwortet er. „Wenn das Geschäft ab morgen schlecht laufen sollte, weil vielleicht eine neue Pandemie ausbricht oder noch ein Krieg, dann würden wir natürlich bremsen und ein Großprojekt wie Kalifornien eben nicht machen.“