Kleiderträume für Hochzeiten  In Dietrichsfeld schlägt das Herz von Curvy-Bräuten höher

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 29.08.2024 20:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ute Räuber betreibt das Studio seit fünf Jahren.
Ute Räuber betreibt das Studio seit fünf Jahren.
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Ute Räuber betreibt im Norden von Aurich Ostfrieslands einziges Brautstudio für üppige Frauen. Ihr Beruf erfordert viel Fingerspitzengefühl.

Aurich - Ein Blick in den Spiegel − und mit einem Schlag ist alles wieder da. Das Glück, die unbändige Vorfreude, das Zittern, einfach alles. Anderthalb Jahre werden weggewischt wie ein Hauch. Patricia Dürschlag steht im Brautstudio von Ute Räuber in Aurich. Mildes Spätnachmittagslicht bahnt sich einen Weg durch die schmalen Fenster. Der Oberkörper der 36-Jährigen wird von einem Glitzer- und Funkenregen überzogen, erzeugt durch Tausende winziger Pailletten und Perlen, die auf dem elfenbeinfarbenen Stoff des Brautkleids appliziert wurden. Das am Rücken geschnürte Oberteil liegt eng an, auf Höhe der Hüfte fallen drei Lagen Tüll und eine Lage Satin locker auf den Boden, bilden eine Schleppe. Diese sogenannte A-Linie ist bei den Kundinnen sehr beliebt, heißt es.

Jede Kundin wird bei Ute Räuber persönlich willkommen geheißen. Fotos: Ortgies
Jede Kundin wird bei Ute Räuber persönlich willkommen geheißen. Fotos: Ortgies

Patricia Dürschlag dreht ihren Oberkörper ganz leicht in Richtung Fenster, um in das Objektiv der Kamera zu blicken. An diesem warmen Tag Ende August ist ein Fotograf bei der Anprobe des Brautkleides dabei. Das war im Januar 2023 nicht der Fall. Damals hat sich die Bürokauffrau von Meppen aus mit ihrer Mutter, ihrem Sohn und ihrer Trauzeugin auf den Weg nach Aurich-Dietrichsfeld gemacht, um ein Brautkleid zu kaufen. „Vorher habe ich für die Google-Recherche Curvy Brautstudio eingegeben und bin direkt auf der Homepage von Ute Räuber gelandet“, erzählt Patricia Dürschlag. Treffer! Diese Punktlandung gelingt nicht allen angehenden Bräuten.

Zwischen den vielen Brautkleidern muss sich Patricia Dürschlag erstmal einen Durchblick verschaffen. Fotos: Ortgies
Zwischen den vielen Brautkleidern muss sich Patricia Dürschlag erstmal einen Durchblick verschaffen. Fotos: Ortgies

Textiltraum in Weiß

„Ich höre oft, dass kurvenreiche Frauen in konventionellen Geschäften von oben bis unten gemustert werden, dann kommt die Bemerkung: ,Nein, in Ihrer Größe haben wir nichts.‘ Das ist schon belastend“, sagt Ute Räuber. Als sie vor einigen Jahren zusammen mit ihrer Tochter ein Brautkleid suchte, lernte sie das Problem aus erster Hand kennen. Sie merkte, dass ihre etwas korpulente Tochter nur unter einer kleinen Auswahl an Modellen wählen konnte. Dieses Erlebnis gab den Anstoß zu einer unternehmerischen Entscheidung: Die gebürtiger Rheinländerin erinnerte sich daran, dass immer mal wieder der Plan, ein Brautstudio zu eröffnen, durch ihre Fantasie gegeistert war. Ende 2019 machte sie den Textiltraum in Weiß wahr. Sie baute das erste Stockwerk in ihrem Wohnhaus in Dietrichsfeld um, tapezierte die Wände mit Rosentapeten, stellte schöne Deko auf, platzierte ein gemütliches Sofa zwischen den Fenstern und wagte den Schritt in das Leben einer Geschäftsfrau.

Die Kundin hat die Auswahl unter verschiedenen Herstellern, einer ist die niederländische Firma Très chic. Fotos: Ortgies
Die Kundin hat die Auswahl unter verschiedenen Herstellern, einer ist die niederländische Firma Très chic. Fotos: Ortgies

Das Brautmodenatelier entfacht direkt Hochzeitsfieber beim Besucher. An den Ständern gleiten Preziosen in Tüll, Seide, Chiffon oder Samt in Richtung Boden, mal als A-Linie, dann im Vintage-, im Boho- oder im Carmen-Stil, bei dem die Schultern so geschnitten sind, dass sie auf die Oberarme rutschen. Es gibt aber auch ganz klassische Modelle, ohne Schnickschnack, keine Perle, keine Paillette, nicht einmal ein gewagter Ausschnitt. „Das ist dann für die älteren Bräute“, sagt Ute Räuber.

