Hamburg  Christian Wulff fordert: „Die deutsche Nationalhymne häufiger singen“

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 31.08.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Christian Wulff ist seit 2018 Präsident des Deutschen Chorverbandes. Foto: IMAGO / Rene Traut
Christian Wulff ist seit 2018 Präsident des Deutschen Chorverbandes. Foto: IMAGO / Rene Traut
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In seiner Kindheit hat Christian Wulff kaum gesungen. Heute setzt er sich als Präsident des Deutschen Chorverbandes dafür ein, dass Kinder in Deutschland mehr singen. Welche Lieder sie in Schule und Kindergarten lernen und warum die Nationalhymne dazu gehören sollte, erzählt er im Interview.

Singen kann Christian Wulff nach eigener Aussage nicht. Trotzdem oder gerade deswegen ist er Präsident des Deutschen Chorverbandes. Im Interview erzählt er, warum er den Jüngsten die Musik näher bringen will und warum es wichtig ist, häufiger die Nationalhymne zu singen.

Frage: Herr Wulff, wann haben Sie zum letzten Mal bei einem Lied so richtig laut mitgesungen?

Antwort: Ich singe natürlich im Fußballstadion laut mit. Auch beim Adventsingen oder Chor-Veranstaltungen bin ich dabei. Aber privat bin ich eher Zuhörer. Meine Frau singt als Sopran im Chor, aber ich bin leider nicht zum Singen hingeführt worden in meiner Jugend. Das bedauere ich mein Leben lang. 

Frage: Woran liegt das?

Antwort: Ich bin in den 1960er Jahren der Bundesrepublik aufgewachsen. Ich hatte zwar einen tollen Kindergarten und eine großartige Grundschule in Osnabrück, aber Singen hat eine geringe Rolle gespielt. Das hatte Gründe in der 68er-Debatte, angeführt von Adorno. Die Generationen meiner Eltern und Großeltern hatten erlebt, wie Volkslieder im Nationalsozialismus missbraucht wurden. Das hat sich auf die Erziehung und den Musikunterricht ausgewirkt und deswegen wurde weniger gesungen. Das müssen wir bei unseren Kindern heute anders machen. 

Frage: Wie wollen Sie sicherstellen, dass das Singen bei jungen Menschen wieder zum festen Bestandteil ihres Alltags wird?

Antwort: Wir müssen schon bei den Jüngsten ansetzen. Als Chorverband ist es uns wichtig, Kita-Erzieherinnen und Erzieher mit einem Caruso-Projekt weiterzubilden. Unser Ziel danach ist klar: Jede Schule braucht einen Chor. Leider sehen wir derzeit einen Rückgang bei Musiklehrern und Chorleitern, was uns große Sorgen bereitet. Hier braucht es mehr staatliches Engagement und Reformen. Gerade nach der Pandemie dürfen wir die Musik nicht vernachlässigen. Sie ist kein „Nebenfach“ – gemeinsames Singen fördert das Sprachverständnis, stärkt den Zusammenhalt und trägt wesentlich zum Lernerfolg in allen Fächern bei. Kaum etwas wirkt positiver auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die durch Corona extrem benachteiligt wurden.

Frage: Und was sollte in deutschen Schulen und Kindergärten gesungen werden?

Antwort: Unser Liedgut sollte so vielfältig sein wie unsere Gesellschaft selbst. Es ist wichtig, dass in Kinder- und Jugendeinrichtungen altersgemäße, auch christliche, Lieder gesungen werden, dann aber auch mal Lieder von wachsenden Minderheiten. Wenn in einem Kindergarten ein syrisches Kind ein Kinderlied von zu Hause einbringt, dann erleben die Kinder, dass es eine Bereicherung ist, andere Kulturen kennenzulernen, und stärkt das Selbstbewusstsein aller. Die Auseinandersetzung mit anderem Kulturgut und anderen Sprachen ist Erziehung zur Vielfalt. Da leistet Singen enorm viel.

Frage: In einer multikulturellen Gesellschaft stellt sich natürlich die Frage, wie man mit dem traditionellen deutschen Liedgut umgeht. Wie sehen Sie das?

Antwort: Deutsche Volkslieder sind wichtiger Teil unserer Kultur. Sie regen zum Nachdenken an, schaffen Zusammenhalt und sind Teil der Freiheits- und Demokratieerziehung. Zur Adventszeit singen die Kinder Weihnachtslieder, und genauso kann zum Fastenbrechen ein muslimisches Lied gesungen werden. So lernen Kinder die Vielfalt und den Reichtum verschiedener Kulturen kennen. Wir müssen uns in dieser Hinsicht lockerer machen. Jedenfalls dürfen unsere guten Traditionen nicht der Vielfalt zum Opfer fallen, sondern sie sind wesentlicher Teil der Vielfalt.

