Prozess vor Landgericht Aurich  Wiesmoorer soll Sohn und Tochter missbraucht haben

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 15.09.2024 13:13 Uhr | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sexueller Missbrauch quält Kinder ein Leben lang. Symbolfoto: Armer/dpa
Sexueller Missbrauch quält Kinder ein Leben lang. Symbolfoto: Armer/dpa
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Ein 62-jähriger ehemaliger Wiesmoorer steht in Aurich vor Gericht, weil er seinen Sohn und seine Tochter missbraucht haben soll. Er bestreitet das. Die Kinder erzählten Geschichten, behauptet er.

Aurich/Wiesmoor - Ein 62-jähriger ehemaliger Wiesmoorer soll jahrelang zwei seiner sechs Kinder missbraucht haben. Der Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen begann am Mittwoch, 11. September 2024, vor dem Landgericht Aurich. Angeklagt sind 16 Straftaten zu Lasten einer Tochter und eines Sohnes. Der Verheiratete, der inzwischen in Oldenburg wohnt, weist die Vorwürfe zurück.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Familienvater vor, sich zwischen 2013 und 2021 im häuslichen Umfeld an der 2004 geborenen Tochter und dem 2006 geborenen Sohn vergangen zu haben. Die Vorfälle sollen sich in Westerstede und ab Juli 2016 in Wiesmoor bei Abwesenheit der restlichen Familie zugetragen haben.

Dem Kind Pornos gezeigt

Der erste Übergriff soll erfolgt sein, als das Mädchen neun oder zehn Jahre alt war. Die Mutter habe die Kinder für die Schule fertig gemacht, als er das Kind zu sich gerufen und im Intimbereich gestreichelt habe. Es soll zu drei gleichgelagerten Taten gekommen sein. Den Jungen habe der Angeklagte mehrfach in sein Büro gerufen, ihm Pornos gezeigt und ihn im Intimbereich angefasst. Der letzte Vorfall soll sich nach einer Feier zugetragen haben, als all anderen bereits zu Bett gegangen waren.

„Ich bin entsetzt von den Vorwürfen“, beteuerte der Angeklagte. Er wisse nicht, wie man auf so etwas kommen könne. „Wir waren nie alleine. Ich hätte das nicht mal machen können, wenn ich′s hätte wollen.“ Zwar habe es die Feier gegeben, danach sei er aber im Wohnzimmersessel eingeschlafen. Die anderen Situationen habe es nicht gegeben. Bei dem Büro habe es sich um „total einsehbare Räumlichkeiten“ gehandelt. Nach Wutattacken der Tochter habe es keine schließende Tür gegeben. Das Jugendamt habe ihnen eine Familienhilfe besorgt.

Sauer über fehlendes Taschengeld

Der Vorsitzende Richter Bastian Witte fragte den Angeklagten, ob er eine Idee habe, warum seine Kinder das erzählten. „Ich weiß von meinen anderen Kindern, dass sie uns übel nahmen, dass wir ihnen kein Taschengeld bezahlen konnten. Ich war arbeitslos“, mutmaßte der Angeklagte. Erst vor fünf Jahren habe er seinen jetzigen Job als Busfahrer angetreten. 2019 sei er Paketbote gewesen, davor fünf Jahre ohne Arbeit. Er fügte noch hinzu, die beiden Kinder neigten zum Geschichtenerzählen.

Witte verwies auf einen Chat zwischen der Geschädigten und ihrer Schwester. In der Sprachnachricht sagt die Schwester: „Mir wird das Kind weggenommen, weil ihr Papa anzeigen musstet, statt über die Folgen nachzudenken. Ich habe ihn doch auch nicht angezeigt, und Mama weiß jetzt auch, dass ihr nicht lügt.“ Dafür hatte der Angeklagte keine Erklärung.

Sie durften nicht zu Oma und Opa

Die Geschädigte ist aus gesundheitlichen Gründen derzeit nicht in der Lage, vor Gericht auszusagen. Sie wurde für den 15. Oktober 2024 geladen. Stattdessen machte ihre Mutter, die weiterhin zu ihrem Ehemann hält, eine Aussage. „Wir sind immer für unsere Kinder da gewesen“, beteuerte sie.

2012 sei sie an Krebs erkrankt, in den Jahren davor und danach habe sie Schlaganfälle erlitten. „Wir haben immer versucht, die Kinder aufzufangen. Nur waren wir finanziell nicht so gut bestückt, dass wir hätten große Sprünge machen können“, sagte sie. Die Kinder hätten gerne zu Oma und Opa gewollt, aber sie hätten sie nicht alleine hingelassen.

Mutter wurde selbst missbraucht

Dann brach die 50-Jährige in Tränen aus. Sie sei zwischen ihrem siebten und 21. Lebensjahr von ihrem Vater missbraucht worden – „nur, dass damals die Anzeige unter den Teppich gekehrt wurde“. Den Kindern hätten sie erzählt, „Opa hat einen angefasst“. Deshalb wollten sie nicht, dass sie da alleine hingingen. „Ich finde die ganzen Aussagen, die die Kinder machen, in diesem Zusammenhang wieder“, erklärte sie unvermittelt. Man habe den Kindern irgendwann „die Wahrheit eingeschenkt“.

Witte forderte die Frau auf zu erzählen, was ihr als Kind widerfahren sei. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. So wurde es auch bei der Aussage des geschädigten Sohnes, der durch einen schwarzen Paravent vom Angeklagten abgeschirmt wurde, gehandhabt.

Der Prozess wird am 20. September 2024 um 9 Uhr in Saal 116 des Landgerichts Aurich fortgesetzt.

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