Kiew Warum der Osnabrücker Florian Grote nach seiner Haft an die ukrainische Front zurückkehrt
Flucht, Auslieferungshaft und Raketenalarm: Florian Grote hat eine Odyssee durch deutsche und ukrainische Gefängnisse hinter sich. Jetzt hat der Osnabrücker seine Strafe wegen Subventionsbetruges abgesessen. Im Interview verrät er, warum er wieder an die Front ziehen will.
Florian Grote ist wieder ein freier Mann. Seine mehrjährige Haftstrafe wegen Subventionsbetruges hat der Niedersachse mittlerweile vollständig abgesessen, nachdem er zwischenzeitlich in die Ukraine entwichen war, wo er sich der ukrainischen Armee angeschlossen hatte. Im Winter 2024 saß er viele Wochen in Kiew auf Antrag Deutschlands in Auslieferungshaft. Die Rückführung zog sich zum Ärger Grotes länger hin. Jetzt zurück in Freiheit hat er nur ein Ziel vor Augen: Er will wieder an die Front. Warum, lesen Sie in diesem Interview.
Frage: Herr Grote, Sie haben eine Odyssee hinter sich. Wie war das Gefängnis in Kiew, wo sie nach Ihrer Flucht aus Deutschland später in Auslieferungshaft genommen wurden?
Antwort: Auf einer Skala von eins bis zehn würde ich es bei Mogadischu einordnen.
Frage: Wie groß war Ihre Zelle?
Antwort: 30 Quadratmeter mit neun Leuten und einer Toilette, die gleichzeitig eine Dusche war.
Frage: Wie oft hatten Sie Bombenalarm?
Antwort: Täglich mehrfach.
Frage: Wie haben Sie sich da gefühlt?
Antwort: Anders als an der Front. Du kannst halt nicht selbst bestimmen, ob du in Deckung gehst oder nicht. Da bist du der Sache ausgeliefert.
Frage: Sie waren aus einem niedersächsischen Gefängnis geflüchtet...
Antwort: Genau genommen war ich im Ausgang. Von dem bin ich nicht zurückgekommen. Das nennt sich nicht Flucht, sondern Entweichung. Und ist nicht strafbar. Ich hatte auch einen guten Grund. Meine Frau rief mich im Februar 2022 an und sagte, die Russen stehen nur 20 Kilometer vor ihrem Wohnort. Meine Familie geht mir über alles. Deswegen bin ich zu ihr in die Ukraine gefahren.
Frage: Sie sind wegen welcher Straftat verurteilt?
Antwort: Subventionsbetrug.
Frage: Zu wie vielen Jahren Haft?
Antwort: Vier Jahre drei Monate.
Frage: Und wie viel haben Sie davon abgesessen?
Antwort: Den letzten Tag mittlerweile.
Frage: Sie liegen aber immer noch im Streit mit der deutschen Justiz
Antwort: Ja, ich habe unter schwersten Bedingungen in Kiew eine Haftstrafe abgesessen, wodurch sich meine Haftzeit reduziert. Die hier zuständigen Behörden haben aber nur den Faktor ein zu zwei berechnet, obwohl das Bundesamt für Justiz einen Faktor eins zu vier empfohlen hatte. Mein Rechtsanwalt ist gerade dabei, das zu regeln.
Frage: Also hoffen Sie, eine Art Entschädigung zu erhalten?
Antwort: Das hoffe ich nicht nur, das ist sogar relativ sicher, weil das ein Richter bereits durchblicken ließ.
Frage: Um was für eine Summe Geld geht es?
Antwort: Pro Tag 680 Euro, der zu viel gesessen ist.
Frage: Und wie viele Tage, glauben Sie, haben Sie zu viel gesessen?
Antwort: Das sind 420 Tage zu viel.
Frage: Wann erwarten Sie ein Urteil?
Antwort: Das wird sich hinziehen. Also meine Anwälte sagen, wenn es schnell läuft und kein Widerspruch eingelegt wird, dann ist die Sache in zwei Monaten gegessen. Aber ansonsten dauert das bis zu 1,5 Jahre.
Frage: Also, jetzt helfen Sie mal beim Kopfrechnen. Was für eine Summe ist das dann?
Antwort: Ja, ich sag mal so grob 280.000. Euro.
Frage: So viel Geld?
Antwort: Mir geht es in diesem Fall mal nicht ums Geld. Mir geht es in der Sache sogar wirklich nur ums Prinzip, weil die mich in Kiew zu lange haben sitzen lassen und mir dann nur den Faktor ein zu zwei zugestanden haben, obwohl andere Behörden einen höheren Faktor empfohlen haben.
