Osnabrück Ein Hebammen-Team für alle Fälle: Was dieses Modellprojekt in Osnabrück leisten will
Welche Hebamme begleitet eine Schwangere bei der Geburt im Krankenhaus? Bisher können sich das werdende Mütter in Osnabrück nicht aussuchen. Ein Modellprojekt will dies ändern und blickt dafür ans andere Ende der Welt, nach Australien.
In der Hebammenversorgung in Deutschland klaffen Wunsch und Wirklichkeit in einem wichtigen Punkt auseinander: Viele Frauen wollen bei der Geburt ihres Kindes von der Hebamme betreut werden, die sie schon in der Schwangerschaft kennengelernt haben und die sie im Wochenbett und in der Stillzeit begleiten soll.
98 Prozent der Frauen bringen ihre Kinder hierzulande allerdings in Krankenhäusern zur Welt – und dort können sich Gebärende ihre Hebamme in der Regel nicht aussuchen. Die Geburt begleitet, wer gerade im Schichtdienst des jeweiligen Krankenhauses arbeitet.
In Osnabrück soll nun ein Modellprojekt ausloten, ob es nicht auch anders geht. „Bezugshebammen im Team in Landkreis und Stadt Osnabrück (KoHala)“ heißt es und will werdenden Müttern eine durchgehende Begleitung durch Hebammen des Vertrauens von der Schwangerschaft über die Geburt im Krankenhaus bis ins Wochenbett ermöglichen.
Die Hochschule Osnabrück und das Marienhospital (MHO) haben das Projekt gemeinsam mit dem Versicherer Barmer vorgestellt. Das Marienhospital bietet seine Geburtsabteilung gewissermaßen als Erprobungsort des Modells an. Der Fachbereich Pflege- und Hebammenwissenschaft der Hochschule hat es entwickelt und wird seine Umsetzung wissenschaftlich begleiten.
Sowohl für die Hebammen als auch für werdende Mütter und ihre Familien soll die Versorgungsform der „Bezugshebammen im Team“ Vorteile bringen, erklärt Anna-Maria Bruhn, Hebamme und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule.
Wenn eine gebärende Frau ein gutes Vertrauensverhältnis zu ihrer Hebamme hat, sei die Geburtserfahrung für sie signifikant positiver, zeigten Studien, erklärt Bruhn. Wer schon in der Schwangerschaft gut über den Geburtsvorgang aufgeklärt sei, der habe ein erhöhtes Gefühl der Eigenkontrolle, wenn es soweit ist. Zudem gebe es Studien, die zeigten, dass die Kaiserschnittrate sinke.
Bei der Geburt durchgehend von einer Hebamme betreut zu werden, die sogenannte Eins-zu-eins-Betreuung, gilt als nationales Gesundheitsziel. Oft ist dies auf vollen Geburtsstationen aber nicht möglich. In dem neuen Modell wäre die intensive Betreuungsform „definitiv umgesetzt“, sagt Götz Menke, Chefarzt der Geburtshilfe am MHO. In Zeiten zunehmender Konzentration von Geburten in großen Geburtshilfezentren, während kleine Geburtsabteilungen schließen, könnte dies ein spannender Ansatz sein.
Für die Hebammen sei die Teamarbeit der entscheidende Vorteil, erklärt Bruhn. Sie können Einsatzzeiten, Rufbereitschaften und freie Tage so miteinander abstimmen, dass jedes Teammitglied genug Ausgleichszeit bekommt – und keine 24-Stunden-Schichten oder Dauerrufbereitschaften ableisten muss.
In Deutschland gibt es in einigen kleinen Krankenhäusern noch sogenannte Begleit-Beleghebammen. Im Raum Osnabrück allerdings biete keine Geburtsklinik in einem Umkreis von 50 Kilometern um die Stadt diesen Service mehr an, betonen die Projektleiter.
Beleghebammen betreuen Frauen in der Schwangerschaft und begleiten sie zur Geburt ins Krankenhaus. Für sie der große Nachteil: Sie müssen sich rund um den Zeitpunkt einer Geburt permanent bereithalten und bei lang dauernden Geburten entsprechend lang arbeiten.
Bei dem „bundesweit erstmaligen“ Modellprojekt in Osnabrück soll sich ein Team aus rund vier Hebammen zusammenschließen. Schwangere haben eine feste Hebamme in diesem Team, lernen aber auch die anderen Hebammen kennen – sodass sie zu allen Teammitgliedern ein Vertrauensverhältnis haben.
Hat die eigene Hebamme zum Zeitpunkt der Geburt einen freien Tag oder keine Rufbereitschaft, springt eine Kollegin aus dem Bezugsteam ein, die der Gebärenden aber ebenso vertraut ist. Bis zu 160 schwangere Frauen im Jahr könnten von vier Hebammen während aller Phasen des Elternwerdens gemeinsam betreut werden, erklärt Friederike zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaften an der Hochschule.
Projektmitarbeiterin Bruhn hat bei einem 12-wöchigen Forschungsaufenthalt in Australien untersucht, wie in „Down Under“ Schwangere durch Hebammenteams begleitet werden. Australien, Großbritannien und Skandinavien seien Vorreiter in diesem Bereich.
Seit Juli weiß die Hochschule Osnabrück, dass ihr Modellprojekt mit regionalen Fördermitteln der EU unterstützt wird. Es ist auf zwei Jahre angelegt, so zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. Anfang 2025 soll es in die praktische Umsetzung gehen. Bis dahin sei ausgearbeitet, wie und wann schwangere Frauen auf das Modell aufmerksam gemacht werden sollen.
Eine Einschränkung gibt es lediglich bei der Finanzierung der Modell-Leistung: Über die Hebammen-Gebührenverordnung könne eine durchgängige Betreuung im Team bisher nicht abgerechnet werden, erklären die Modellpartner. Deshalb könne sie vorerst nicht allen Versicherten angeboten werden.
Mit dem Versicherer Barmer werde allerdings ein sogenannter Selektivvertrag aufgesetzt: Die Krankenkasse übernimmt für ihre versicherten Schwangeren die Kosten. Zunächst ist das Modellprojekt also auf Barmer-Versicherte beschränkt. „Auf die Frauen in dieser Kasse kommen keine Zuzahlungen zu“, betont Wissenschaftlerin Bruhn.
Die Hochschule werde aber auf weitere Versicherungen zugehen. Zudem besteht die Hoffnung, dass das erfolgreiche Modellprojekt nach Auslaufen in die Regelversorgung übergeht – und spätestens dann von allen Kassen übernommen wird.
Wissenschaftlerin Bruhn berichtet, aktuell schon oft im Marienhospital zu Gast zu sein, um die Abläufe auf der Geburtsstation kennenzulernen. Damit das Modellprojekt gelingen kann, sei es elementar, dass das Team der Bezugshebammen gut mit den Stationshebammen im Schichtsystem des MHO zusammenarbeitet. „Unser Team freut sich“, betont Kreißsaalleitung Iwona Wiegand.