Neues Wohnquartier gescheitert Zu viele Auflagen – Investor gibt Norder Baugebiet auf
Nach neun Jahren Planung und steigenden Kosten zieht sich Claashen Immobilien aus dem Baugebiet „südlich Wigboldstraße“ zurück. Neue Auflagen der Stadt brachten das Fass zum Überlaufen.
Norden - Es ist ein Novum: Noch nie hat die Firma Claashen Immobilien ein übernommenes Baugebiet wieder zurückgegeben. Jetzt ist es soweit. Wie Anja Claashen-Schneider am Donnerstag mitteilte, hat das Unternehmen den Plan, im Baugebiet „südlich Wigboldstraße“ ein neues Wohnquartier zu schaffen, aufgegeben. Das hat mehrere Gründe. Das Fass zum Überlaufen brachten aber immer weitere Auflagen durch die Stadt Norden, sagte Claashen-Schneider im Gespräch mit unserer Zeitung.
Rückblick: Am 5. Dezember 2015 erwarb das Immobilien-Unternehmen die Flächen für das Baugebiet. Insgesamt waren im Gebiet „südlich Wigboldstraße“ 93 Bauplätze geplant. Wohnraum wäre entstanden, der in Norden dringend benötigt wird. „Seitdem haben wir viel Zeit, Energie und sehr viele finanzielle Mittel in die Entwicklung dieses Projekts investiert“, so Claashen-Schneider. In Zusammenarbeit mit den zuständigen Firmen und Behörden wurden zahlreiche Gespräche geführt, diverse Gutachten erstellt, wobei das Unternehmen nach eigenen Angaben immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt wurde, die es zu meistern gab. Vieles sei bei der Planung dieses Baugebietes „sehr holprig“ gelaufe“, sagt sie. „Erst wurde das Gebiet geändert, dann gab es Unstimmigkeiten mit einem anderen Investor, dann ist das Gebiet noch mal geändert worden, dann mussten die Gutachten wieder erneuert werden, die mussten wieder ausgelegt werden“, zählte sie auf. Das habe alles mächtig in die Länge gezogen. Die Preise seien in der ganzen Zeit enorm gestiegen.
Bauausschuss befasste sich unzählige Mal mit dem Projekt
Zahlreiche Runden zum Baugebiet „südlich Wigboldstraße“ hat es auch im städtischen Bauausschuss und im Stadtrat gegeben. So viele, dass die Politik im Juni dieses Jahres bei der vermeintlich letzten Befassung mit dem Thema deutlich machte: „Jetzt wollen wir das Thema aber auch endlich abhaken und nie wieder auf der Tagesordnung sehen.“ Den jetzigen Ausgang hatte die Politik dabei vermutlich nicht im Sinn.
Wie Anja Claashen-Schneider mitteilte, wird Claashen Immobilien das Projekt nicht weiterverfolgen können. In einer Pressemitteilung schrieb sie: „Die Planungszeit hat sich in diesem Fall auf fast neun Jahre ausgedehnt – ein Zeitraum, der weit über das übliche Maß von drei bis vier Jahren hinausgeht.“ Diese Verzögerungen hätten aus Sicht von Claashen-Schneider vermieden werden können, doch in der Folge seien die Erschließungskosten und damit auch die Gesamtherstellungskosten so stark gestiegen, dass eine Realisierung des Projekts derzeit nicht zu Tragen komme. „Wir bedauern diese Entscheidung sehr. Wie es weitergehen kann, können wir derzeit noch nicht sagen“, heißt es in der Mitteilung.
Mehrkosten von 500.000 Euro waren das I-Tüpfelchen
Im Gespräch wird Anja Claashen-Schneider deutlicher. Vor allem stetig neue Auflagen durch die Stadt Norden hätten ihr neben der Wirtschaftlichkeit auch die Lust am Projekt genommen. Obwohl eigentlich schon alles in trockenen Tüchern war, habe die Verwaltung laut Claashen-Schneider jetzt noch einmal das notwendige und bisher anscheinend nicht beachtete Beleuchtungskonzept gefordert, außerdem sollten nun alle Bäume in Baumsubstrat eingepflanzt werden. In Summe hätten beide Dinge die Kosten um weitere 500.000 Euro erhöht. „Das war jetzt das I-Tüpfelchen, dass wir gesagt haben, wir möchten es aktuell nicht umsetzen“, so Claashen-Schneider.
Alle Beteiligten, die informiert werden mussten, seien darüber informiert worden. Jetzt werde sich Claashen-Immobilien in Ruhe umsehen, ob es ein Unternehmen gibt, welches das Projekt machen möchte. Gerüchte, dass die Norder Firma Tell Bau das Baugebiet übernehmen will und es entsprechende Gespräche gibt, dementierte Claashen-Schneider. „Ich habe mit Tell Bau schon gesprochen und es ist definitiv so, dass sie es nicht kaufen möchten“, sagte sie.
Baugebiet ist fertig geplant
Der Vorteil für einen potenziellen neuen Investor: Das Baugebiet ist fertig, es muss nur noch der städtebauliche Vertrag unterschrieben werden. Lange Verhandlungsrunden mit Politik und Verwaltung müssten eigentlich nicht mehr folgen.
Das Problem für Anja Claashen-Schneider, neben der mittlerweile fehlenden Lust, das Projekt noch umzusetzen, sind unternehmerischer Art: Bis sie wüsste, ob die finanziellen Pläne ihres Unternehmens tatsächlich aufgehen, würde es noch einmal gut fünf bis sechs Jahre dauern. Denn die Erschließung dauere etwa ein Jahr, dann dürften die Hochbaumaßnahmen beginnen, drei weitere Jahre später müsste der Straßenendausbau erfolgen. Allen Gewerken stehen Bürgschaften gegenüber, die der Investor nach Abschnitten zurückbekommt. „Die endgültige Bürgschaft kriegen wir aber erst zurück, wenn alles fertig ist und die letzte Frist abgelaufen ist“, erklärte sie. Erst dann könne der Investor einen Strich unter die Rechnung machen und weiß, ob die Kalkulation gepasst hat oder nicht.
Käufer für die Grundstücke in dem Baugebiet gibt es laut Claashen-Schneider schon. „Die werden jetzt mit Sicherheit traurig sein, dass sie nicht mehr bauen können“, sagte sie. Auch die seien bereits per E-Mail informiert.
Lob an Stadtbaurat
Ausdrücklich lobte Claashen-Schneider die Zusammenarbeit mit dem neuen Stadtbaurat Christian Pohl. „Mit Christian Pohl als neuem Bauamtsleiter hat die Stadt Norden aus meiner Sicht einen Riesengewinn gemacht. Der packt die Sachen an und ist lösungsorientiert“, betonte sie. Die Zusammenarbeit mit anderen Teilen der Verwaltung sei hingegen „eine Katastrophe“ gewesen.
Für den Verwaltungsvorstand, Bürgermeister Florian Eiben, dürfte die Absage von Claashen auch zu einem Problem werden. Denn ein zentrales Wahlversprechen von ihm war, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das rückt aber in immer weitere Ferne. Denn auch ein weiteres Baugebiet – südlich Hamburger Straße – geht nicht so schnell voran, wie ursprünglich von der Verwaltung angenommen. Darüber hinaus wird in Norden gemunkelt, dass neben Claashen Immobilien auch weitere Investoren für geplante Bauprojekte auf dem Absprung sind.