Osnabrück  Clan-Kriminalität in Niedersachsen: Wie acht Schweden in die Statistik kommen

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 30.08.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seit Jahren intensiviert das Land Niedersachsen seinen Kampf gegen Clan-Kriminalität Foto: Roberto Pfeil/dpa
Seit Jahren intensiviert das Land Niedersachsen seinen Kampf gegen Clan-Kriminalität Foto: Roberto Pfeil/dpa
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Das Land Niedersachsen dezidiert die Nationalitäten bei der Clan-Kriminalität auf. Erstmals wurden 2023 auch mehrere Schweden erfasst. Was sie sich zuschulden haben kommen lassen und warum das Aufkreuzen der Schweden für die Clan-Bekämpfung eher kein gutes Zeichen ist.

Schwedische Staatsbürger in Niedersachsen werden häufiger zu Clan-Kriminellen als libanesische oder türkische Staatsbürger. Also jene Gruppen, die gemeinhin mit Clan-Kriminalität von Behörden und Öffentlichkeit in Verbindung gebracht werden. So zumindest lässt sich eine Erkenntnis aus dem Lagebild Clan-Kriminalität von Niedersachsen für 2023 überspitzt formulieren.

Dezidiert führen Justiz und Polizei jährlich die Nationalitäten der Tatverdächtigen auf, die der Clan-Kriminalität zugeordnet werden. Der weit überwiegende Teil kommt aus Deutschland, bei den nicht deutschen Tatverdächtigen haben „überwiegend die Staatsangehörigkeiten aus den Balkanstaaten, gefolgt von Staatsangehörigkeiten aus dem türkisch-arabischen Sprachraum“, wie es im Lagebild heißt.

Die derart genaue Aufteilung der Nationalitäten sorgt regelmäßig für Kritik, zuletzt etwa von dem grünen Koalitionspartner der SPD-geführten Landesregierung. Sie sorge für Stigmatisierung, meinen Kritiker. Der Nutzwert ist tatsächlich nicht erkennbar. Doch die Transparenz zeugt eben auch davon, wie gering das Phänomen der Clan-Kriminalität mit einzelnen Nationalitäten in Wirklichkeit verbunden ist.

Verglichen mit der Ausländerstatistik für Niedersachsen sind im Bundesland gerade mal 0,11 Prozent aller türkischen Staatsbürger als Verdächtige bei der Clan-Kriminalität erfasst worden. Bei den Libanesen sind es noch weniger. Die acht schwedischen Tatverdächtigen aus dem Clan-Lagebild reichen hingegen schon für die Aussage, dass 0,17 Prozent aller Schweden in Niedersachsen 2023 in Clan-Straftaten verwickelt waren. Rein statistisch.

Trotz der geringen Fallzahlen in Niedersachsen: Schweden und Clan-Kriminalität sind durchaus Begriffe, die zusammenpassen. Neben Deutschland hat nur Schweden überhaupt den Begriff der Clan-Kriminalität als eigenes Phänomen eingeführt. Das Agieren von Clans und Banden führten im skandinavischen Land bereits zu handfesten politischen Konsequenzen. Die Sozialdemokraten wurden 2022 von den Schwedendemokraten abgelöst. Wohl, weil letztere besonders auf die Themen Kriminalität und Migration gesetzt hatten und Gewalt-Exzesse von Banden und Clans das Land derart erschütterten, dass sogar die Armee zur (logistischen) Hilfe eilen musste.

International kam es zudem jüngst zu Spannungen, nachdem Dänemark angekündigt hatte, seine Nordgrenze zu kontrollieren. Denn auch in Dänemark haben vor allem schwedische Jugendliche im Auftrag heimischer Banden Mordanschläge verübt.

Eine in der Masse derart große Gewaltbereitschaft gab es in Deutschland bislang nicht. Zugleich gibt es in Schweden Clan-Familien, die auch in Niedersachsen bereits in Erscheinung traten. Vor allem der Al-Zein-Clan schaffte es in die Schlagzeilen, nachdem er sich in Stade eine tödlich ausgegangene Fehde mit Angehörigen der Miri-Familie geliefert hatte.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen machen die familiären Bande der Clans längst keinen Halt vor Landesgrenzen. So hätte man bereits Fahrzeuge aus Niedersachsen in Schweden beobachtet. Offenbar reisten die niedersächsischen Kompagnons extra für Tumulte an. „Im Einzelfall war das auch umgekehrt in Niedersachsen der Fall“, heißt es vom LKA. Heißt: Offenbar reisen zwischen Deutschland und Schweden gezielt, wenn auch selten, Familienmitglieder hin und her, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Zumindest für das Jahr 2023 greift diese Theorie allerdings nicht. Denn bei der Aufschlüsselung der Taten, für die die acht Schweden verdächtigt werden, ist von Gewalt und Tumulten keine Rede. In zwei Fällen wird schwedischen Clan-Kriminelle in den Landkreisen Nordheim und Göttingen die Veruntreuung von Arbeitsentgelt vorgeworfen. Das geschieht etwa dann, wenn der Arbeitgeber nicht die Sozialversicherungsbeiträge des Arbeitnehmers an die Kassen weitergibt.

Außerdem ermittelten die Behörden gegen Schweden wegen Warenbetrugs in den Landkreisen Schaumburg und Hildesheim sowie wegen Bestechung, Warenkreditbetrug und mehrfach wegen Urkundenfälschung in der Region Hannover. Inwiefern diese Taten zusammenhängen und überhaupt die Parameter der Clan-Kriminalität erfüllen, konnte das Landeskriminalamt auf Nachfrage nicht ebantworten

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