Die A-Linie ist begehrt

Wie viele Kleider sie auf den 90 Quadratmetern Fläche im Laden bereithält, kann die Geschäftsfrau nicht sagen. Sie führt ausschließlich „ Plus Size Mode“ - sprich: Übergrößen und verschiedene Hersteller im Angebot. Von Konfektionsgröße 42 bis 60 und darüber hinaus finden die Bräute hier ihr Hochzeitskleid, egal ob Weiß, Ivory, Rosa, Rot, Blau oder Schwarz. Patricia Dürschlag probierte im Januar 2023 zehn Kleider an: „Und dann habe ich doch das genommen, was ich als erstes angezogen hatte, ein elfenbeinfarbenes Kleid in A-Linie.“ Als die Entscheidung dann feststand, habe das Gefühl sie überwältigt. Sie habe ein paar Tränen vergossen und gesagt: „Das ist jetzt mein Kleid.“

Ute Räuber (rechts) ist bei Patricia Dürschlag auch für das Richten der Schleppe zuständig. Fotos: Ortgies
Ute Räuber (rechts) ist bei Patricia Dürschlag auch für das Richten der Schleppe zuständig. Fotos: Ortgies

Das Aussuchen eines Brautkleids ist für eine Frau die wahrscheinlich emotionalste Kaufentscheidung ihres Lebens. Entsprechend stark wird sie inszeniert. Das Wichtigste sei aber für sie, so Patricia Dürschlag, dass die Beziehung zu der Betreiberin des Brautstudios stimme. „Bei Ute wusste ich schon bei der Terminvereinbarung am Telefon, dass wir uns gut verstehen“, sagt die Emsländerin. So vergingen die drei Stunden Anprobe und Aussuchen wie im Flug. „Ich nehme mir immer die Zeit, die meine Kundinnen benötigen“, sagt Ute Räuber. Es habe schon mal eine Frau gegeben, die alleine gekommen sei und innerhalb von 20 Minuten ihre Wahl getroffen habe. Das sei aber die Ausnahme. Drei Stunden müsse man schon rechnen, das sei fast Standard. Zeit muss man sich auch nehmen, um dann auf das Kleid zu warten. „Da können schon mal vier Monate ins Land gehen“, sagt Ute Räuber. Sie passe das Kleid ja der Figur der Kundin und deren Wünschen an. Stickerei in einer anderen Farbe? Gar kein Problem. Ein kürzerer Träger? Auch nicht. Die Änderungen werden an den Hersteller weitergeleitet und der näht das Hochzeitskleid nach diesen Vorgaben.

Patricia Dürschlag fühlt sich in ihrem Brautkleid sehr wohl.
Patricia Dürschlag fühlt sich in ihrem Brautkleid sehr wohl.

Kundinnen sind am Anfang angespannt

Die größte Herausforderung bei den Verkaufsgesprächen? „Der Kundin die Unsicherheit zu nehmen“, sagt die Geschäftsfrau. Etliche haben wegen ihres Körpers Probleme, haben vielleicht sogar mit Krankheiten wie Lipödem zu kämpfen und wissen gar nicht, wie sie in einem Kleid aussehen. Bereits beim ersten Kleid weiche die Anspannung in der Regel, weil viele dann merkten, dass nichts kneift und der Oberkörper in den Stoff passt. So bald sie merke, dass sich die Kundin entkrampft, gehe es auch ihr selbst gut, sagt Ute Räuber. Bald könne sie mit ihrem Geschäft den fünften Geburtstag feiern. Immer noch führe sie das einzige Brautstudio für Curvys in Ostfriesland. Deutschlandweit gibt es zwischen 80 und 100 dieser Spezialgeschäfte. Sie heißen „Kurvenschön“ oder „Pretty woman“. Eines in Bad Münster bei Bad Kreuznach besteht bereits seit 25 Jahren. Eine Verbandsvertretung gibt es offenbar nicht.

Drei Lagen Tüll, eine Lage Satin − in diesem Kleid kann sich Patricia Dürschlag sehen lassen. Fotos: Ortgies
Drei Lagen Tüll, eine Lage Satin − in diesem Kleid kann sich Patricia Dürschlag sehen lassen. Fotos: Ortgies

Sendungen wie die Vox-Soap „Zwischen Tüll und Tränen“ sorgen dafür, dass das Thema Hochzeitsausstattung immer in aller Munde ist. Durch solche Produktionen wird auch das Bild der Wirklichkeit bestimmt. Ute Räuber erzählt, dass häufig Kundinnen zu ihr kommen, sich umblicken und sagen: „Das ist ja wie im Fernsehen.“ „Ja, sage ich dann, nur verzichten wir hier auf Kameras“, entgegnet die 58-Jährige. Nur für die Redaktion hat die Geschäftsfrau mal eine Ausnahme gemacht.