Interview mit Paul Ronzheimer „Minister warnen vor einer neuen Flüchtlingskrise in Europa“
Inmitten des Nahostkonflikts berichtet Kriegsreporter Paul Ronzheimer über die Ereignisse in Beirut. Der gebürtige Ihlower sprach über Gefahren und Risiken.
Ihlow/Beirut - Im Nahostkonflikt hat Israel eine Offensive gegen den Libanon gestartet. Der stellvertretende Bild-Chefredakteur berichtet aus Beirut über das aktuelle Kriegsgeschehen. Mit den ON sprach der gebürtige Ihlower auch über die persönliche Situation eines Kriegsreporters.
Herr Ronzheimer, Sie sind als Kriegsreporter direkt vor Ort in Beirut und erleben die Angriffe hautnah. Wie sieht Ihr Alltag in einem solchen Kriegsgebiet aus?
Ich versuche, mich immer möglichst kurz in Gebieten aufzuhalten, die besonderes Risiko tragen. Ich mache meinen Job und gehe dann wieder in sichere Gebiete. Manchmal fühlt man sich wie in einer Parallelwelt: In einem Ort sind die Restaurants offen und die Menschen sitzen draußen – wenige Kilometer weiter gibt es den nächsten Einschlag.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
So war es bei mir am vergangenen Freitag. Ich habe von einer Beerdigung eines Hisbollah-Kommandeurs berichtet und dort auch mit Hisbollah-Kämpfern gesprochen. Nur wenige Stunden später folgte ein israelischer Angriff auf dieses Gebiet. Es war der Schlag gegen Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah.
Welche Sicherheitsvorkehrungen müssen Sie treffen, um Ihre Berichterstattung fortsetzen zu können?
Wir planen so eine Reise sehr genau. Ganz wichtig sind für unsere Sicherheit die Kontakte, mit denen wir vor Ort zusammenarbeiten. Das sind lokale Reporter-Journalisten – im Ausland werden sie „Stringer“ genannt – die haben meistens die besten Drähte. Gleichzeitig sind wir immer im Austausch mit unserer Redaktion. Auch bei Axel Springer haben wir ein eigenes Sicherheitsteam, das sich um uns kümmert.
Es herrscht doch bestimmt Chaos an den Flughäfen im Libanon?
Ja, es ist momentan sehr schwierig, hier rein und raus zu kommen. Die Menschen, die fliehen wollen, bekommen keinen Platz mehr im Flieger. Es gibt nur noch „Middle East Airlines“, die fliegen. Alle anderen Gesellschaften haben den Verkehr eingestellt. Viele Menschen versuchen, mit Schiffen das Land in Richtung Zypern zu verlassen.
Die Raketenangriffe Israels auf Hisbollah-Stützpunkte im Libanon haben nicht nur militärische, sondern auch humanitäre Folgen. Können Sie uns ein Bild davon geben, wie die Zivilbevölkerung in Beirut und anderen betroffenen Gebieten unter diesen Angriffen leidet?
Die humanitären Folgen sind auch in Beirut – also in der Stadt selbst – extrem zu spüren. Wir sehen jeden Tag mehr Flüchtlinge auf den Straßen – Zehntausende, Hunderttausende. Die Menschen kommen aus dem Süden, aus dem Grenzgebiet, in dem Israel die Bodenoffensive gestartet hat.
Was passiert mit den Flüchtlingen in Beirut?
Für die Zivilbevölkerung in Beirut ist der Platz begrenzt. Viele Menschen müssen draußen schlafen. Hilfsorganisationen versuchen, den Menschen zu helfen. Die Minister, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, sprechen von einer bedrohlichen Situation und warnen bereits vor einer neuen Flüchtlingskrise in Europa.
Als gebürtiger Ihlower sind Sie weit weg von Ihrem Heimatort. Wie gehen Sie persönlich mit der ständigen Gefahr und dem Stress um, die ein Einsatz in einem Kriegsgebiet mit sich bringt?
Es ist sicherlich gefährlich. Aber wenn man Vorkehrungen trifft, dann kann man berichten. Manchmal klingt die Nachrichtenlage bedrohlicher, als es am Ende für mich – zumindest als ausländischer Reporter – ist.
Gibt es Momente, in denen Sie an Ihre Familie und Freunde in der Heimat denken?
Ich denke ganz viel an meine Familie, und versuche auch Updates zu geben, wie es mir hier geht. Per Whatsapp halte ich Kontakt zu meinen Eltern und Geschwistern.
Die Berichterstattung aus Kriegsgebieten ist von großer Bedeutung für die internationale Gemeinschaft. Was motiviert Sie, trotz der Risiken und Herausforderungen, weiterhin als Kriegsreporter zu arbeiten und die Welt über die Geschehnisse im Nahen Osten zu informieren?
Mich hat es schon immer als Reporter motiviert, dort hinzugehen, wo etwas passiert. Das waren in Ostfriesland die lokalen Reportagen, die mich genauso fasziniert haben. Am Ende ist das hier auch nichts anderes. Es ist zwar auf einem anderen Feld und es ist gefährlich, aber man will Geschichten erzählen.
Reporter und TV-Journalist
Paul Ronzheimer macht nicht nur als Kriegsreporter von sich Reden, sondern führt mit seinem Podcast „Ronzheimer.“ die Bestsellerlisten an. Der gebürtige Ihlower machte sein Abitur am Auricher Gymnasium Ulricianum, absolvierte ein Volontariat bei der „Emder Zeitung“, ging 2008 an die Axel-Springer-Akademie und wurde 2019 stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Dort machte sich der 39-Jährige vor allem als Reporter aus Kriegsgebieten wie der Ukraine, Gaza oder Syrien einen Namen. 2022 wurde er als „Journalist des Jahres“ in Deutschland ausgezeichnet. Im Mai 2023 wurde der Ostfriese zudem zum „markenübergreifendes journalistisches Gesicht“ des Axel-Springer-Verlags erkoren. Anfang September startete er seine TV-Doku-Reihe unter dem Titel „Wie geht’s Deutschland“ zur besten Sendezeit bei Sat.1.
Der Nahostkonflikt hat weitreichende geopolitische Auswirkungen. Können Sie uneingeschränkt berichten?
Gerade der Nahe Osten ist sehr komplex. Da hilft mir meine Erfahrung aus den vergangenen zehn Jahren, wo ich in vielen Krisengebieten war – auch über diese Konflikte schon immer berichtet habe. Deswegen ist es mir wichtig, auf beiden Seiten zu sein.
Haben Sie Zugang zu beiden Seiten?
Ich war mit der israelischen Armee in Gaza. Konnte aber alleine nicht nach Gaza rein, weil Reporter dort nicht frei berichten dürfen. Das empfinde ich als sehr gefährlich. Dafür haben wir Israel auch kritisiert, dass sie die Grenze nicht öffnen.
Und wie ist die Situation als Reporter im Libanon?
Da ist es auch schwierig, Zugang zu finden, denn die Hisbollah schirmt sich in den Gebieten extrem ab.
Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?
Das ist jetzt eine Lage, wo es jeden Tag neue Eilmeldungen geben kann. Das ist meine Motivation, in dem Moment, wo Geschichten geschrieben werden, auch vor Ort zu sein.