Bissendorf Tagesmütter in Not: Im Landkreis Osnabrück fehlt der Nachwuchs
Es klingt paradox: Statt zu wenig Plätze für die Kinderbetreuung gibt es im Landkreis Osnabrück in diesem Jahr zu viele – zumindest in der Tagespflege. In Bissendorf ist die Großtagespflege betroffen, in Wallenhorst denkt eine langjährige Tagesmutter darüber nach, aufzuhören.
Die Wartelisten für Plätze in der Kindertagespflege sind leer: In zwölf der 21 Gemeinden und Städte wartet kein Kind auf einen Platz, teilt der Landkreis Osnabrück auf Anfrage mit. Was eine gute Nachricht sein könnte, wird für Tagespflegepersonen zum Problem. Ihnen fehlen die Kinder.
So wie der Großtagespflege Gartenkinder in Bissendorf. Adriana Deppe arbeitet seit 2019 als Tagesmutter, 2021 eröffnete sie mit ihrem Mann Kristian die Großtagespflege Gartenkinder im Zittertal. Dort können sie acht Kinder im Alter von eins bis drei Jahren betreuen. Doch gerade sind nur vier Plätze besetzt, und zwar mit drei Kindern. Eines ist ein Inklusionskind, es zählt für zwei.
Dass sie Plätze nicht besetzen können, ist für Deppes völlig neu. „Wir konnten uns die Familien grundsätzlich aussuchen und hatten eine Warteliste“, sagt Kristian Deppe. Nach dem Start des Kita-Jahres habe es Anfang September immer eine große Nachfrage gegeben, doch auch die blieb diesmal aus. Hinzu kommt, dass Deppes im Sommer ihre komplette Gruppe in die Kita verabschiedeten.
„Das ist wirklich heftig“, sagt Adriana Deppe. Sie habe Probleme damit, ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Wenn ihre beiden Söhne sich etwas wünschten, müssten sie gerade häufig ablehnen. „Die größte Belastung ist, dass das Geld für schöne Dinge fehlt“, sagt Adriana Deppe.
Obwohl ein wenig Besserung in Sicht ist – ein Kind kommt im Oktober zu ihnen, ein weiteres ab Januar – bleibt die finanzielle Situation angespannt. Zwei Plätze bleiben nach jetzigem Stand weiterhin frei, ihnen fehlen damit ungefähr 1500 Euro pro Monat.
Adriana und Kristian Deppe sind damit längst nicht allein, weiß Simone Hartung. Die Vorsitzende des Vereins zur Kindertagespflege im Osnabrücker Land sagt zwar: „Bis auf die Großtagespflege sind die Plätze in Bissendorf gut belegt.“ Nach Angabe des Landkreises gibt es hier nur drei freie Plätze in der Tagespflege.
Doch die Statistik zeigt auch: In 15 der 21 Städte und Gemeinden im Landkreis nahm die Zahl der Kindertagespflegepersonen im Vergleich zum vergangenen Jahr ab. Nur in der Samtgemeinde Bersenbrück und in Bad Essen kamen neue hinzu.
Hartung, die selbst Tagesmutter ist, kann aus dem Stegreif mehrere Gemeinden und Städte im Landkreis aufzählen, in denen Kindertagespflegen wegen zu geringer Nachfrage schließen mussten. In der Stadt Osnabrück kämpfen Tagespflegepersonen mit demselben Problem.
Jessica Heinsch-Führing kennt den Gedanken ans Aufhören seit diesem Jahr nur zu gut. Die Wallenhorsterin ist seit über 15 Jahren Tagesmutter. Normalerweise seien ihre fünf Plätze immer belegt gewesen, die Nachfrage so groß, dass sie zwei Gruppen hätte leiten können.
In Wallenhorst sind nach Angaben des Landkreises 22 Plätze in der Kindertagespflege nicht belegt. Heinsch-Führing betreut aktuell vier Kinder, doch zum neuen Jahr wird ein weiterer Platz frei. Ab dem 1. Januar mit drei Kindern weiterzumachen, würde sich für sie nicht rentieren. „Wenn sich nichts tut, muss ich aufhören“, sagt Heinsch-Führing.
Einen Plan B hat sie nicht. „Mir hat das immer Spaß gemacht“, sagt sie, „ich weiß nicht, in welche Richtung es danach für mich gehen könnte.“
Den Grund für die fehlende Nachfrage sieht Simone Hartung, die als CDU-Politikerin Teil des Bissendorfer Rats ist, unter anderem im starken Krippen- und Kitaplatzausbau. Eltern hätten nun viel mehr Wahlmöglichkeiten, was die Nachfrage nach Kindertagespflege beeinträchtige.
Gleichzeitig seien die Tagespflegepersonen oft nicht sichtbar. „Tagespflege ist eine gleichgestellte Betreuungsform neben der Krippe und keine Not- oder Übergangslösung“, betont Hartung. Das sei vielen Eltern nicht klar. Hartung meint, dass die Tagespflege deshalb mehr für sich werben müsse.
Familie Deppe, Jessica Heinsch-Führing und Simone Hartung wünschen sich mehr Unterstützung, auch durch die Gemeinden. Hartung schlägt unter anderem vor, die Kontaktdaten der Tagespflegepersonen im Onlineportal für die Kita-Anmeldung aufzuführen. So könnten sie besser durch die Eltern gefunden werden und würden sichtbarer werden.