Frage: Und jetzt wollen Sie zurück in die Ukraine?
Antwort: Ja, ich kehre in meine alte Einheit zurück, in der ich schon 2014, 2015 war. Das ist das damalige Azov-Regiment, jetzt dritte Sturmbrigade. Ich kommandiere eine kleine, schlagkräftige Einheit und bin im Stab tätig.
Frage: Wissen Sie schon, an welche Front Sie geschickt werden?
Antwort: Nein, und es ist auch, glaube ich, gesünder, das nicht zu sagen. Das sind nicht alles unsere Freunde.
Frage: Haben Sie Angst, zu sterben?
Antwort: Angst, zu sterben, darf man nicht haben. Ein gewisses Maß an Angst ist da ist. Da braucht man nicht drüber zu reden. Man muss sich der Situation bewusst sein, bevor man dahin geht, dass es auch das letzte Mal sein kann, dass man seine Familie oder Freunde sieht.
Frage: Wie hoch schätzen Sie die Verluste ein, auf ukrainischer und auf russischer Seite?
Antwort: Ich schätze, dass jeder dritte Soldat nicht nach Hause zurückkehrt.
Frage: Und Sie haben eine Frau in der Ukraine?
Antwort: Genauso ist es.
Frage: Haben Sie auch Kinder?
Antwort: Ja, eine Tochter, sieben Jahre alt. Die ist allerdings nicht in der Ukraine, die ist in Thailand bei den Großeltern. Die haben wir in Sicherheit.
Frage: Und warum bleiben Sie nicht einfach in Deutschland in Sicherheit und holen Ihre Frau?
Antwort: Meine Frau darf nicht aus der Ukraine ausreisen. Die ist tätig beim militärischen Nachrichtendienst und darf das Land nicht verlassen, weil sie Militärangehörige ist.
Frage: Sind Sie dann ein Söldner? Der Vorwurf wird hierzulande oft erhoben ...
Antwort: Nein, wir sind Teil der regulären Armee. Ich habe einen ganz offiziellen Truppenausweis, ich kriege ganz normal mein Gehalt. Selbst die internationale Legion, in der ich ja nicht tätig bin, ist in normalen Einheiten eingebettet. Die Soldaten aus anderen westlichen Ländern bringen viel Know-how für westliche Technik mit und können Multiplikator für viele Ukrainer sein, die dort an westlicher Technik ausgebildet werden.
Frage: Wie hoch ist der Sold?
Antwort: Der reguläre Sold beträgt ungefähr 2500 Euro im Monat. Und je nach Verwendung hast du dann unter Umständen mehr.
Frage: Machen Sie das dann wegen des Geldes?
Antwort: Nein. Ich habe das auch eine Zeit lang ohne Gehalt gemacht.
Frage: Was ist dann Ihre Motivation?
Antwort: Dort wird unsere Freiheit Europas im Moment verteidigt. Und unsere westlichen Werte. Ich kann mich noch dunkel erinnern, als ich mal bei der Bundeswehr war, dass ich einen Eid geschworen habe, das Land gegen Feinde vom In- und Ausland zu verteidigen. Und das gehört für mich dazu.
Frage: Sehen Sie wirklich eine realistische Chance, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnen wird?
Antwort: Verlierer sind beide jetzt schon. Das ist so. Es ist tragisch, aber es wird auf Dauer auf ein Patt hinauslaufen, da bin ich ganz realistisch. Aber der Preis wird sehr, sehr hoch sein. Es kann weder die Ukraine einlenken und einfach sagen, wir treten die Gebiete ab, noch Russland kann das ohne Weiteres sagen. Für Putin wäre das der letzte Tag – und für Selenskyj auch.
Frage: Also wird das Töten und Sterben 2025 weitergehen?
Antwort: 2025, 2026, vielleicht auch noch 2027. Da bin ich sehr pessimistisch. Ich hoffe, dass es vielleicht eines Tages ein Referendum in den betroffenen Gebieten gibt, damit die Menschen vor Ort entscheiden, ob sie zu Kiew oder zu Moskau gehören wollen. Die Abstimmungen müssten aber wirklich frei sein und so bewacht werden, dass keine Manipulationen möglich sind – so wie Putin das bei seinem Referendum gemacht hat. Aber die Realität ist eine andere. Nehmen Sie Bachmut als Beispiel. Das war ein Fleischwolf, in den Menschen reingeschmissen wurden, wo klar war, dass sie nicht zurückkommen. Sowohl auf russischer Seite als auch auf ukrainischer Seite.