Berlin  Stephen Fry: Warum er seinen Großvater nie nach Auschwitz gefragt hat

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.09.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Stephen Fry spielt in „Treasure“ einen jüdischen Auschwitz-Überlebenden. Bei der Berlinale hat er den Film vorgestellt. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Stephen Fry spielt in „Treasure“ einen jüdischen Auschwitz-Überlebenden. Bei der Berlinale hat er den Film vorgestellt. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
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Stephen Fry spielt im Kinofilm „Treasure“ einen Auschwitz-Überlebenden. Ein großer Teil seiner Familie wurde wirklich von den Nazis ermordet. Im Interview spricht der Schauspieler über seine Reise nach Auschwitz und die Schwierigkeit, mit dem eigenen Großvater darüber zu reden.

Komiker, Shakespeare-Darsteller, Showmaster und Autobiograf: In der Welt der Unterhaltung gibt nichts, was Stephen Fry nicht kann. Im Kinofilm „Treasure“ ist der Brite jetzt wieder in einer Charakterrolle zu sehen. Der 67-Jährige spielt einen Auschwitz-Überlebenden, der mit seiner Tochter die Orte seiner Vergangenheit besucht. Der Stoff ist nah an Frys eigener Biografie: Seine Großeltern mütterlicherseits waren als Juden dem Nazi-Terror ausgesetzt. Im Interview erzählt Fry, warum er selbst seinem Großvater nie die Fragen gestellt hat, die seine Filmfigur nun beantworten muss. 

Frage: Herr Fry, im letzten Jahr haben Sie unter dem Eindruck des Hamas-Terrors vom 7. Oktober eine alternative Weihnachtsbotschaft ins Netz gestellt. Da heißt es: „Sie werden überrascht sein, aber ich bin ein Jude. Ich bin selbst überrascht.“ Warum ist das überraschend?

Antwort: Ich bin Atheist und in einer nicht allzu religiösen Familie aufgewachsen. Wir lebten in England auf dem Land, meine Mutter machte Blumengestecke für die Kirche. Weihnachten besuchten wir die Messe. Ich liebte die englischen Hymnen und Lieder. Natürlich wusste ich, dass meine Mutter jüdisch war. Aber auch, dass sie im ganzen Leben keine Synagoge von innen gesehen hat. Wir haben den Schabbat nicht gefeiert, hatten keine jüdischen Freunde – wir waren einfach mitten in England auf dem Land. Die zwei jüdischen Jungs auf meinem Internat waren viel jüdischer als ich. Ich selbst liebte nur englische Sachen wie Cricket. Mein Judentum war nur ein interessanter Bonus.

Frage: Und machen andere wirklich ein verblüfftes Gesicht, wenn sie das alles erfahren?

Antwort: Ja – denn wer mich ansieht, erblickt einen Engländer. Aber es gehört zum Judentum, dass es nicht nur um die Religion geht oder darum, wo man lebt. Brutal gesagt, steckt es in den Genen. Ich habe einmal für einen Test in ein Röhrchen gespuckt und bekam das Ergebnis: 53 Prozent aschkenasischer Jude. Das wurde aus meinem Speichel abgelesen. Aus dieser Logik heraus entschieden Heydrich und Eichmann und Himmler, wer ermordet wird. Ich wäre mit Sicherheit in ein Lager gekommen – ob ich nun an Gott glaube oder nicht. Das war nicht der Punkt. Es wäre nur darum gegangen, dass ich das Blut des Vaterlands nicht verunreinige.

Frage: Entscheiden Antisemiten, ob Sie ein Jude sind? Oder Sie selbst?

Antwort: Juden müssen selbst die Entscheidung treffen – weil es etwas Würdeloses hat, das den Antisemiten zu überlassen. Das ist auch ist einer der Gründe, warum manche Menschen Juden hassen – weil wir uns verbergen können. Also sage ich selbst: Jawohl, ich bin ein Jude. Auf allen möglichen Weisen bin ich es zwar auch wieder nicht – sozial, kulturell, religiös. Aber vom Blut her bin ich ein Jude. Meine Vorfahren habe jüdische Leben gelebt. Sie sind ausgeschlossen und in Lagern ermordet worden. Das verstehe ich als Teil von mir. Na ja, das war jetzt eine sehr lange Antwort auf die Frage nach meinem Judentum. Aber Sie verstehen, was ich meine.

Hier sehen Sie den Trailer zu Stephen Frys neuem Film „Treasure“:

Frage: In „Treasure“ spielen Sie einen Holocaust-Überlebenden, der mit seiner Tochter an die Orte seiner Vergangenheit reist. Und eine ähnliche Reise haben Sie, glaube ich, selbst einmal gemacht – im wirklichen Leben natürlich als der Nachkomme.

Antwort: Stimmt, für die genealogische BBC-Serie „Who Do you Think You Are?“.

