Hamburg  Comedy-Star Helene Bockhorst: „Ich muss mich nicht für meine Depressionen schämen“

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 31.08.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Hat in ihren in Comedy-Programmen keine Angst vor Tabu-Themen: Helene Bockhorst. Foto: Enrico Meyer
Hat in ihren in Comedy-Programmen keine Angst vor Tabu-Themen: Helene Bockhorst. Foto: Enrico Meyer
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Helene Bockhorst nimmt kein Blatt vor den Mund: Im Interview wie auch auf der Bühne spricht die gebürtige Hamburgerin über mangelndes Selbstwertgefühl, Suizidgedanken und warum sie es sich abgewöhnt hat zu lügen.

Mangelndes Selbstwertgefühl und schlechter Sex stehen häufig im Mittelpunkt der Comedy-Programme von Helene Bockhorst. Bei ihrem jüngsten Auftritt im Schmidtchen auf dem Kiez stellt die 36-Jährige allerdings ihr Buch „Der Supergaul“ vor. Es handelt von einer Tierkommunikatorin, die vorgibt, mit Pferden telepathisch Kontakt aufnehmen zu können. Eines Tages begegnet ihr tatsächlich ein sprechendes Pony, mit dem sie einem Skandal auf die Spur kommt.

Diese schräge Geschichte passt zu der Comedienne, die auf der Bühne gern bunte Leggins mit schillernden Cowboystiefeln kombiniert, einerseits stets etwas verhuscht wirkt, andererseits aber Klartext spricht. Genau wie im Interview.

Frage: Sie wurden in Harburg geboren und sind in Neu Wulmstorf aufgewachsen. Was hat Sie in die Pfalz verschlagen?

Antwort: Nach einer Trennung bin ich zunächst übergangsweise in eine Künstler-WG in Mannheim gezogen. Weil mir die Umgebung und vor allem der nicht allzu weit entfernte Pfälzerwald gut gefallen haben, bin ich in der Gegend geblieben. Seit einem Jahr wohne ich mit meinem Pferd Fina in einem Dorf in der Pfalz.

Frage: Waren Sie schon als Kind eine Pferdenärrin?

Antwort: Auf jeden Fall. Bei uns in der Nachbarschaft gab es einen älteren Mann, der mehrere Pferde hatte. Ich habe mit den Tieren rumgetüddelt, sie geputzt oder bin mit ihnen spazieren gegangen. Mit Nachhilfe und Ferienjobs konnte ich mir dann auch Reitunterricht finanzieren. In den Ferien bin ich auf einen Reiterhof gefahren. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich irgendwann ein eigenes Pferd haben würde, hätte ich vor Glück geweint.

Frage: Hat Ihre Stute, die Sie seit vier Jahren besitzen, auch die Initialzündung für Ihr Buch „Der Supergaul“ gegeben?

Antwort: Ja. Im allerersten Stall wurde Fina bei der Integration ziemlich heftig von einem Wallach gebissen. Deshalb hat seine Besitzerin einen Tierkommunikator gerufen. Der behauptete, Fina hätte die Mutter des Wallachs beleidigt, darum hätte er sie angegriffen. Für mich klang diese Geschichte hanebüchen, aber die andere Frau hat sie dem Tierkommunikator wirklich aus der Hand gefressen. Ich fand es so spannend, dass jemand mit solchen Lügen viel Geld verdienen kann, dass ich dachte: Darüber müssten man eigentlich ein Buch schreiben.

Frage: Für Ihre Hauptfigur, die Tierkommunikatorin Berenice, gehört Schwindeln zum Alltag. Wie stehen Sie zum Lügen?

Antwort: Ich versuche seit ein paar Jahren, gar nicht mehr zu lügen und mir selbst Höflichkeitslügen zu verkneifen. Früher habe ich durchaus mehr gelogen. Bis ich gemerkt habe: Wenn man es als People-Pleaser anderen Leuten gern recht machen will, verliert man seine eigenen Bedürfnisse ganz schnell aus den Augen. Wer ein nicht so leckeres Essen lobt, kriegt es ständig vorgesetzt. Sprich: Man isst ein Leben lang etwas, das man überhaupt nicht mag.

Frage: Auch in Bezug auf Ihre Depressionen sind Sie sehr offen, sei es in Ihrem Buch „Die beste Depression der Welt“ oder auf der Bühne. Ist das für Sie ein Stück weit Therapie?

Antwort: Es hat schon einen therapeutischen Effekt zu realisieren: Meine Krankheit ist nicht so unaussprechlich, wie ich immer gedacht habe. Ich muss mich nicht für sie schämen. Wenn ich über sie rede, passiert nichts Schlimmes. Obwohl diese Erkenntnis für mich befreiend war, ersetzen meine Auftritte keine Therapie. Ich gehe seit Jahren konsequent zur Therapie. Die kreative Aufarbeitung auf der Bühne ist für mich eher wie ein Bonuslevel.

Frage: Haben Sie keine Angst, dass Ihre Witze über Suizidgedanken jemanden vor den Kopf stoßen könnten?

Antwort: Darüber denke ich natürlich nach. Manchmal kriege ich auch mit: Einige Leute nehmen das negativ wahr, weil sie einen Angehörigen durch Suizid verloren haben. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sie dann nicht über meinen Witz lachen können. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dieses Thema zu entstigmatisieren. Viele Menschen haben Selbsttötungsgedanken, das ist kein Einzelfall. Das heißt aber nicht, dass sie sich tatsächlich das Leben nehmen. Es gibt immer Hoffnung und einen Ausweg.

