Justiz in Aurich Mehr Missbrauch und Kinderpornografie vor Auricher Gerichten
Parallel zur bundesweiten Entwicklung steigen die Fallzahlen wegen Sexualdelikten auch in Aurich. Bei Kinder- und Jugendpornos ist der Anstieg besonders deutlich.
Aurich - Ein deutlicher Anstieg der Fälle von Sexualdelikten bei Kindern ist in den letzten Jahren bei den Auricher Gerichten verzeichnet worden. Der Pressesprecher des Amtsgerichts, Dr. Markus Gralla, teilte auf Anfrage mit, dass seit Beginn 2024 bis 18. September 2024 insgesamt 20 Verfahren aus dem Bereich der Sexualdelikte vor dem Auricher Amtsgericht verhandelt wurden. Bei zehn Fällen ging es um Besitz von Kinder- oder Jugendpornografie, in drei Fällen um sexuellen Missbrauch von Kindern und in vier Fällen um sexuelle Belästigung. Außerdem gab es zwei Fälle von Vergewaltigung und einen Fall von sexuellem Übergriff. Damit waren in über der Hälfte der Fälle Kinder und jugendliche Opfer der Taten. Von den 20 Prozessen endeten 16 mit einer Verurteilung und drei wurden eingestellt. Lediglich einer der Fälle endete mit einem Freispruch, so Gralla.
Doch es ist laut dem Pressesprecher möglich, dass nicht alle Fälle den Auricher Gerichten bekannt sind. Grund dafür ist, dass nur zwischen 1. Juli 2021 und 28. Juni 2024 die Mindeststrafe für den Besitz oder die Verbreitung Kinderpornografie bei einem Jahr lag. Das machte diese Taten zu Verbrechen und eine Hauptverhandlung zwingend erforderlich. Vor und nach diesem Zeitraum war und ist es möglich, in einem Strafbefehlsverfahren ohne Hauptverhandlung zu entscheiden – sofern der Angeklagte keinen Einspruch einlegt, erklärt Gralla. Diese Fälle können die Gerichte demnach nicht verzeichnen.
Starker Anstieg von Kinderpornografie im Vorjahresvergleich
Im Jahr 2023 wurden insgesamt vier Prozesse wegen Besitzes von Kinder- oder Jugendpornografie vor dem Auricher Amtsgericht verhandelt. Alleine von Januar bis September 2024 gab es bereits zehn solcher Fälle – ein Zuwachs von 250 Prozent, obwohl das Jahr noch nicht vorbei ist. Eine steigende Tendenz spiegelt sich auch im Rückblick auf 2014 wider. Damals wurden insgesamt elf Verfahren aus dem Bereich der Sexualdelikte vor dem Auricher Amtsgericht verhandelt. Darunter waren zwei Fälle von Besitz von Kinderpornografie. Fünf Fälle handelten von sexuellem Missbrauch von Kindern, zwei Fälle von sexuellem Übergriff, ein Fall von Vergewaltigung und ein Fall von sexuellem Missbrauch widerstandsunfähiger Personen, teilt Gralla mit.
Sexualdelikte mehren sich ebenfalls vor Auricher Landgericht
Vor dem Auricher Landgericht wurden im Jahr 2024 laut Gerichtssprecherin Iris Schmagt bisher 14 Prozesse zu Sexualdelikten mit Kindern als Opfer geführt. Der häufigste Tatvorwurf lautete sexueller Missbrauch oder schwerer sexueller Missbrauch von Kindern. In einem Fall kam es zu einem Freispruch, in allen anderen Fällen erfolgte eine Verurteilung.
Kinderpornografie ist vor dem Landgericht kein großes Thema, weil dafür in der Regel die Amtsgerichte zuständig sind. Im Jahr 2024 gab es vor dem Landgericht lediglich ein solches Verfahren, 2023 gar keines. Für Sexualdelikte im Allgemeinen ist das Landgericht jedoch häufiger in der Pflicht: Im Jahr 2023 gab es insgesamt zehn Prozesse vor der Großen Jugendkammer, die Sexualdelikte mit Kindern als Opfern behandelten. Zehn Jahre zuvor waren es noch sechs Prozesse gewesen.
Bevor es zu einem Gerichtsprozess kommt, muss die Staatsanwaltschaft jedoch Anklage erheben. Im Jahr 2024 hat die Staatsanwaltschaft Aurich, die für ganz Ostfriesland zuständig ist, in 26 Fällen Anklage erhoben und in 24 Fällen einen Strafbefehl wegen Sexualdelikten beantragt, teilte Pressesprecherin Marina Singer auf Anfrage mit. Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Verfahren, die dieses Jahr bei der Staatsanwaltschaft eingegangen sind. Fälle, die bereits im Jahr 2023 eingegangen sind und 2024 zur Anklage kamen, sind hierbei nicht enthalten, so Singer.
Deutschlandweiter Anstieg von Sexualdelikten gegen Kinder und Jugendliche
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat 2023 deutschlandweit einen Anstieg der Fallzahlen bei Sexualdelikten gegen Kinder und Jugendliche verzeichnet. Laut BKA wurden 16.375 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern registriert. Das entspricht einem Anstieg von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Fünf-Jahres-Vergleich seit 2019 bedeutet das einen Anstieg von rund 20 Prozent. 18.497 Kinder unter 14 Jahren seien 2023 Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, was einer Steigerung um 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auffallend ist der laut Mitteilung hohe Anteil tatverdächtiger Kinder und Jugendlicher mit rund 30 Prozent.
Sexuellen Missbrauch von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren stellte die Polizei der Mitteilung zufolge in 1200 Fällen fest. Ein Anstieg von 5,7 Prozent im Vergleich zu 2022. Insgesamt 1277 Opfer wurden demnach registriert, was ebenfalls eine Steigerung von 5,5 Prozent darstellt. In mehr als jedem zweiten Fall hat vor der Tat eine Beziehung zwischen Opfer und Tatverdächtigem bestanden, so das BKA. Rund drei Viertel der Opfer im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen sind demnach weiblich.
Neuer Höchststand bei Verbreitung von Kinderpornografie
Die Anzahl der Fälle von Herstellung, Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Inhalte erreichte 2023 mit 45.191 Fällen einen neuen Höchstwert, schreibt das BKA. Seit 2019 haben sich die Fallzahlen mehr als verdreifacht. Besonders stark angestiegen sind Fälle von jugendpornografischen Inhalten, die um rund 31 Prozent auf 8851 Fälle zugenommen haben.
Die Strafrechtsreform 2021 hat dem Internet als Tatmittel und Tatort eine gestiegene Bedeutung verliehen. Neue Straftatbestände wie „Cybergrooming“ und „Live Distance Child Abuse“ wurden eingeführt. Beim Cybergrooming stellen Tatverdächtige Kontakt zu potenziellen Opfern über das Internet her, während beim „Live Distance Child Abuse“ das Internet zur Übertragung der Missbrauchshandlungen in einem Livestream genutzt wird.