Hamburg  Clan-Kriminalität: Immer mehr Diebstähle – was und wer dahinter steckt

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 28.08.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Tumulte, Körperverletzung, Widerstand gegen Polizisten? Nein, in einer Region Niedersachsens fallen Clan-Kriminelle vor allem durch Diebstähle auf. Foto: Martin Schutt/dpa
Tumulte, Körperverletzung, Widerstand gegen Polizisten? Nein, in einer Region Niedersachsens fallen Clan-Kriminelle vor allem durch Diebstähle auf. Foto: Martin Schutt/dpa
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In fast allen Bereichen haben die Behörden vergangenes Jahr weniger Clan-Kriminalität verzeichnet. Nur die Zahl der Diebstähle stieg drastisch an. Und da wird es für die Ermittler besonders knifflig.

Sieben Monate hatten die Ermittlungen gedauert, ehe die Behörden Ende letzten Jahres im Raum Hannover zuschlagen konnten. Sieben Geschäfte und Wohnungen wurden durchsucht, Falschgeld, geklaute Smartphones und andere Beute gefunden. Die im Kern mutmaßlich Verantwortlichen, die für ihre 65 Taten mit Kanaldeckeln und anderen schweren Gegenständen die Fenster der Elektronikläden zertrümmerten: eine Jugendbande, sieben Personen zwischen 13 und 17 Jahren. Auch die Mutter des 13-Jährigen soll in die Taten verstrickt gewesen sein. Bis auf den jüngsten kamen alle in Untersuchungshaft. Seit Ende Februar läuft das Verfahren am Landgericht Hannover.

Das Beispiel stellt nicht nur einen Ermittlungserfolg aus Sicht der Behörden dar: Es schaffte es auch ins aktuelle Lagebild „Clan-Kriminalität“, das das Land Niedersachsen trotz Kritik jährlich veröffentlicht. Denn die Jugendbande ist nicht nur einfach eine Handvoll gleichgesinnter Taugenichtse mit krimineller Energie. Die Beschuldigten sind auch Angehörige ein- und derselben rumänischen Großfamilie, die in der Region Hannover wohnt. Damit erfüllen sie die niedersächsische Definition eines Clans. Schon vergangenes Jahr sorgte das für Empörung beim Zentralrat der Sinti und Roma.

Zumindest in Niedersachsen ist der „Clan“-Begriff längst nicht mehr arabischen und türkischen Großfamilien vorenthalten: 2023 besaßen gar die meisten nichtdeutschen Täter eine rumänische Staatsbürgerschaft. 279 insgesamt, denn Statistiken zur Clan-Kriminalität bleibt ein Feld der kleinen Fallzahlen.

So ist es auch zu erklären, dass die Großfamilie aus Hannover einen bedeutenden Anteil daran hat, dass bei der Clan-Kriminalität einzig die Diebstahldelikte im vergangenen Jahr deutlich angestiegen sind. In nahezu allen anderen Bereichen, etwa Rohheitsdelikten wie Körperverletzung, freuten sich Polizei und Justiz über einen Rückgang der Zahlen.

Trotz des Anstieges bleiben Diebstähle eine eher atypische Clan-Straftat: Nur jede sechste ist ein Diebstahl. Gemessen an der Gesamtkriminalität in Niedersachsen ist das unterdurchschnittlich. 2023 war jede dritte erfasste Straftat ein sogenanntes Eigentumsdelikt, wie Diebstähle genannt werden. Das umfasst jede Tat vom Gelegenheitsklau eines Schokoriegels bis zu eingeworfenen Schaufenstern, um teure Mobiltelefone zu stehlen.

So wie es die Jugendbande aus dem Raum Hannover tat. Insgesamt werden der Großfamilie, die an mehreren Orten in der Region wohnt, 125 Diebstähle angelastet. Erschwerend für die Ermittler: Wie bereits im Vorjahr sollen für die Ladendiebstähle vor allem strafunmündige Kinder „eingesetzt“ werden, wie es im Lagebild heißt. Niedersachsenweit seien 158 der ermittelten Tatverdächtigen Kinder unter 14 Jahren gewesen. Ähnlich viele wie bereits im Vorjahr.

Im Bereich der Zentralstelle Hildesheim, zudem auch Hannover gehört, habe sich hingegen jedes fünfte Verfahren (auch) gegen strafunmündige Täter gerichtet. Auch generell gilt: Diebstahl-Delikte durch Clan-Kriminelle finden vor allem im Zuständigkeitsbereich der Hildesheimer statt, vor allem weil dort auch die Fälle aus der Landeshauptstadt bearbeitet werden. Zwei Drittel aller Diebstahl-Verfahren, die in Niedersachsen vergangenes Jahr gegen Clan-Kriminelle geführt wurden, liefen dort auf.

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