Hamburg Mehr Gewalt an Schulen: Forscher warnt vor trügerischen Zahlen
Trotz Daten über zunehmende Gewalt an Schulen zeigt die Forschung ein anderes Bild. Sozialwissenschaftler Sören Kliem erklärt, warum Kriminalstatistiken häufig nicht aussagekräftig sind und was wirklich hinter den Zahlen steckt.
An Deutschlands Schulen fliegen immer häufiger die Fäuste. Das geht aus den polizeilichen Kriminalstatistiken hervor, die Gewaltvorfälle im schulischen Kontext erfassen. Für wenig aussagekräftig hält Sören Kliem diese Zahlen. Der Professor für Sozialwissenschaften an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena forscht seit vielen Jahren zu Jugendgewalt und kommt zu anderen Erkenntnissen.
Frage: Herr Kliem, blickt man auf die Zahlen der zuständigen Behörden zu Gewalt an Schulen nehmen Delikte bundesweit zu. Was ist los an den Schulen?
Antwort: Ich stelle grundsätzlich erst einmal infrage, ob es wirklich so ist, dass Gewalt an Schulen zunimmt. Wir müssen unterscheiden, auf welcher Datengrundlage diese Aussagen getroffen werden. Da gibt es zum einen die Polizeiliche Kriminalstatistik und das ist eine sogenannte Hellfeldstatistik.
Frage: Warum ist das problematisch?
Antwort: In diesen Statistiken tauchen alle Fälle auf, die polizeilich in irgendeiner Form erfasst wurden. Bei Hellfeldstatistiken kann es aber zu Verzerrungen kommen, etwa, wenn wir das Phänomen haben, dass die Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung steigt. Mal angenommen im Jahr 2012 war die Anzeigebereitschaft niedriger als 2014. Dann steigen die im Hellfeld erfassten Zahlen der Kriminalitätsbelastung automatisch an und es sieht so aus, als ob ein bestimmtes Phänomen häufiger werden würde. In Wahrheit wurde es aber nur häufiger angezeigt. Eine weitere Einschränkung gibt es, wenn die Polizei gerade einen bestimmten Ermittlungsfokus gesetzt hat. Ein Beispiel: Im kommenden Quartal soll Drogenkriminalität in Parkanlagen aufgedeckt und gesondert gefahndet werden. Automatisch steigt die Zahl von polizeilich bekannt gewordenen Drogendelikten im Hellfeld massiv an. Die eigentliche Ursache dafür ist aber nur der anders gesetzte polizeiliche Ermittlungsschwerpunkt.
Frage: Hellfeldstatistiken sind also gar nicht aussagekräftig?
Antwort: Ja und das ist nicht nur meine persönliche Überzeugung, sondern ein Problem, mit dem Kriminologinnen und Kriminologen immer zu tun haben, wenn sie auf Hellfeldstatistiken festgenagelt werden. Die Zahlen sind überhaupt nicht belastbar und eignen sich nicht, um daraus Aussagen über Kriminalitätsentwicklungen abzuleiten. Trotzdem ist das, was man gesellschaftlich als Kriminalitätswirklichkeit verhandelt und am Ende in Zeitungen oder auf Social Media liest, im Radio hört oder im Fernsehen sieht, auf Basis dieser ungeeigneten Zahlen entstanden.
Frage: Aus den nicht belastbaren Zahlen können also falsche Schlussfolgerungen resultieren ...
Antwort: Ja. Und ein weiteres Problem ist, dass – was die Kriminalitätsentwicklung angeht – die emotionale Wahrnehmung in der Bevölkerung sehr stark von Einzelfällen beeinflusst wird. Das sieht man aktuell am Beispiel des Anschlags in Solingen. Befragt man kurz danach die Allgemeinbevölkerung, für wie wahrscheinlich sie es halten, Opfer eines Terroranschlags zu werden, dann würden vielleicht 30 bis 40 Prozent die Antwort geben, dass sie es für sehr wahrscheinlich halten. Damit möchte ich diese Einzelfälle nicht kleinreden, jeder einzelne bleibt eine Katastrophe und muss entsprechend bewertet werden. Aber wenn man sich statistisch mit dem Phänomen beschäftigt, dann bleiben solche Ereignisse wahnsinnig unwahrscheinlich und die Gefahr, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist verschwindend gering.
Frage: Welche Zahlen sind geeignet und belastbar, wenn es um Gewalt an Schulen geht?
Antwort: Wir brauchen das Dunkelfeld. Das ist sozusagen der Bereich, in dem auch die Straftaten auftauchen, die polizeilich gar nicht bekannt werden. Fast alle Morde tauchen im Hellfeld auf, aber fast keine Sexualstraftaten. Somit werden bestimmte Delikte auch massiv überschätzt und andere unterschätzt. Die Anzeigebereitschaft zwischen verschiedenen Delikten variiert stark. Der Königsweg, um an das Dunkelfeld ranzukommen, ist – ähnlich wie bei Wahlforschung – Befragungen in der Allgemeinbevölkerung durchzuführen.
