Osnabrück „Der Zauberberg“: Der Weg zum Jahrhundertroman - in sieben Schritten
Thomas Manns „Der Zauberberg“ wird 100 Jahre alt. Das Buch gilt als Gipfelwerk des modernen Romans schlechthin, als große Bilanz eines ganzen Zeitalters. Aber wie nähert man sich diesem Monumentalwerk?
Er kommt zu Besuch auf drei Wochen – und bleibt sieben Jahre. Hans Castorp ist nur ein braves Patriziersöhnchen. Aber in Thomas Manns Jahrhundertroman „Der Zauberberg“ geht der junge Mann in einem Bergsanatorium auf eine Reise entgrenzter Selbsterfahrung, die in der Weltliteratur kaum ihresgleichen hat. Als Leseabenteuer übrigens auch nicht. Wie liest man den „Zauberberg“? Ein Weg zum Tausendseiter – in sieben Schritten.
Wieviel Zeichen hat eine Twitter-Nachricht? Egal. Im Vergleich zu den tausend Seiten des „Zauberbergs“ ist sie ein Kieselstein gegen ein Hochgebirge. Das Buch liegt dem einen wie ein Wackerstein in der Hand. Der andere blättert in dem Band voller Vorfreude auf ein Leseerlebnis der Sonderklasse. Bitte entscheiden Sie sich für die zweite Version. Viele Wege führen in diese literarische Landschaft, die nur darauf wartet, erkundet zu werden. Der Erzähler nimmt jeden kundig und klug an die Hand. Aber Vorsicht: Dieser Erzähler hat es in sich – wie jede der Figuren, die einem auf dem Zauberberg begegnen.
Thomas Manns Roman ist vor einhundert Jahren erschienen, im November 1924. 1929 erhielt der Autor den Literaturnobelpreis – für seinen Erstling „Die Buddenbrooks“. Inzwischen haben sich die Relevanzen verkehrt. So fern die einst viel gelesene Geschichte von der Kaufmannsdynastie gerückt zu sein scheint, so sehr beschäftigt uns heute „Der Zauberberg“ als Generalbilanz einer Gesellschaft in der Krise. Der bange Rückblick auf die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist in Mode – als Abgleich der Krisenerfahrungen. Die Handlung des Romans spielt in der Zeit zwischen 1907 und 1914. Das Sanatorium auf dem Berg, es gleicht einem Raumschiff auf dem Schlingerflug durch das All – mit lauter Verlorenen an Bord.
Anfangs raunt der Erzähler mit warmer Stimme, später kommentiert er manche Figuren und ihre Erlebnisse mit mokanter Ironie. Wer den „Zauberberg“ liest, entwickelt schnell ein Gespür für die Zwischentöne seiner Sprache. Aber was heißt hier Sprache? Thomas Mann hat eine große Sinfonie der Stimmen und Statements seiner Epoche komponiert, ein Gebilde mit unendlicher Melodie und vielen Leitmotiven. Der Vergleich mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ gehört zum Konsens der Mann-Leser. Keine Beschreibung ist in diesem Buch zu lang, kein Gespräch zu ausführlich. Alles entwickelt thematische Brillanz. Je weiter die Erzählung voranschreitet, umso reicher werden die Anspielungen und Zwischentöne. Ein Genuss!
Wer ist Hans Castorp in Wirklichkeit? Nur ein Hamburger Schnösel oder in Wirklichkeit ein tumber Tor vor dem Venusberg, ein zweiter Parzival auf der Suche nach dem Gral? Ist er der Held eines Schelmenromans oder gar ein Odysseus auf großer Fahrt? Thomas Mann verleiht seinem Roman mit Anspielungen auf Mythen und Märchen eine Tiefe, die niemals ganz auszuloten ist. Diese Erzählung fächert sich auf als Geflecht aus Anspielungen und Verweisen, sie gewinnt Fahrt als große Reise durch das Kompendium europäischer Bildungswelten. Röntgenmedizin und Relativitätstheorie, Freiheitseuphorie und Angst vor dem Terror: „Der Zauberberg“ umgreift wie ein Kompendium die ganze Ideenwelt der Moderne. In diesem Roman gibt es keine Nebensächlichkeiten. Alles bedeutet etwas, alles ist wichtig. Und der Leser? Er ist der Dechiffrierer dieser Welt.