Frage: Neben Ihren Depressionen geben Sie vor Publikum Ihren Versagensängsten Raum. Leiden Sie am Impostor-Syndrom, also de ständigen Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit?

Antwort: Ja. Beziehungsweise: Ich bin davon überzeugt, nicht das Hochstapler-Syndrom zu haben, sondern wirklich schlecht zu sein. Bisher habe ich mich nur so durchgemogelt. Vor jedem Auftritt denke ich: Heute geht es schief, jetzt kommen sie mir auf die Schliche.

Frage: Zugleich scheinen Sie aber ehrgeizig und zielstrebig zu sein, oder?

Antwort: Durchaus. Das hängt damit zusammen, dass ich lange gedacht habe: Wenn ich einen Comedy-Preis gewinne, werde ich mich selbstsicherer fühlen. Aber Zweifel und Ängste sind halt nicht durch äußere Bedingungen zu kitten, das musste ich erst verstehen. Und dass Zweifel einen eben auch bis nach oben begleiten – egal, was man erreicht.

Frage: Sie haben Journalistik und Kommunikationswissenschaft studiert und in Hamburg als Redakteurin gearbeitet. Wie sind Sie zur Comedy gekommen?

Antwort: Ich habe nebenbei Kurzgeschichten geschrieben und war in einer Schreibgruppe, in der wir uns gegenseitig unsere Geschichten gezeigt haben. Irgendwann sind wir zu einem Poetry Slam gegangen. Als ich im Publikum saß, war ich fast ein bisschen wütend auf die Akteure auf der Bühne. Sie haben Applaus für ihre Geschichten bekommen, ich nicht. Da habe ich gedacht: Entweder bleibe ich für immer neidisch oder ich probiere selbst aus, auf die Bühne zu gehen. Mit dem Risiko zu scheitern.

Frage: Wo hatten Sie Ihren ersten Auftritt?

Antwort: In einer kleinen Bar in Ottensen. Dort waren vielleicht 40 Zuschauer. Aber für mich hat es sich angefühlt, als müsste ich vor einer riesigen Menschenmenge aufs Schafott steigen. Ich hatte Herzrasen und furchtbare Bauchschmerzen. Doch als ich angefangen habe, vorzulesen und die Verbindung zu den Menschen zu spüren, da hat mir das schon etwas gegeben. Dieses Gefühl wollte ich wiederhaben.

Frage: Stimmt es, dass Sie danach direkt Ihren Job gekündigt haben?

Antwort: Nein. Dafür bin ich viel zu sicherheitsbewusst. Anderthalb Jahre bin ich nach Feierabend vor allem regional aufgetreten. Als ich 2017 neben meinem Vollzeitjob 150 Auftritte gemacht hatte, habe ich gemerkt, dass ich das auf Dauer nicht in dieser Intensität machen kann. Weil ich meine Gagen beiseitegelegt hatte, wusste ich, ich würde von dem Geld wahrscheinlich ein knappes Jahr sparsam leben können. Also gönnte ich es mir, mich zwölf Monate lang nur auf Kleinkunst zu konzentrieren.

Frage: Wie hat das funktioniert?

Antwort: Ich sagte mir: Wenn ich pleite bin, muss ich mir eben wieder einen richtigen Job suchen. Zunächst habe ich jeden Monat ausgerechnet, wie lange ich noch weitermachen kann. Nach ungefähr einem Jahr habe ich dann aufgehört, ständig nachzurechnen.

Frage: Sie haben sich nun in der Comedy-Szene etabliert. Worum geht es in Ihrem aktuellen Programm „Nimm mich ernst“?

Antwort: Nicht wenige Menschen denken, sie werden nur gemocht, wenn sie lustig sind. Dieses Problem haben gerade viele Comedians, darum wollen sie auf der Bühne witzig sein. In meinem Programm reize ich aus, dass man zwischendurch auch mal ernst sein darf. Es ist ein Wechselbad der Gefühle.

Frage: Waren Sie schon als Kind die Lustige, die überall im Mittelpunkt gestanden hat?

Antwort: Ich war eigentlich immer sehr schüchtern. Trotz meiner Einsen im Schriftlichen hatte ich lange in der Schule nur mittelmäßige Noten, weil ich mich nicht getraut habe, mich zu melden. Erst als mich das genug gefrustet hatte, habe ich mich irgendwann gezwungen, mich regelmäßig zu melden. Aber ich hatte jedes Mal Herzklopfen, wenn ich etwas vor der Klasse sagen musste.

Frage: Sind Sie inzwischen durch Ihre Auftritte selbstsicherer geworden?

Antwort: Ein gewisser Gewöhnungseffekt hat tatsächlich eingesetzt. Mir ist nicht mehr so extrem körperlich übel wie am Anfang. Wenn ich zehn Shows im Monat mache, kann mein Körper ja nicht zehnmal im Monat so reagieren, als würde ich sterben. Lampenfieber habe ich allerdings nach wie vor – unabhängig davon, ob ich bei einer großen Fernsehaufzeichnung bin oder auf einer kleinen Bühne einen Kurzauftritt ohne Gage mache. Das ist dem Respekt vor dem Publikum geschuldet. Ich halte es für wichtig, ihn nie vollständig zu verlieren.

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