Frage: Also muss die Schülerschaft befragt werden?
Antwort: Genau, es muss Schulklassenbefragungen geben. In Niedersachsen gibt es zum Beispiel eine große Dunkelfeldtradition in meinem ehemaligen Heimatinstitut, dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens. Dort werden alle zwei Jahre im Schnitt zwischen 9.000 und 12.000 Schüler der neunten Klassen befragt.
Frage: Und was kam dabei heraus?
Antwort: An den Zahlen lässt sich kein massiver Anstieg von Kriminalität und Gewalt an deutschen Schulen ableiten. Zwar gibt es auch in der Dunkelfeldfoschung Einschränkungen, aber nicht so große wie in der Hellfeldforschung. Und eine weitere Datenquelle, die ich mir immer gerne anschaue, sind die die Zahlen der Unfallversicherung.
Frage: Warum genau die?
Antwort: Die Unfallversicherungen erfassen Schulunfälle in zwei Kategorien: Raufunfälle und schwere Raufunfälle. Es geht also um leichte Verletzungen in Folge von Prügeleien und schwere Formen, wenn es etwa in Folge körperlicher Auseinandersetzungen zu Frakturen kommt. Diese Zahlen sind besonders interessant, weil die Fälle aus versicherungstechnischen Gründen gemeldet werden. Im Krankenhaus wird außerdem im Fall von verletzten Kindern gefragt, wo der Unfall passiert ist. War es im Schulkontext, greift die Unfallversicherung.
Frage: Und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Zahlen ableiten?
Antwort: Auch da sieht man in der höheren zeitlichen Auflösung eher einen stetigen Rückgang. Es ist auf keinen Fall so, dass man sagen kann, dass Gewalt an Schulen drastisch zunimmt. Und das steht im starken Kontrast zur gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung oder der medialen Berichterstattung.
Frage: Schulleitungen melden sich immer wieder alarmierend zu Wort, dass Schüler mit Waffen, zum Beispiel Messern, zum Unterricht kommen. Ist das ein zu beobachtender Trend?
Antwort: Ja, tatsächlich ist die Ausstattung mit Messern gestiegen. Fragt man nach den Motiven, ist der überwiegende Grund eine Art Defensivstrategie. Es wird also angegeben, man wolle sich bewaffnen, weil es draußen offenbar gefährlicher geworden ist und alle ein Messer mit sich führen. Sobald Menschen Angst haben, Opfer einer Straftat zu werden, führt das auch zu Veränderungen im eigenen Verhalten. Zum Beispiel in Hinsicht darauf, sich besser schützen zu wollen. Eine Frage, die beleuchtet werden muss, ist also, warum sich Jugendliche solche Sorgen machen.
Frage: Die Jugend verroht Ihrer Meinung nach also nicht?
Antwort: Dass die Jugendlichen immer weiter verrohen, halte ich wirklich für hanebüchen. Was zum Beispiel emotionale Gewalt oder Stigmatisierung angeht, ist in Teilen der Jugend eine sehr hohe Sensibilität vorhanden. Die Einstellung zu Gewalt hat sich in den letzten zehn Jahren immer weiter verändert. Vor allem, was die Legitimität von Gewalt angeht. Die Gesellschaft ist gewaltablehnender geworden. Auch die Einstellung zu Gewalt durch die Eltern hat sich verändert: Würde man heute in der Öffentlichkeit ein Kind körperlich maßregeln, würden wahrscheinlich die umstehenden Passanten die Polizei verständigen.
Frage: Welche Faktoren können dazu führen, dass Jugendliche gewalttätig werden, und was lässt sich dagegen tun?
Antwort: Wer als Kind Gewalt erlebt oder erlebt hat, lernt, dass man mit Gewalt seine Interessen durchsetzen kann. Es ist also wichtig, bereits sehr früh zu verhindern, dass Kinder Opfer häuslicher Gewalt werden. Das ist die allersinnvollste Maßnahme, die man ergreifen kann. Außerdem begehen Jugendliche unter Alkohol- und Drogeneinfluss öfter Straftaten. Es braucht also gute Prävention an dieser Stelle, aber keine niedrigschwellige, sondern eine zielgerichtete an Jugendliche, die entgleisen. Und noch ein ganz wichtiger Punkt: Unstrukturierte und unüberwachte Freizeit. Straftaten werden vor allem dann begangen, wenn zum Beispiel die Schule ausfällt oder man sie schwänzt.
Frage: Die Jugendlichen sollten also weniger sich selbst überlassen werden?
Antwort: Ja. Man muss entwicklungsföderliche Bedingungen schaffen und auch darauf achten, dass die Zeit in der Schule sinnvoll genutzt wird. Nicht nur in den Unterrichtszeiten, sondern auch, wenn Stunden ausfallen oder gerade Pause ist. Es ist die Aufgabe von Schulen und Schulsozialarbeit, dafür zu sorgen, dass die Schule als sicherer Raum funktioniert. Wichtig dabei ist, dass sowohl Schule als auch soziale Arbeit nur so gut arbeiten können, wie sie auch finanziell untersetzt sind.