Frage: Ein weiteres kontroverses Thema in diesem Zusammenhang ist das Singen der Nationalhymne. Sollte die Hymne häufiger gesungen werden?

Antwort: Ja, absolut. Die Hymne sollte öfter gesungen werden und nicht nur zu bestimmten Anlässen, wie dem Jahrestag des Grundgesetzes. Gerade unsere Nationalhymne ist ein Symbol für unsere demokratischen Werte und unseren Zusammenhalt. Wir sind da in Deutschland oft verkrampft, weil wir den Missbrauch von nationalen Symbolen erlebt haben. Aber unsere Kinder sollten wir weltoffen und patriotisch mit Respekt für Verschiedenheit erziehen. Sie müssen die Hymne und ihre Bedeutung in der Schule lernen und sollten auch lernen, sie zu singen. Chöre waren in der Geschichte schließlich Vorkämpfer der Bürgerlichen Revolution mit schwarz-rot-goldenen Bannern am Hambacher Schloss.

Frage: Die Corona-Pandemie hat das gemeinsame Singen stark beeinträchtigt. Wie sehen Sie die langfristigen Folgen für die Chöre?

Antwort: Die Pandemie war eine große Herausforderung für die Chöre. Zwei Jahrgänge von Chorsängerinnen und Chorsängern sind uns praktisch verloren gegangen, weil das Singen in Schulen und Chören über lange Zeit nicht möglich war. Viele Chöre konnten sich in dieser Zeit nicht regelmäßig treffen, was zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen geführt hat. Wir haben etwa zehn Prozent unserer Mitglieder verloren, und es wird noch dauern, bis sich das vollständig erholt. Es gibt aber gerade jetzt auch positive Entwicklungen, wie die Gründung neuer Chöre und eine Verjüngung in der Chorlandschaft und eine stärkere Digitalisierung.

Frage: Neben den Nachwirkungen der Pandemie gibt es auch strukturelle Herausforderungen, denen sich die Chöre in Deutschland stellen müssen. Welche sind das Ihrer Meinung nach?

Antwort: Eine große Herausforderung ist der Mangel an qualifizierten Chorleitern. Viele Laienchöre sind auf professionelle Leitung angewiesen, aber es fehlen die finanziellen Mittel, um diese Positionen ausreichend zu bezahlen. Wir müssen dringend in die Ausbildung und Weiterbildung von Musiklehrern und Erziehern investieren, um hier langfristig Lösungen zu finden. Und natürlich stehen Chöre vor den gleichen Herausforderungen wie Fußballvereine oder Kirchen. Die Menschen sind nicht mehr bereit, sich so dauerhaft zu binden und treten eher mal einem Projektchor bei. Außerdem fehlt es an Ehrenamtlichen. Hier sehe ich die Politik in der Pflicht: Das Ehrenamt kann nur so eindrucksvoll bleiben, wenn es von Hauptamtlichen in den Ländern und Kommunen gestärkt wird. Chöre brauchen Unterstützung bei Förderanträgen, Versicherungsfragen, Urheberrecht und Probenräumen.

Frage: Stehen Chöre in Niedersachsen vor besonderen Herausforderungen?

Antwort: Im Westen, Süden und Osten unseres Landes sind Chöre finanziell viel besser aufgestellt, während in Bremen, Hamburg und Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern die öffentliche Unterstützung eher dürftig ist. Kultur ist Ländersache. Das treibt mir die Tränen in die Augen. Der Landesmusikrat Niedersachsen hat inzwischen gar keine Amateurmusiker mehr im Präsidium. Die Profis haben sich komplett durchgesetzt. Das sehe ich kritisch. Da wollen wir mal gucken, wie die wenigen Mittel demnächst verteilt werden. 

Frage: Sie setzen sich sehr für die Chöre ein, aber wie steht es um Ihre persönliche musikalische Weiterbildung?

Antwort: Ich habe tatsächlich einmal Gesangsunterricht genommen, aber meine Stimme ist sehr tief. Ich hätte regelmäßig Unterricht im Operngesang nehmen müssen. Einen Vorteil gibt es allerdings: Meine Stimme lässt sich von keinem Kabarettisten nachahmen.  

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