Osnabrück Das Scherbengericht – Der Umgang mit Luke Mockridge verliert jedes Maß
Was der Comedian Luke Mockridge über die Paralympics gesagt hat, war skandalös. Trotzdem: Die öffentliche Empörung über ihn läuft gerade aus dem Ruder. Was ihm alles angedroht wird, hat nichts mehr mit Denkzetteln zu tun. Sondern mit Existenzbedrohung.
Wer sich die Podcastfolge mit dem Comedian Luke Mockridge bisher erspart hat, über die seit Tagen das ganze Land redet, dem sei gesagt: Die Stelle, um die es geht, ab Minute 45, ist im O-Ton sogar noch schwerer erträglich, als wenn man die Sprüche über Paralympics-Athleten nur liest.
Bei der Vorstellung, „Menschen ohne Arme und Beine“ würden in einem Schwimmbecken „ertrinken“, lachen sich Mockridge und seine Podcast-Gastgeber in einer Weise kaputt, die einfach abstoßend ist. Dass die Öffentlichkeit und nicht zuletzt viele Vertreter des Behindertensports darauf so entsetzt reagierten, ist deshalb mehr als nachvollziehbar: Der Auftritt ging gar nicht.
Allein: Während die einen noch entsetzt sind, gehen andere längst zum Scherbengericht über. Das Fernsehen nimmt Mockridges geplante Show aus dem Programm. Comedy-Veranstalter sagen seine Auftritte ab. Selbst das Bonner Kabarett „Springmaus“, gegründet von Mockridges eigenem Vater, stoppt die Zusammenarbeit. Das sind keine Denkzettel-Dimensionen mehr. Hier soll jemandem seine Existenzgrundlage geraubt werden.
Ein Peinlich-Comedian, mit dessen Pimmelwitzen eben noch alle gerne Kasse machten, wird über Nacht zum nationalen Feindbild. Wegen eines Fehlers in der 45. Minute. Für den er, und das ist wichtig, ausführlich um Entschuldigung gebeten hat. Man muss Luke Mockridge wirklich nicht witzig finden, um zu spüren, dass da gerade jedes Maß verloren geht.
Der Fall Mockridge zeigt beispielhaft, was durch die Dauer-Erregung der sozialen Netzwerke alles in Vergessenheit zu geraten droht. Dass jeder eine Chance verdient hat, sich zu bessern, zum Beispiel. Oder dass eine Gesellschaft inhuman wird ohne die Bereitschaft, zu vergeben. Das Niveau der deutschen Humor-Podcasts mag unterirdisch sein. Um das Niveau der deutschen Fehlerkultur steht es allerdings nicht viel besser.