Papenburg  Der Staat will die Meyer Werft retten – wie es nun weitergehen könnte

Dirk Fisser, Leon Grupe, Nina Kallmeier
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Von Dirk Fisser, Leon Grupe, Nina Kallmeier
| 26.08.2024 16:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Für die Rettung der Meyer Werft sind die Weichen gestellt – aber wichtige Details müssten noch geklärt werden. Foto: Lars Schröer
Für die Rettung der Meyer Werft sind die Weichen gestellt – aber wichtige Details müssten noch geklärt werden. Foto: Lars Schröer
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„Wir geben diesen Trumpf nicht auf“, hat Bundeskanzler Scholz jüngst bei der Betriebsversammlung auf der wankenden Meyer Werft versprochen. Bis zum Staatseinstieg in Papenburg dürfte es aber noch dauern. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Seit Wochen ringen das Land Niedersachsen, der Bund und die Führung der Meyer Werft. Es geht darum, eine Lösung für die Krise zu finden, in der das Papenburger Traditionsunternehmen steckt. Bei einer Betriebsversammlung auf der Werft am vergangenen Donnerstag verbreitete Olaf Scholz allerdings Zuversicht. Der Bundeskanzler sei sich sicher, dass es hier mit dem Schiffsbau weitergehen werde. „Meine Unterstützung habt ihr.“

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil machte deutlich, dass ein Einstieg in die Werft angestrebt werde – auch wenn noch nicht alles fix sei. Für das Land Niedersachsen könnte es das größte Engagement für ein einzelnes Unternehmen werden. Details zum Rettungsplan für die angeschlagene Werft nannten die beiden SPD-Politiker allerdings nicht.

Hier gibt es alle wichtigen Fragen, Antworten und Positionen zur Krise der Meyer Werft auf einen Blick:

Zum einen hat die Corona-Pandemie die Werft in Bredouille gebracht. Weil 2020 und 2021 so gut wie niemand auf Kreuzfahrt ging, vergaben die Reedereien kaum neue Aufträge für die Luxusliner. Die Meyer Werft ihrerseits streckte das Auftragsbuch, um Mitarbeiter beschäftigen zu können. Bitter für die Papenburger Schiffsbauer: 80 Prozent des Kaufpreises zahlen die Kunden erst bei Fertigstellung. Laut Beobachtern hat die Werft Schulden gemacht, die sie bis heute abstottern muss.

Ein weiterer Grund: Die Verträge mit den Reedereien, die teilweise noch aus den Vor-Corona-Jahren stammen, wurden nicht krisenfest abgeschlossen. Durch die Inflation sind die Preise für Rohstoffe wie Stahl explodiert. Doch die Werft kann die Konditionen in den Verträgen nicht mehr nachverhandeln, sondern muss die angezogenen Kosten wegen fehlender Klauseln allein schlucken. Der Gewinn pro Schiff schrumpft damit, möglicherweise wurde zuletzt an einzelnen Schiffen auch gar kein Geld verdient.

Auch das Management trägt wohl Verantwortung für die Schieflage. Ratschläge von außen, kritisieren Branchenkenner, habe Noch-Eigentümer Bernard Meyer, 76, ignoriert. Dazu passt ins Bild: die Verlagerung des Firmensitzes nach Luxemburg 2015 auf Geheiß des Patriarchen. Dort brauchte das Unternehmen keinen Aufsichtsrat. Und so fehlte ein wichtiges Kontrollorgan, das Fehlentscheidungen möglicherweise rechtzeitig hätte korrigieren können.

Krisen hat es für die Meyer Werft in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Schon zu Corona-Zeiten haben Meyer-Verantwortliche die Lage als „existenziell“ beschrieben und sich ein Sparprogramm in Höhe von 1,25 Milliarden Euro binnen fünf Jahren verordnet.

Anfang 2024 gab es allerdings noch keine Pläne für einen Personalabbau beispielsweise. Allerdings wurde über ein in Auftrag gegebenes Sanierungsgutachten spekuliert. Die Werft selbst kommentierte das damals nicht.

Dass es so schlecht um die Werft steht, sei ihm bewusst geworden, als Sanierer Ralf Schmitz an Bord kam, sagte Betriebsratsvorsitzender Andreas Hensen unserer Redaktion. Das war Anfang April 2024. Damals war auch bereits die Rede davon, dass die Werft neue Bürgschaften vom Bund und vom Land brauche. Beide seien angefragt, zu unterstützen, teilte ein Werft-Sprecher damals mit und beschrieb die finanzielle Situation als „anspruchsvoll“.

Im Mai sprach Sanierer Ralf Schmitz bereits davon, dass die Werft in Papenburg auf der Kippe stehe. In der Folge einigten sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter letztlich in einer Rahmenvereinbarung unter anderem darauf, insgesamt 340 Jobs zu streichen.