Über Thomas Manns „Zauberberg“ streiten die Gelehrten. Zu Recht. Ist dieses gewichtige Buch nun ein Bildungsroman oder ein Zeitroman, Geschichte des Entwicklungsgangs seiner Hauptfigur oder Panorama einer Epoche? Die Antwort: „Der Zauberberg“ ist beides – und noch viel mehr. Thomas Mann gelingt das Muster eines Romans, der so komplex ist wie die Welt, die er abbildet. Es gibt nichts, was hier nicht gesehen, nicht zur Sprache gebracht wird. Diese Erzählung schreitet nicht einfach nur voran, sie bildet viele Verzweigungen. Der Leser, der ihnen folgt, erwägt, wie vielfältig sein kann, was wir Wirklichkeit nennen. Dieses Buch bietet Erkundungsgänge in viele Richtungen. Alle lohnen den Weg. Die Hauptstraße trassiert Thomas Mann eindeutig als seinen Weg zur Demokratie. Er führt vom Autor des „Zauberberg“ bis zum späteren erbitterten Gegner der Hitler-Diktatur.
Hans Castorp bleibt sieben Jahre auf dem Zauberberg. Die Gäste speisen an sieben Tischen. Er wohnt in Zimmer 34. Quersumme aus drei und vier? Natürlich: Sieben, die Zauberzahl. Und dem Leser begegnen sieben Figuren, die wie Lehrmeister Castorps Weg begleiten. Ob sein Vetter Joachim Ziemßen, der zackige Militär, Hofrat Behrens, der kühle Mediziner, Dr. Krokowski, der diabolische Zeremonienmeister spiritistischer Sitzungen Ludovico Settembrini, der feurige Redner der Aufklärung oder sein Widersacher Naphta, Verfechter der Diktatur – sie stehen für geistige Bezirke und für Lebenshaltungen einer ganzen Epoche. Mittendrin Hans Castorp, umkämpft, beeinflusst oder verführt, von der sinnlichen Clawdia Cahuchat, erschüttert von Mynheer Peeperkorn, der mal als rauschhafter Dionysos, mal als leidender Christus die Welt des Zauberbergs vollends zum großen Menschheitsdrama entgrenzt. Das Wort „placet experiri“ avanciert zu Castorps Motto – als Mut zur eigenen Erfahrung, jenseits der Normen des Gewohnten.
„Schnee“: Auf diesen schlichten Titel hört jenes Kapitel des Romans, das es noch vor allen anderen in sich hat. Hans Castorp, genervt von den endlosen Debatten und von der drückenden Atmosphäre des Sanatoriums und seiner im Stumpfsinn versinkenden Bewohner macht sich allein auf Schneeschuhen auf den Weg hinaus, in den Schnee. Im weißen Nichts einer eisig einsamen Natur geht er an seine Grenzen und über sie hinaus. In der Lebensgefahr träumt er seinen Traum, vom Glück, von der Grausamkeit, von finaler Einsicht. Worin besteht sie? Pardon, aber genau das soll jeder Leser für sich herausfinden. Eines sei versprochen: Weiter hinaus geht es nicht. „Schnee“ markiert den Gipfel: der Literatur, der Grenzerfahrung, der Rettung. Jeder sollte den „Zauberberg“ gelesen haben – allein schon wegen dieser unglaublichen 41 Seiten. Weltliteratur als Gipfelerlebnis. Unvergesslich.
Textausgaben des Romans „Der Zauberberg“ hält der Verlag S. Fischer vor, als Taschenbuch für 20 Euro, als gebundenes Buch für 26 Euro und als Prachtausgabe zum Jubiläum für 58 Euro.
Wer tiefer in die Lektüre und das Verständnis des Romans eintauchen möchte, findet hier wichtige Anregungen:
Thomas Mann: Der Zauberberg. Erläuterungen und Dokumente. Von Daniela Langer. Reclam Verlag. 12,80 Euro.
Anke Detken, Tom Kindt, Kai Sina: Zauberberg-Handbuch. Metzler-Verlag. 99,99 Euro