Hamburg  Meyer Werft: Diese Knallhart-Klauseln gelten für die Familie Meyer in Finnland

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 25.09.2024 12:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viel größer geht es nicht: Die „Disney Treasure“ wurde in Papenburg von der Meyer Werft gebaut, ein Standort im Binnenland. Foto: dpa
Viel größer geht es nicht: Die „Disney Treasure“ wurde in Papenburg von der Meyer Werft gebaut, ein Standort im Binnenland. Foto: dpa
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Der deutsche Staat rettet die Meyer Werft in Papenburg vor der Pleite. Aber was ist eigentlich mit dem riesigen Standort im finnischen Turku, der im Besitz der Familie Meyer bleibt? Knallharte Vertragsklauseln regeln das Verhältnis der Werften, das zeigen Recherchen unserer Redaktion.

Eigentlich schien Turku, eine Stadt mit 186.000 Einwohnern am südwestlichen Zipfel Finnlands, immer weit weg von den Problemen der Meyer Werft in Papenburg. Während in Deutschland wochenlang um die Rettung des größten Schiffsbaukonzerns des Landes gerungen wurde, hielt sich die Regierung in Helsinki lange Zeit bedeckt. Dabei gehörte die Werft in Turku mit ihren Tausenden Arbeitsplätzen doch seit 2015 zu 100 Prozent der Familie Meyer.

Aber: Die existenziellen Probleme konzentrierten sich auf Deutschland, befand die finnische Regierung vor einigen Wochen auf Anfrage unserer Redaktion und half bei der kostspieligen deutschen Rettungsmission nicht mit. Erst kurz vor Schluss – der Bund und das Land Niedersachsen waren bereit, den Hilfen zuzustimmen – verließ die finnische Regierung die Beobachterrolle. Zum Erstaunen mancher deutschen Retter in der Politik.

Helsinki hatte kritische Fragen dazu, was zwischen Berlin, Hannover und Papenburg ausgehandelt worden war. Denn die Verträge sahen nicht nur eine Eigenkapitalspritze von 400 Millionen Euro und den damit verbundenen Staatseinstieg in die Meyer Werft vor. Auch das künftige Verhältnis zur Werft in Turku, die in Familienbesitz verbleibt, wurde geregelt – mit erheblichen Fesseln für den Standort und die Familie Meyer.

Die wiederum, so heißt es, hätte die Verträge nur mit Zustimmung Finnlands eingehen können. Hintergrund sind offenbar 80 Millionen Euro, mit denen die finnische Regierung die Turku-Werft 2022 zur Abfederung der Auswirkungen des Ukraine-Krieges gestützt hatte. Damit verbunden war wohl ein Mitspracherecht bei essenziellen künftigen Entscheidungen.

Und genau solche sind die Regelungen zum künftigen Verhältnis zwischen der Familienwerft in Turku und der Staatswerft in Papenburg: Deutschland will verhindern, dass die einst verbundenen Standorte künftig untereinander in Wettbewerb treten können, Familie Meyer also der Meyer Werft Konkurrenz macht.

Nach Informationen unserer Redaktion wurden dazu Vereinbarungen getroffen, die zunächst einmal für zwei Jahre gelten. Dabei soll es beispielsweise darum gehen, dass in diesem Zeitraum keine wichtigen Mitarbeiter aus Papenburg abgeworben werden dürfen. Zudem soll sichergestellt werden, dass bereits angelaufene und als vielversprechend geltende Verhandlungen um Neubau-Aufträge für Kreuzfahrtschiffe nicht gestört werden.

Sollten diese nämlich erfolgreich abgeschlossen werden, wären die beiden großen Baudocks in Papenburg bis Ende 2031 ausgelastet. Das Wettbewerbsverbot soll verhindern , dass die Aufträge nach Turku umgeleitet werden.

In einer weiteren Regelung verpflichtet sich die Familie nach unseren Informationen dazu, auch darüber hinaus in einem gewissen Schiffssegment Papenburg für zwei Jahre keine Konkurrenz zu machen: Während in Turku theoretisch die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt gebaut werden können, ist der Standort Papenburg limitiert.

Die Ems sowie Brücken entlang der Emspassage beschränken die Schiffe Made in Papenburg auf eine gewisse Größe. Sprich: Was in Turku noch locker gebaut werden kann, würde in Papenburg im Fluss stecken bleiben. Natürlich könnte Turku aber auch kleinere Schiffe herstellen, sollten entsprechende Aufträge gesichert werden. Das sollen die Vereinbarungen verhindern.

Wenn die Familie Meyer sich daran nicht hält, drohen nach unseren Informationen empfindliche Strafen: Die Familie verlöre in der Gesellschafterversammlung das Stimmrecht, zudem würde das Aufsichtsratsmitglied, das die Meyers stellen, abgezogen. Mehr noch: Die Familie müsste zu festgelegten Konditionen den Rückkauf der Meyer Werft einleiten, oder aber, würde ihren 20-prozentigen Anteil an den Staat abtreten müssen – für den Preis von 1 Euro. Zudem wäre eine Vertragsstrafe von 35 Millionen Euro fällig.

Ob diese Klauseln jemals greifen, gilt abzuwarten. Die Meyers jedenfalls hatten das Ziel verlauten lassen, die Werft künftig wieder als Familienunternehmen führen zu wollen. Der bisherige Werft-Chef Bernard Meyer hatte zudem betont, dass auch künftig eine Zusammenarbeit der Standorte in Papenburg, Turku und Rostock wichtig sei.

Auf eine aktuelle Anfrage zu Vereinbarungen und Klauseln reagierten die Werft, aber auch Finnland bislang nicht. Aus informierten Kreisen hieß es, jenseits der jetzt festgezurrten zwei Jahre könnte das Verhältnis zwischen den Werften dauerhaft über eine europäische Holding geregelt werden.

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