Frage: Was war bei Ihrer realen Reise anders als im Film?

Antwort: Es waren andere Orte. Mein Großvater war Ungar, er stammte aus einem Ort, der später zur Tschechoslowakei gehörte und heute zur Slowakei. Seine ganze Familie – er selbst und seine Frau ausgenommen – blieb in Ungarn. Und wie Sie wissen, haben hier kaum Juden überlebt. Täglich fuhren die Züge von Budapest nach Auschwitz, mit Zehntausenden, Hunderttausenden ungarischen Juden. Das also passierte der Familie meines Großvaters. Meine Großmutter kam aus Wien, ihre Eltern wurden in ein Ghetto verschleppt, wo sie noch drei Monate lebten, bevor sie ins Konzentrationslager deportiert wurden. Insofern ist es eine ähnliche Geschichte. Es war eine schwere Entscheidung Auschwitz zu besuchen, den Ort, an dem die Familie meines Großvaters ermordet wurde. Meine Schwester und ich waren die ersten aus unserer Familie, die die Reise gemacht haben.

Frage: Der Spielfilm handelt auch von den Konflikten, die Ihre Filmtochter als Nachgeborene hat. Ist das etwas, mit dem Sie selbst als Enkel von Opfern ringen?

Antwort: Auf jeden Fall wünschte ich, dass ich meinem Großvater mehr Fragen gestellt hätte – zum Leben in Europa zwischen den Kriegen, zu dem, was seiner Familie passiert ist und was er selbst gefühlt hat. Aber Auschwitz zu überleben, bedeutet, in einem gewissen Maße seine Menschlichkeit preiszugeben. Um zu überleben, musste man arbeiten. Jeden Tag zog man mit dem Spaten über der Schulter los. Wenn dein Vordermann stolperte, bekam er den Gewehrkolben in den Nacken, vielleicht wurde er vor deinen Augen zu Tode geprügelt. Wenn du geholfen hättest, hätte der Gewehrkolben dich getroffen. Du durftest nicht helfen. Du durftest nicht wahrgenommen werden. Jeden Tag musst du deine Menschlichkeit außer Kraft setzen. Und jeden Tag siehst du Dinge, jeden Tag riechst du Dinge, die so schrecklich sind, wie ein Mensch sie nur sehen und riechen kann. Und was kommt dann?

Frage: Was denn?

Antwort: Dann wird das Camp befreit. Ein paar Monate wirst du wie eine Flipperkugel durch die Weltgeschichte geschubst. Irgendwann hast du deine Papiere und gehst nach New York. Du siehst die vollen Schaufenster, du siehst Juden, die in Freiheit und Würde leben, du kriegst ein Kind, das erwachsen wird und irgendwann begreift, dass du in Auschwitz warst. Dann stellt das Kind Fragen, vor denen du es beschützen willst. Alles, worum es beim Überleben ging, war ja gerade: Den Alptraum hinter sich lassen. Du willst nicht zurück in deine Vergangenheit. Das verstehe ich – genauso wie ich die Fragen des Kindes verstehe. Und so sehe ich auch das verpasste Gespräch mit meinem Großvater: Ich wünschte, ich hätte mehr mit ihm und mit meinen Onkeln und Tanten gesprochen. Von sich aus haben sie es nicht getan. Ich wünschte, ich hätte sie dazu gedrängt – aber es wäre auch grausam gewesen.

Frage: Der Film „Treasure“ erzählt auch von der Bedeutung physischer Erinnerungsstücke, vom Mantel mit dem eingestickten Monogramm, vom Familiengeschirr. Sammeln Sie selbst solche Andenken; auch wenn sie vielleicht nicht mit Ihrer jüdischen Geschichte zu tun haben?

Antwort: Viele Amerikaner haben immer ein sogenanntes „Go Pack“ griffbereit, eine Tasche mit Wasser, Geld und den wichtigsten Papieren. Damit können sie jederzeit fliehen, wenn zum Beispiel ein Waldbrand ausbricht. Unter Juden ist dieser Wunsch nach einem kleinen, tragbaren Besitz besonders verbreitet – falls der nächste Pogrom droht. Juden spielen Geige, weil das Cello zu groß ist. Ich allerdings bin einer dieser schrecklichen Babyboomer, die in ihrem Leben unglaubliche Mengen an Kram anhäufen. Überall kriegt man was geschenkt und von jeder Reise bringe ich mit mehr Gepäck mit. Zum Fliehen bräuchte ich einen kompletten Laster.

Frage: Herr Fry, man kann vom Holocaust nicht sensibel auf lustige Themen überleiten. Ich möchte trotzdem noch ein paar Fragen stellen, die gar nichts mit „Treasure“ und der Schoah zu tun haben.

Antwort: Aber bitte!

