Berlin Giora Feidman: Warum die Klezmer-Legende gerade jetzt deutscher Staatsbürger wird
Er ist einer der größten Vermittler jüdischer Kultur in Deutschland: Jetzt ist der Klezmer-Klarinettist Giora Feidman selbst Deutscher geworden. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der aus Argentinien stammende Musiker exklusiv, warum er sich einbürgern ließ.
Bei den ostdeutschen Landtagswahlen triumphiert ein Faschist, der SS-Parolen zitiert; in Berlin zeichnen Uni-Besetzer Hamas-Symbole an die Wände. Und ausgerechnet in dieser dunklen Stimmung entscheidet sich einer der bekanntesten Vertreter der jüdischen Kultur, ein Deutscher zu werden: Im Alter von 88 Jahren hat der Klezmer-Klarinettist Giora Feidman jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Nicht trotz des Zeitgeistes, sondern gerade deswegen.
„Wie das deutsche Publikum mich umarmt hat, das ist das größte Geschenk meines Lebens“, sagt der Musiker im Gespräch mit unserer Redaktion. „Nichts lässt mich mehr fühlen, dass ich ein Mensch bin, als die Aussöhnung zwischen den Deutschen und den Juden. In der Freundschaft der deutschen Fans fühle ich mich so gut, überwältigend gut“, sagt Feidman.
„Nach dem Krieg hat eine Heilung stattgefunden. Jetzt sind wir eine Familie, eine gesunde Familie. In Deutschland lebe ich als Bruder unter Brüder. Und jetzt bin ich selbst ein Deutscher geworden. Jetzt habe ich einen deutschen Pass.“
Feidman ist dem deutschen Publikum seit Jahrzehnten verbunden. Bekannt wurde er Anfang der 1980er Jahre, als er in Peter Zadeks Inszenierung des Theaterstücks „Ghetto“ die Klarinette spielte. Seitdem hat er der jüdischen Klezmer-Musik zu einer enormen Popularität verholfen, nicht nur in Deutschland, aber hier besonders: Den größten Teil seiner Konzerte spielt er hierzulande.
Beim Wohnort wechselt der Musiker zwischen Hamburg und einem Haus in der Nähe von Tel Aviv; und ausgewiesen, ergänzt sein Manager und Komponist Majid Montazer, hat er sich bislang mit zwei Pässen: mit einem US-amerikanischen und einem aus seiner Heimat Argentinien. Geboren wurde Feidman 1936 als Sohn jüdischer Emigranten in Buenos Aires.
Dass nun die deutsche Staatsbürgerschaft dazukommt, versteht Feidman als Friedensgruß an die Welt. „Die Freundschaft zwischen den Deutschen und den Juden ist der größte Beweis für die Menschlichkeit auf diesem Planeten“, erklärt er hörbar bewegt. Seine Geste solle jetzt ausstrahlen und überall zur Völkerverständigung ermutigen.
„Wenn wir, die Juden und die Deutschen, das geschafft haben – dann kann das jeder schaffen. Wir alle sind Menschen. Wir sind für die Freundschaft geboren. Und das fühle ich ganz stark“, sagt Feidman. Er ruft zur Achtung für die Schöpfung auf, zum Respekt für die Menschheit im Ganzen und auch für jeden einzelnen. „Die Welt ist ein Paradies, wir müssen es nur begreifen“, sagt der 88-Jährige und hofft auf ein Ende der Gewalt: „Genug ist genug.“
Seine Leidenschaft und Liebe stellt Feidman einer Zeit entgegen, die besonders hoffnungslos scheint. Wenn man ihn auf den Rechtsruck in Deutschland anspricht, seufzt auch er: „Ich versuche, darüberzustehen“, sagt er und formuliert sein Credo der Zuversicht: „Die Bewegung wird keinen Erfolg haben. Es wird kein Erfolg. Die Gegner der Nazis sind stark. Das fühle ich mit meiner ganzen Seele.“
Auch im linken Spektrum flammt der Antisemitismus nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober wieder auf. An seiner Entscheidung für Deutschland lässt Feidman aber auch das nicht zweifeln: „Antisemitismus ist eine Krankheit. Jede ‚Anti-Bewegung‘ ist eine Krankheit und dagegen gibt es ein Mittel: Bildung, Erziehung, Kultur, die Musik und jede Art von Kunst. Wir müssen mit der Bildung dagegen ankämpfen. Wir müssen den jungen Menschen vom ersten Schultag an erklären: Deutschland hat Werte und diese Werte schließen jeden Nazismus aus.“
Diesen Appell richtet Feidmann auch an die jüdische Community: „Kommt zurück, kommt nach Deutschland. Es ist nicht mehr das Land der Vergangenheit.“
Inzwischen hält Feidman ein vorläufiges, aber schon vollgültiges Ausweisdokument in den Händen. Er hat es, erzählt er, sogar schon einmal benutzt. Anfang dieser Woche ist er mit dem neuen Pass nach Deutschland eingereist: „Am Frankfurter Flughafen habe ich zum ersten Mal meinen Ausweis als Deutscher gezeigt. Ich kam mit der Lufthansa aus Israel. Es ist schwer, Worte für meine Gefühle zu finden. Ich war so stolz, es war ein großartiges Gefühl“, sagt Feidman. Und auf Deutsch setzt der 88-Jährige, der im Interview sonst Englisch spricht, dann noch die drei Worte nach: „Das erste Mal!“
Einbürgerungsfeier mit Klezmerkonzert: Giora Feidman möchte seine Einbürgerung mit Fans und Wegbegleitern feiern. Am 31. Januar 2025 gibt er aus diesem Anlass ein Konzert im Kammersaal der Berliner Philharmonie, für die es auch Karten im freien Verkauf geben soll.