Es ist nicht der erste Jobabbau, den die Meyer Werft in jüngster Vergangenheit beschlossen hat. Nach langem Streit zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite gab es bereits 2021 Pläne. Insgesamt 450 Stellen sollten in Papenburg wegfallen, lange war man damals sogar von deutlich größeren Arbeitsplatzverlusten ausgegangen.

Betriebsbedingte Kündigungen gab es letztlich doch keine. Lediglich rund 120 Beschäftigte hatten nach damaligen Angaben ein Freiwilligen-Programm angenommen. Als Grund für den Stopp der Stellenstreichung wurde seitens des Unternehmens vor allem der aufwändige Bau des Kreuzfahrtschiffes „Carnival Jubilee“ genannt. 

Mit Details zur Rettung haben sich Bundeskanzler Olaf Scholz und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil auf der Betriebsversammlung zurückgehalten. Sie machten aber deutlich, dass der Wille zur Rettung da ist.

In informierten Kreisen wird bestätigt, dass der Bund und das Land Niedersachsen in die Werft einsteigen wollen. Von einem Anteil von bis zu 90 Prozent an der Werft ist die Rede. Neben einer Aufstockung des Eigenkapitals um 400 Millionen Euro, soll auch für weitere Kredite gebürgt werden. Von Bürgschaften in Höhe von insgesamt 1,8 Milliarden Euro ist die Rede.

Politiker aus Bund und Land verweisen auf die große Bedeutung der Werft für die maritime Wirtschaft und die Beschäftigung – im Emsland und Ostfriesland, aber auch die Jobs bei Zulieferern bundesweit werden angeführt. Hinzu kommt: Die Meyer Gruppe ist mehr als „nur“ der Bau von Kreuzfahrtschiffen. Auch Marinetanker und das Forschungsschiff Meteor IV stehen aktuell in den Büchern der Meyer Gruppe.

Am Standort im finnischen Turku, der der Familie Meyer gehört, werden neben Kreuzfahrtschiffen auch Patrouillenboote für den finnischen Grenzschutz gebaut. Am Standort Rostock ist geplant, künftig riesige Konverterplattformen zu fertigen. Sie werden im Zuge der Energiewende benötigt, um den Strom aus Offshore-Windparks an Land zu bringen.

Seit rund zwei Jahren gibt es auch das Unternehmen „Meyer Re“, das in den Umbau, die Renovierung und die technische Optimierung von Kreuzfahrtschiffen eingestiegen ist, und damit das Kerngeschäft, den Bau von neuen Kreuzfahrtschiffen, erweitern und ergänzen soll. Allerdings ist für solche Arbeiten der Standort Papenburg ungeeignet, da Kreuzfahrtschiffe ihn aufgrund der Emspassage schlecht anlaufen können.

Das ist der Plan. Es gehe nur darum, sagte Olaf Scholz am Donnerstag, die „Grundlage für eine gute Zukunft auf privatwirtschaftlicher Basis“ zu legen. Mutmaßlich 2027 oder 2028 wolle sich die Regierung aus der Meyer Werft zurückziehen, bestenfalls gewinnbringend. Dass das funktionieren kann, zeigt der Fall Lufthansa. Während der Corona-Krise wurde die gebeutelte Airline vom Bund stabilisiert. Und als sich die Branche wieder erholte, verkaufte der Staat seine Anteile – mit einem Profit von 760 Millionen Euro.

Neben den noch zu klärenden Details müssen den Rettungsplänen noch die Haushaltsausschüsse in Berlin und Hannover zustimmen. Auch die EU-Kommission muss demnach grünes Licht geben.

Die SPD, die den Kanzler und den niedersächsischen Ministerpräsidenten stellt, scheint fest entschlossen, die Meyer Werft zu übernehmen. Von einem „industriellen Kronjuwel“ der deutschen Wirtschaft sprach Olaf Scholz am Donnerstag. Auch die Grünen, Koalitionspartner im Bund und im Land, haben offenbar keine Einwände. Eine Rettung, so versicherte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, sei in „greifbarer Nähe.“

Zögerlicher gibt sich dagegen die FDP, dritter im Bunde der Ampel-Koalition. Bei einer Beteiligung brauche der Staat eine „klare Exitstrategie“, sagte bereits der wirtschaftspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Reinhard Houben, der Nachrichtenagentur Reuters.

Die CDU hält eine staatliche Rettung des Unternehmens für notwendig, ein Engagement dürfe aber nur temporär sein. Um die Finanzierungsprobleme der Werft zu „überbrücken“, wie es der Landesvorsitzende der Niedersachsen-CDU, Sebastian Lechner, kürzlich im Interview mit unserer Redaktion betonte.

Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) lobt zwar den Einsatz von Bund und Land für das Unternehmen. Eine dauerhafte Leitung der Werft dürfe es aber nicht geben. „Wir teilen die von vielen geäußerte Auffassung, dass die Mehrheitsbeteiligung der öffentlichen Hand keine Dauerlösung sein sollte“, heißt es in einer Stellungnahme des Branchenverbands aus Hamburg.

Die Deutschen Umwelthilfe (DUH) fordert eine Obergrenze für Kreuzfahrtschiffe aus Papenburg und einen Fokus auf Klimaschutz. „Der Staat muss durchsetzen, dass hier künftig nur noch kleinere und klimafreundlichere Schiffe gebaut werden“, sagte Hauptgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner unserer Redaktion. Größere Schiffe müssten, wenn überhaupt, an den anderen Standorten der Gruppe in Rostock und in Turku gebaut werden.

Die Gewerkschaften zeigen sich erwartungsgemäß erleichtert. Laut Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, werde durch die geplante Beteiligung „nicht nur die Standorte Papenburg und Rostock gerettet, sondern wichtige Teile des Schiffbaus in ganz Deutschland“.

Das ist eines der Details, die noch nicht verkündet wurden. Einer Mitteilung der Werft im Zuge des Kanzler-Besuchs zufolge entspreche die jetzt gefundene Lösung auch dem Wunsch der Familie, nicht nur dem Unternehmen emotional und aus Tradition verbunden zu sein, sondern auch „weiterhin als Mitgesellschafter und mit Sitz und Stimme im neu zu bildenden Aufsichtsrat auf die Entwicklung des Unternehmens Einfluss zu nehmen“.

Seniorchef Bernard Meyer selbst wird mit den Worten zitiert: „Mit der Vereinbarung über ein Rückkaufsrecht für die Familie bleibt uns die Möglichkeit erhalten, wieder ein Familienunternehmen zu werden. Als dann zweitgrößter Gesellschafter nach der öffentlichen Hand und über die Mitwirkung im Aufsichtsrat – werden wir die Weiterentwicklung der Werft konstruktiv unterstützen.“

Nein, das heißt es nicht, auch wenn die Auftragsbücher der Werft gut gefüllt sind. Insgesamt 100 befristete Verträge sollen auslaufen. Bis März 2025 soll zudem ein Freiwilligen-Programm greifen, welches im Detail noch ausgehandelt wird und in Kürze der Belegschaft vorgestellt werden soll. Erst in gut einem halben Jahr könnte es also zu betriebsbedingten Kündigungen kommen, sollten nicht genug Mitarbeiter das Programm angenommen haben.

Für die Beschäftigten gibt es aber auch gute Nachrichten: Die Werft-Leitung und die Arbeitnehmerseite haben sich auf eine Mindestbeschäftigung bis Ende 2030 für 3100 Werft-Mitarbeiter geeinigt, davon 1200 in der Produktion.

Die Neptun Werft ist ebenfalls von der Restrukturierung der Werften-Gruppe betroffen, wenn auch nicht vom Personalabbau. Der Standort an der Warnow ist in vielerlei Hinsicht eng mit dem „großen Bruder“ in Papenburg verflochten. Von hier kamen beispielsweise die LNG-Tanks im ersten Kreuzfahrtschiff, das die Meyer Werft mit dieser Antriebstechnologie abgeliefert hat.

In Rostock liegt der Fokus unter anderem auf dem Bau von Flusskreuzfahrtschiffen. Zur Bewältigung eines Großauftrags hatte das Land Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr eine Bürgschaft über rund 80 Millionen Euro gewährt. Grundsätzlich sieht sich die Werft für die Zukunft gut gerüstet – auch, weil ein Schwerpunkt künftig auf dem Bau von Konverterplattformen liegen soll. Am Montag sollen die Beschäftigten bei einer Betriebsversammlung informiert werden, zu der auch Meyer-CEO Bernd Eikens erwartet wird.

In Turku werden die Kreuzfahrtschiffe gebaut, die aus Papenburg nicht den Weg über die Ems schaffen würden. Die „Icons of the Sea“ beispielsweise wurde hier gefertigt. Allerdings hat der Standort zuletzt rote Zahlen geschrieben – auch wenn Umsatz und Zahl der Mitarbeiter gestiegen sind, wie aus Mitteilungen der Werft hervorgeht. „Mit der Fortsetzung der Icon-Reihe verbessert sich unsere Kosteneffizienz, was dazu führt, dass Schiff für Schiff profitabler wird. Wir blicken also weiterhin optimistisch in die Zukunft“, sagte Werftchef Tim Meyer zuletzt.

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