Frage: Sie haben die Harry-Potter-Bücher eingelesen, die ich selber gerade meinen Kindern vorlese. Haben Sie einen Tipp, wie man am meisten rausholt? Sollte man zum Beispiel die Stimme für alle Figuren verändern?

Antwort: Ändern Sie Ihre Stimme ein bisschen – aber bloß nicht so stark, dass Ihre Kinder Sie fragend angucken. Das muss man behutsam machen, so wie man beim Tennis ganz leicht den Ball ablenkt: Anschneiden, nicht Schmettern. Und dann: Langsam machen. Erleben Sie die Geschichte. Genießen Sie sie. Solange Sie es nicht übertreiben, werden alle viel Spaß dabei haben.

Frage: Unbegreiflicherweise haben Sie in den Potter-Filmen keine Rolle abbekommen. War das eine Strafe dafür, dass Sie J. K. Rowling – angeblich – einmal gebeten haben, einen Satz umzuschreiben?

Antwort: Ich glaube nicht, dass es daran lag. Aber ansonsten stimmt die Geschichte. In einem der ersten zwei Bücher steht der Satz: „Harry pocketed it – Harry steckte es in seine Tasche.“ Das kann ich einfach nicht lesen, diese doppelte Silbe: Harry pocketetititit. Der Tontechniker hat sich hinter seiner Glasscheibe totgelacht. Rowling war an dem Tag nicht im Tonstudio, also habe ich sie angerufen. Eine der Bedingungen für das Hörbuch war: Es musste Wort für Wort der Vorlage folgen. Manchmal wird gekürzt oder eine Vokabel ersetzt, die Kinder nicht verstehen. Aber Rowling hatte sich vorgestellt, dass Kinder beim Zuhören mit dem Buch auf dem Schoß stumm mitlesen; deshalb musste alles exakt sein.

Frage: Womit sie wahrscheinlich recht hat.

Antwort: Unbedingt. So lernt man lesen. Nur ich konnte es so nicht lesen, also habe ich sie gebeten, diesen einen Satz zu ändern. Mit einem breiten Grinsen in der Stimme hat sie mir geantwortet: Leider geht das nicht. Also habe ich geübt und geübt und es am Ende aus mir rausgepresst. Ab dann hat sie in jedem einzelnen Band, der folgen sollte, den Satz „Harry pocketed it“ versteckt – als kleines Osterei für mich.

Frage: Sie spielen in Ihrem aktuellen Film mit der aus der Serie „Girls“ bekannten Kollegin Lena Dunham; in anderen waren Sie das Gegenüber von Emma Thompson und von Rowan Atkinson, besser bekannt als „Mr Bean“. Was unterscheidet die drei voneinander?

Antwort: Lena spielt sehr amerikanisch: Sie verkleidet sich nicht als die Figur, sie ist sie einfach. Ich vergleiche das immer mit Malerei: Vermeer und Van Gogh sind beide wahrhaftig, aber bei Vermeer ist der Pinsel am Ende unsichtbar. Bei Van Gogh dagegen sieht man jeden einzelnen Strich, es kleben Haare in der Farbe und in einem sogar ein Grashüpfer. So ist Rowan, bei dem man eine ungeheuerliche Verwandlung erlebt. Als Mensch ist er scheu und leise – aber vor der Kamera kommen die unglaublichsten Dinge aus ihm heraus. Emma liegt vielleicht dazwischen. Man sieht die Technik nicht, aber was immer sie tut, ist formvollendet, geschliffen und bis ins Letzte perfektioniert.

Frage: Kennen Sie auch unangenehme Kollegen, die einem die Show stehlen oder Sie überrumpeln?

Antwort: Nicht vor der Kamera. Aber auf der Bühne passiert das oft. Ganz einfach, weil man ein Stück wieder und wieder spielt, achtmal die Woche, über Monate. In so einer Zeit kann ein Schauspieler gierig werden. Man weiß ja ganz genau: Wenn ich jetzt dies oder das mache, dann kriege ich den Lacher. Gewisse Kollegen werden selbstsüchtig. Und dann klauen sie dir die Aufmerksamkeit.

Frage: Wie macht man das?

Antwort: Gucken Sie mal! (Stephen Fry schiebt zwei Gläser exakt an die Tischkante.) Die Tassen sind die Schauspieler, vor dem Tisch sitzt das Publikum. Bei der Premiere stehen wir beide genau nebeneinander. Und dann – Fry schiebt ein Glas stückweise nach hinten – geht der eine jeden Abend ein Stück weiter „upstage“, also in den hinteren Bühnenraum. Um ihn anzuspielen, muss der andere den Zuschauern dann seinen Rücken zuwenden. „Upstaging“ heißt das, und es macht einen verrückt.

Frage: Und aus welcher Perspektive haben Sie das gerade beschrieben? Aus der des Opfers oder als Täter?

Antwort: Haha! Na, ich hoffe zumindest, dass ich selbst das nie mache!

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