Warnung der KVN Aurich  Ärztemangel auf dem Land wird sich drastisch verschärfen

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 11.09.2024 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Versorgung mit Ärzten wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschlechtern. Foto: DPA
Die Versorgung mit Ärzten wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschlechtern. Foto: DPA
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In den kommenden Jahren werden mehr Ärzte fehlen als bislang schon. Verschärft wird das laut Kassenärztlicher Vereinigung Aurich durch ein neues digitales Angebot.

Aurich - Vor einem massiven Ärztemangel warnt die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN). Deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Thomas Schmidt verdeutlichte das in einem Pressegespräch in Aurich. „Wir werden Wartezeiten für Termine und Behandlungen bekommen, die wir heute überhaupt noch nicht kennen.“ Es werde zudem eine lange Durststrecke geben, bis der Mangel an Ärzten mit zusätzlichen Studienplätzen für Mediziner ausgeglichen werden könne. Denn bis zum Jahr 2040 würden in Niedersachsen 447 Medizinstudienplätze jährlich zusätzlich benötigt, um den Mangel auszugleichen. Im Landeshaushalt für das kommende Jahr seien aber nur 80 neue Plätze für die Uni Oldenburg vorgesehen. „Fehlen noch 367“, so Schmidt.

Thomas Schmidt ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: Romuald Banik
Thomas Schmidt ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: Romuald Banik

Hinzu komme, dass es mindestens zwölf Jahre dauere, ehe ein Mediziner auch auf dem Land seine Hausarztpraxis eröffnen könne. Außerdem würden viele gar nicht diesen Weg einschlagen. Es sei auch nicht möglich, Ärzte aus anderen Bundesländern abzuwerben. Denn den Mangel an Studienplätzen gebe es bundesweit in unterschiedlichen Ausprägungen.

Elektronische Patientenakte schreckt ältere Ärzte ab

Ungewollt verstärkt werden könnte der Ärztemangel durch die elektronische Patientenakte (Epa). Es gibt sie seit Januar 2021, Kassenpatienten können sie sich freiwillig einrichten. Doch ab dem 15. Januar 2025 soll es die elektronische Patientenakte für alle geben. Wer sie nicht haben möchte, muss dann widersprechen. Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, die Epa anzubieten. Das kostet Geld, Zeit und Kraft, wie Dieter Krott, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Aurich, sagt. Es sei ein Aufwand, den viele ältere Ärzte, die vielleicht noch ein oder zwei Jahre ihre Praxis betreiben wollen, oft scheuten. „Es wird auch als Grund für eine frühzeitige Praxisaufgabe angegeben“, so Krott.

Dieter Krott ist Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Aurich. Foto: Romuald Banik
Dieter Krott ist Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Aurich. Foto: Romuald Banik

Nicht nur deswegen ist die KVN skeptisch, was die Einführung der Epa angeht. Denn auch wenn es sie schon seit 2021 gibt. „Das ist nicht die Version, die wir am 15. Januar haben werden“, so Detlef Haffke, Pressesprecher der KVN. Gleich zwei Befürchtungen gibt es, wie Mareike Grebe, Vorsitzende des KVN-Bezirksstellenausschusses Aurich, sagt. Sie ist niedergelassene Ärztin in Hesel. Seit einem Jahr erprobt sie mit einem Patienten die elektronische Patientenakte. Es würden regelmäßig mindestens fünf Minuten vergehen, ehe sie überhaupt Zugriff auf die Akte habe. Sowohl ihr Heilberufsausweis als auch die Versichertenkarte müssten in ein Terminal eingeschoben werden. Dann erfolge eine Abfrage von rund 20 Punkten, die einzeln beantwortet werden müssten. Schließlich müsse am Ende der Patient seine PIN eingeben. „Die haben die Leute dann im Zweifel vergessen“, so Grebe.

Patienten entscheiden, was in die Akte kommt

Es soll besser werden, betont Schmidt. Das habe die Gematik, die Nationale Agentur für Digitale Medizin, von der die Epa entwickelt wird, angekündigt. „Aber keiner weiß, wie.“ Ab November soll eine Testphase des Systems in Hamburg sowie in Franken erfolgen. Ein enges Zeitfenster für ein System, das ab dem 15. Januar bundesweit eingesetzt werden soll.

Mareike Grebe ist Hausärztin in Hesel und Vorsitzende des KVN-Bezirksstellenausschusses Aurich. Foto: Romuald Banik
Mareike Grebe ist Hausärztin in Hesel und Vorsitzende des KVN-Bezirksstellenausschusses Aurich. Foto: Romuald Banik

Dabei sei der Ansatz, dass jeder Kassenpatient eine Epa bekomme, grundsätzlich nicht falsch, so Schmidt. Man dürfe nur nicht glauben, dass dadurch die Kommunikation unter den Praxen, zum Beispiel über einen Austausch von Befunden, einfacher werden würde. Denn dafür sei die Epa nicht gemacht. Jeder Patient kann nämlich selbst entscheiden, was in der Epa gespeichert wird. „Ärzte können also nicht sicher sein, dass dort eine komplette Akte vorliegt.“

Am Anfang ist die Akte leer

Das gelte vor allem zum Start nicht. Denn es würden ab dem 15. Januar nur neue Daten hochgeladen, nicht die Historie eines jeden Patienten. Und es sei zu Beginn nur eine digitale Loseblattsammlung, wie Grebe es nennt. Denn es würden lediglich PDF-Dateien Eingang in die Dateien finden. Es handele sich dabei um das PDF-A-Format. „Mein Praxisprogramm arbeitet mit PDF-Dateien. Die sind nicht kompatibel“, so Grebe. Alleine in Niedersachsen gebe es rund 120 Anbieter von Praxisprogrammen. Nicht eines davon habe bislang eine Schnittstelle zur Epa, sagt Schmidt.

Er kritisiert das Dateiformat aus einem anderen Grund. „Es gibt dadurch keine Volltextsuche.“ Selbst wenn ein Arzt sich zum Beispiel über die Arzneien informieren will, die ein Patient nimmt, finde er in der Epa nur eine Liste der Medikamente. Angaben über Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten gebe es nicht. Perspektivisch sollen Mutterpass, das Bonusheft des Zahnarztes oder der Impfpass Eingang in die Epa finden. Zum Start aber nicht. „Das wird zu Anfang zu viel Frust bei den Patienten führen“, sagt Schmidt. Was der Bevölkerung mit der Epa suggeriert werde, werde Mitte Januar nicht mit der Realität übereinstimmen.

Die KVN fordert deswegen, dass bei der elektronischen Patientenakte der Zugriff auf die Daten und das Hochladen von Dokumenten schnell gehen muss. Dringend erforderlich sei eine Suchfunktion sowie ein kompletter Medikationsplan der Patienten. Schon jetzt müssten Praxen im Schnitt 61 Arbeitstage im Jahr für die Bürokratie aufwenden, so Haffke. Ein Wert, der nicht weiter gesteigert werden dürfe. Denn, so Thomas Schmidt abschließend, durch die elektronische Patientenakte werde an keiner anderen Stelle Bürokratie abgebaut.

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