Osnabrück Patriotisch? Warum ich die deutsche Nationalhymne schlapp finde
Christian Wulff wünscht sich, dass mehr Menschen in Deutschland die Nationalhymne singen. Damit hat er offenbar einen Nerv getroffen: Darf man das noch, dem „deutschen Vaterland“ Hymnen singen? Ich persönlich hätte da zwar keine Bedenken. Unsere Hymne sehe ich trotzdem kritisch.
Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hat am Wochenende in einem Interview mit meiner Kollegin Marie Busse vorgeschlagen, die Deutschen sollten häufiger die Nationalhymne singen. Schon unsere Kinder müssten „die Hymne und ihre Bedeutung in der Schule lernen und sollten auch lernen, sie zu singen“, sagte Wulff in seiner Eigenschaft als Präsident des Deutschen Chorverbandes: Es gelte schließlich, die Jugend „patriotisch und weltoffen“ zu erziehen.
Es sind Sätze, die offensichtlich einen Nerv treffen, jedenfalls haben Medien im ganzen Land darüber berichtet, von „Spiegel“ bis „Bild“. Wahrscheinlich, weil alles „Nationale“ und „Patriotische“ für manche noch immer etwas potenziell Skandalträchtiges an sich hat: Darf man das als Deutscher, mit unserer Vergangenheit? Dem „deutschen Vaterland“ eine glänzende Blüte wünschen?
Nun würde ich für mich in Anspruch nehmen, da eher weniger Berührungsängste zu haben. Bei der Bundeswehr haben wir die Hymne ständig gesungen. Mit einem Bundeswehr-Streichquartett haben wir die Melodie sogar einmal dem Bundespräsidenten in Berlin vorgespielt, das war zu der Zeit noch Johannes Rau. Das Schloss Bellevue wirkte auf mich schon damals nicht unpatriotisch, höchstens ein bisschen unübersichtlich: In einer Pause kam Christina Rau, also die Hausherrin, zu uns Musikern ins Nebenzimmer und fragte uns, ob es hier irgendwo ein Telefon gibt.
Ich habe jedenfalls nichts dagegen, dass man die deutsche Nationalhymne singt, und sollten unsere Kinder sie eines Tages in der Schule lernen, hielte ich das für vernünftig. So wie ich es für vernünftig halte, dass sie dort den Kreislauf von Photosynthese und Zellatmung oder den Dreisatz lernen. Aber das ist für mich dann auch so ungefähr die emotionale Ebene des Ganzen: Lehrplan. Pflichtstoff. Richtig sexy oder wenigstens richtig schön fand ich die Hymne noch nie.
Schon der Text: alles ist so abstrakt, vom warmen Wort „Vaterland“ mal abgesehen. Einigkeit, Recht, Freiheit, große, ja übergroße Worte, aber welche Bilder lösen sie aus im Kopf, wonach schmecken oder riechen sie? Auch die Formulierung „sind des Glückes Unterpfand“ belegt, dass nicht alles, was veraltet klingt, auch anrührt.
Und die Musik? Nun ja, Joseph Haydn, Wiener Klassik, gefällig, gefasst. Auf einer „Nessun-dorma“-Gänsehaut-Skala von eins bis zehn vielleicht eine drei: ganz okay.
Es ist alles nicht falsch oder gar anstößig, aber eben auch nicht besonders aufregend. Es ist normal. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ist der Christian Wulff unter den Nationalhymnen. Der Hollywood-Blockbuster-Regisseur Christopher Nolan ließ in einem seiner rauschartigen „Batman“-Filme einmal einen kleinen Jungen in der Mitte eines prall gefüllten Football-Stadions die amerikanische Nationalhymne singen, und danach flog das ganze Spielfeld in die Luft. Die deutsche Nationalhymne läuft immer um Mitternacht im Deutschlandfunk.
Vielleicht ist das ja auch alles gut so. Hymnen sind nun einmal wie das Land, das sie besingen: Hymnen sind Heimat. Und wir sind eben eher Christian Wulff als Batman. Unsere Staatsoberhäupter leiten später Chorverbände. Wir versuchen unseren Kindern beizubringen, was nötig ist. Und wir bitten um Hilfe, wenn wir im eigenen Haus das Telefon nicht finden. Doch, es ist gut, wenn wir diesem schönen Land häufiger Hymnen singen. Wer sollte es auch sonst tun?