Hamburg Italien: Schüler mit schlechten Verhaltensnoten bleiben sitzen – das steckt dahinter
Für weniger Gewalt an den Schulen hat die italienische Regierung ein umstrittenes Gesetz verabschiedet: Nun kann allein das schlechte Verhalten eines Schülers über eine Versetzung entscheiden. Was den Schülern bei Fehlverhalten droht.
Italien führt erneut Noten für das Sozialverhalten der Schüler an seinen Schulen ein. Das Land hatte solche Noten im Jahr 2000 abgeschafft.
Die Maßnahme ist Teil eines Bildungsgesetzes, das in dieser Woche im Parlament verabschiedet wurde. Damit bekommen Lehrer die Befugnis, Schüler ausschließlich aufgrund ihres Verhaltens die Versetzung oder Zulassung zu Abschlussprüfungen zu verweigern.
Im italienischen Schulsystem ist eine Zehn die beste Leistung, eine Eins die schlechteste. Diese gibt es nun auch für das Sozialverhalten – nur bei Grundschülern wird das Benehmen noch beschrieben. Die Verhaltensnoten vergeben die Lehrer, objektive Bewertungskriterien gibt es nicht.
Schüler an Mittel- oder Oberschulen müssen das Schuljahr wiederholen oder werden nicht zu Abschlussprüfungen zugelassen, wenn sie für ihr Verhalten eine Fünf oder schlechter bekommen. Das gilt auch, wenn die schulischen Leistungen ausreichen waren.
Bekommen Schüler an weiterführenden Schulen eine Sechs für ihr Verhalten, müssen sie in den Sommerferien eine Arbeit zum Thema „aktive und unterstützende Bürgerschaft“ schreiben und eine Prüfung in Staatsbürgerkunde ablegen.
Werden Schüler wegen schlechten Verhaltens für zwei Tage suspendiert, müssen sie trotzdem in die Schule kommen. Dort sollen sie durch gezielten Unterricht zur Wiedereingliederung unter anderem lernen, sich stärker in die Schulgemeinschaft einzubringen. Bei einer längeren Suspendierung müssen die Schüler gemeinnützige Arbeit in kooperierenden Einrichtungen der Schule leisten.
In Italien sind die Fälle von aggressivem Verhalten gegenüber Lehrpersonal seit Jahresbeginn um 110 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Schüler geraten häufig wegen der Verwendung von Smartphones in Konflikte mit Lehrern. Immer wieder mussten das Lehrpersonal an Streits in medizinische Behandlung. Die Verhaltensnoten sollen zum Instrument gegen Gewalt und Mobbing an Schulen werden.
Eine ähnliche Maßnahme hatte erstmals Benito Mussolinis faschistische Regierung im Jahr 1924 eingeführt. Sie blieb bis Mitte der 1970er-Jahre in Kraft und wurde nach Schülerprotesten teilweise verbannt, im Jahr 2000 an allen Schulen.
Italiens postfaschistische Premierministerin Giorgia Meloni sagte, mit dem Gesetz werde „die Kultur des Respekts“ in den Schulen wieder eingeführt. Außerdem stärke es die Autorität der Lehrkräfte.
Auch der italienische Verband der Schulleiter ANP unterstützt das Gesetz. ANP-Präsident Antonello Giannelli sagte, die Maßnahme sei „ein Schritt nach vorne“.
Dagegen kritisiert Tommaso Martelli, der Koordinator einer nationalen Schülerunion, der Schritt ziele darauf ab, „eine autoritäre und bestrafende Kultur zu stärken“. Anna Ascani, von der Mitte-links verorteten Demokratischen Partei, sagte, die Verhaltensregel sei eine „Rückkehr in eine Zeit, die wir lieber vergessen würden“.