Alternatives Heizen Ein Drittel der Auricher Häuser kann ans Netz
Die ersten Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung für Aurich sind da. Frieren muss niemand – aber es muss was getan werden dafür.
Aurich - Kommunale Wärmeplanung ist ein sperriger Begriff, der aber derzeit alle Kommunen in Deutschland beschäftigt. Denn nach dem im Dezember vorigen Jahres beschlossenen Gesetz müssen alle Kommunen die Frage beantworten, wie die Einwohner ihre Gebäude CO2-neutral heizen können. In Niedersachsen sowie in vier weiteren Bundesländern wurde das schon früher beschlossen.
Mittelzentren wie die Städte Aurich und Norden müssen bereits bis Ende 2026 die kommunale Wärmeplanung vorlegen. Vor einem Jahr kritisierte Landrat Olaf Meinen das Gesetz als „Flickwerk aus schlechten Kompromissen“, die gesetzte Frist sei viel zu kurz. Die Städte Aurich und Norden hingegen nahmen das offenbar als Ansporn. Sie taten sich zusammen, vergaben Aufträge für die Wärmeplanung. In Aurich konnte Klimaschutzmanager Tjarko Tjaden nun die ersten Ergebnisse vorlegen. Im Umweltausschuss stellte er auch gleich sechs Maßnahmen vor, die kurzfristig umgesetzt werden sollten.
Aurich kann sich autark versorgen
Sein Ergebnis: Ungefähr 70 Prozent aller Gebäude in der Stadt Aurich werden auch in Zukunft auf die sogenannte Eigenverantwortung angewiesen sein. Das heißt, jedes dieser Gebäude muss eine eigene Versorgung, sei es über Wärmepumpen, Solarthermie oder andere Systeme, haben. Anders sieht das bei knapp einem Drittel der Auricher Gebäude aus: Sie könnten an Fernwärmenetze angeschlossen werden, die freilich bislang noch nicht existieren. Sie könnten aber wirtschaftlich betrieben werden. Denn Tjaden hat bei seiner Untersuchung den Fokus auf Wärmenetze gelegt, die eine Mindestabnahme an Wärme hätten. Hinzu kommen andere Faktoren wie anstehende Straßensanierungen, die Planung von Neubaugebieten oder der Austausch großer Heizungsanlagen in größeren Gebäuden.
Die gute Nachricht: Aurich kann sich autark versorgen. Die Stromproduktion mit Windkraft, Photovoltaik und Biomasse reiche aus, um den Mehrbedarf, der zum Beispiel durch Wärmepumpen entsteht, zu decken. Es gebe außerdem noch ein großes Potenzial, Energie zu sparen, so Tjaden. Denn die ostfriesische Hohlschicht mache es leicht und günstig, Häuser nachträglich zu dämmen. Nur drei Prozent der Auricher Gebäude seien vor 1919 und damit ohne Hohlschicht gebaut worden. Insgesamt 68 Prozent der Gebäude wurden vor 1979 und damit vor der ersten Wärmeschutzverordnung errichtet. Und: Jede dritte Heizung ist älter als 20 Jahre. Der Gesamtwärmebedarf der Stadt Aurich betrage jährlich 567 Gigawattstunden.
Abwärme des Klärwerks wird genutzt
Neue Wärmenetze können vor allem dann gebaut werden, wenn es große Ankerkunden in der unmittelbaren Nähe gibt. Die erste Maßnahme wäre daher laut Tjaden der Ausbau der kalten Fernwärme, die bereits jetzt aus der Abwärme des Abwassers der Molkerei Rücker gespeist wird. Die Leitung führt an großen Behörden vorbei und hat bereits jetzt Anschlüsse an „De Baalje“ und die Sparkassen-Arena.
Im kommenden Jahr soll der Ringkanal-West neu gebaut werden. Die direkte Abwärme aus dem Abfluss des Klärwerks könne genutzt werden. Nehme man Sonden und Solaranlagen hinzu, könnte das Schulzentrum in Haxtum mit Wärme versorgt werden – und alle Gebäude, die entlang der Trasse stehen.
Baalje erhält Gas vom Klärwerk
In Schirum haben sich Unternehmen zum „Gewerbegebiets-Check“ zusammengetan. Das Projekt dort arbeitet mit der Unterstützung der Hochschule Emden/Leer. Ein Unternehmen im Gebiet habe das größte Abwärmepotenzial gemeldet, so Tjaden. Weitere Unternehmen wollen ihre Gebäude kühlen – weiteres Wärmepotenzial für ein Wärmenetz.
Energieintensiv ist der Betrieb des Auricher Bades „De Baalje“. Die Anschlüsse für die kalte Fernwärme liegen zwar im Keller, wurden aber bisher nicht genutzt. Stattdessen wird ein Blockheizkraftwerk betrieben, das auch die Jugendherberge versorgt. Und das könnte so bleiben. Allerdings könnte das Gas zum Betrieb schon in absehbarer Zeit nicht mehr von der EWE, sondern vom städtischen Klärwerk kommen. Dort wird nämlich ein zweiter Faulturm gebaut. Die Gasproduktion im Klärwerk werde sich dadurch deutlich erhöhen. Der Bedarf von „De Baalje“ könnte damit fast vollständig gedeckt werden.
Weichen müssen schnell gestellt werden
Nicht zu unterschätzen sei auch das kommunale Energiemanagement. Denn die Städte und Gemeinden seien bislang nicht grade ein Vorbild, wenn es um effiziente Energienutzung in ihren eigenen Liegenschaften gehe, so Tjaden.
Schließlich will er auch noch einen digitalen Energieberater schaffen. Dieser wird einen digitalen Zwilling der Stadt Aurich enthalten. Damit kann jeder Hausbesitzer sich für sein Gebäude Rat holen, auf welche Art am besten Wärme erzeugt werden kann.
Tjarko Tjaden sieht seine Aufgabe noch lange nicht als abgeschlossen an. Die nun vorgestellten Maßnahmen müssten auf den Weg gebracht werden. Er hofft aber auch auf Hinweise, um mehr Energie einsparen zu können oder weitere Wärmenetze in Angriff zu nehmen. Wo gibt es noch private bestehende Wärmenetze, an die man andocken könnte? Schließlich müsse geklärt werden, wer die künftigen Wärmenetze betreiben soll. „Wir haben keine Stadtwerke mit Erfahrung auf diesem Gebiet.“ Es gibt also noch viel zu tun, für den Klimamanager ebenso wie für die Politik, die nun rasch die Weichen stellen muss.
Denn die Zeit drängt schon aus wirtschaftlichen Gründen, wie Tjaden sagt. Momentan würden 95 Prozent aller Auricher Gebäude fossil beheizt. Die CO2-Abgabe steige aber kontinuierlich. Bei einer Erhöhung des CO2-Preises von jährlich 50 Euro pro Tonne bis 2027 würde sich die Kaufkraft in der Stadt Aurich jährlich um acht Millionen Euro reduzieren. Würde man dieses Geld in den Ausbau von Wärmenetzen und andere alternative Wärmequellen investieren, hätte wenigstens die heimische Wirtschaft etwas davon.