Hamburg Immer mehr Schockanrufe: So oft rufen Telefonbetrüger im Norden an
Mit emotionalen Geschichten und perfiden Maschen bringen Betrüger am Telefon meist ältere Menschen um ihr Geld. Nun zeigen Zahlen der Polizei, wie groß das Problem tatsächlich ist.
Der Schock dürfte bei der 88 Jahre alten Flensburgerin tief gesessen haben. Ihre Tochter habe einen Autounfall verursacht, dabei sei eine junge Frau gestorben. Dann übernimmt ein Staatsanwalt den Hörer und bedrängt die Seniorin, eine hohe Summe für die Kaution aufzubringen, sonst müsse die Tochter ins Gefängnis. Wenig später übergibt die 88-jährige Flensburgerin einer Mitarbeiterin des angeblichen Staatsanwalts eine niedrige fünfstellige Summe, wie die echte Polizei später mitteilen wird. Wieder mal waren Betrüger erfolgreich. Die ganze Geschichte war erlogen, weder Polizist noch Staatsanwalt echt.
Jeden Tag finden in Deutschland Hunderte Anrufe statt, die nur einem Zweck dienen: mit einer perfiden Masche an das Geld der meist älteren Opfer zu bekommen. Jüngst warnte das Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein davor, dass die Betrugsmasche mit Schockanrufen immer weiter zunehmen. Hierbei geben sich die Betrüger meist als nahestehende Verwandte der Opfer aus, gaukeln vor, sie seien für einen tödlichen Autounfall verantwortlich und bräuchten Geld für eine Kaution.
Die Warnung des LKA lässt sich auch mit Zahlen belegen. 2023 gab es in Schleswig-Holstein so viele Schockanrufe wie nie zuvor. Zwar hatten die Kriminellen nur in 54 von mehr als 2500 Versuchen Erfolg, dennoch gehen die Behörden derzeit von einem Schaden in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro aus. Nahezu doppelt so viel wie im Vorjahr.
Das passt zu einem bundesweiten Trend. Insgesamt ist die Masche in Deutschland zuletzt weiter auf dem Vormarsch gewesen, wenngleich es Ausnahmen gibt. Niedersachsen etwa hat nach Angaben der Behörden weiter eher ein Problem mit „falschen Polizeibeamten“. Allerdings: In Hannover wird der Schockanruf als Masche gar nicht gesondert ausgewertet. Und das Beispiel der Flensburgerin zeigt, dass durchaus zwei Methoden für einen Betrug verwendet werden können.
Dazu kommt: Der Schockanruf ist nur eine von vielen Maschen, die Trickbetrüger anwenden – und sie denken sich ständig neue aus. Bei den sogenannten „Hallo Mama“-Nachrichten nehmen die Kriminellen via WhatsApp oder SMS Kontakt auf und versuchen Geld für ein neues Smartphone oder andere teure Gegenstände zu ergaunern.
Auffällig hierbei die besonders hohe Zahl der Versuche mehr als 4.000 solcher Nachrichten sind bei den Polizeibehörden im vergangenen Jahr angezeigt worden. Bei jedem achten Versuch hatten die Kriminellen Erfolg und ihren Opfern mehr als 1,3 Millionen Euro allein in Schleswig-Holstein abgeknöpft.
Auch in Hamburg bewegt sich der Schaden durch Telefontrickbetrüger seit Jahren im siebenstelligen Bereich, jedes Jahr wird er größer auch hier verzeichnete die Polizei den stärksten Zuwachs bei den sogenannten Schockanrufen. Bei rund 2,5 Millionen soll der Schaden alleine im vergangenen Jahr gelegen haben.
Die Masche mit den angeblichen Polizisten und anderen falschen Amtsträgern spielte in SH und Hamburg zuletzt als Phänomen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. In beiden Ländern vielen die Zahlen 2023 auf den niedrigsten Stand der vergangenen fünf Jahre.
Zumindest im Hellfeld. Denn offiziell wird von einer recht hohen Dunkelziffer ausgegangen, da gerade erfolglose Betrugsversuche häufig gar nicht zur Anzeige gebracht werden. Erst jüngst war die Polizei gegen eine Betrügerbande vorgegangen und hatte gemahnt: „Erstatten Sie immer eine Strafanzeige. Nur so erhält die Polizei Kenntnis von der Straftat und kann die Täterinnen oder Täter verfolgen“. Zudem erhalte sie dadurch erst Informationen zum Ausmaß der Mache und könne Tatserien besser erkennen.
Die Zahlen der Landeskriminalämter aus Kiel und Hamburg gelten statistisch nicht als „qualitätsgesichert“, da die Behörden auf Anfrage unserer Redaktion nur die sogenannte Eingangsstatistik auswerten konnten. Sprich: Wie sich das Problem laut Anzeigenlage darstellt. Die exakten Zahlen können sich bei den Ermittlungen jedoch ändern. Offizielle Kriminalstatistiken richten sich daher nach der Ausgangsstatistik, wo vor allem abgeschlossene Fälle betrachtet werden.
Zudem wurden nur die Phänomene „Enkeltrick“, „Schockanruf“ und „falsche Amtsträger“ abgefragt. Das Repertoire der kriminellen Banden, die meist aus dem Ausland heraus agieren ist jedoch weit größer: Dazu gehören beispielsweise falsche Bankmitarbeiter und Betrug durch ein Gewinnspielversprechen. Bei letzterem werden die Opfer aufgefordert, eine Gebühr, häufig mehrere Hundert Euro, zu überweisen, um auch wirklich ihren exorbitant hohen Gewinn erhalten zu können.