Berlin/Hamburg  Meyer Werft: Umwelthilfe fordert umweltfreundlichere Schiffe aus Papenburg

Dirk Fisser, Leon Grupe
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Von Dirk Fisser, Leon Grupe
| 24.08.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seit Jahrzehnten ist die Meyer Werft Umweltschützern ein Dorn im Auge. Foto: dpa/Sina Schuldt
Seit Jahrzehnten ist die Meyer Werft Umweltschützern ein Dorn im Auge. Foto: dpa/Sina Schuldt
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Der Staat will in die Meyer Werft einsteigen. Die Umwelthilfe hat eine klare Forderung an Kanzler Scholz und wirft der Bundesregierung Doppelmoral vor. Andere Organisation erinnern an vertragliche Bindungen.

Vieles deutet darauf hin, dass der Bund und das Land Niedersachsen die schwer angeschlagene Meyer Werft in Papenburg übernehmen und so retten werden. Das ruft auch Umweltverbände auf den Plan. Seit Jahrzehnten gehören sie zu den schärfsten Kritikern der Werft. Sascha Müller-Kraenner, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), sagte im Gespräch mit unserer Redaktion: „Wenn der Staat schon in den Kreuzfahrtschiffbau einsteigt, muss Bundeskanzler Olaf Scholz dafür sorgen, dass die Gesellschaft auch etwas davon hat.“

Müller-Kraenner verweist auf Umweltbelastungen durch Kreuzfahrtschiffe sowie den Werftstandort weit im Binnenland: „Papenburg an der Ems ist für den Bau von Mega-Kreuzfahrtschiffen nicht geeignet. Der Staat muss durchsetzen, dass hier künftig nur noch kleinere und klimafreundlichere Schiffe gebaut werden.“

Das ergebe sich allein schon aus dem Grundgesetz, das den Staat zum Umweltschutz verpflichte. „Der Standort Papenburg braucht eine Obergrenze.“ Größere Schiffe müssten, wenn überhaupt, in den anderen Werften der Gruppe in Rostock und in Turku, Finnland, gebaut werden.

Neu ist die Kritik nicht. Die Meyer Werft in Papenburg ist weltbekannt für ihre Kreuzfahrtschiffe – und regelmäßig im Visier von Naturschützern. Jahrzehntelang hatte es Streit gegeben zwischen Umweltverbänden, dem Land Niedersachsen und dem Unternehmen. Weil die Ems immer wieder vertieft und begradigt wurde, weil sie bei jeder Überführung aufgestaut wird, damit die Ozeanriesen nicht auf Grund laufen. Alles katastrophal fürs Ökosystem, beklagten Naturfreunde und auch Politiker der Grünen.

2015 wurde der Streit weitgehend beigelegt. Grund dafür war die Einigung auf den sogenannten Masterplan Ems 2050. Das Vertragswerk soll wieder mehr Leben im und um den Fluss ermöglichen und gleichzeitig die ökonomischen Interessen der Meyer Werft berücksichtigen. Seitdem hat der Widerstand der Naturschützer, die den Masterplan teils mit ausgehandelt und unterschrieben haben, deutlich abgenommen.

Die Umwelthilfe ist kein Vertragspartner, entsprechend deutlich fällt auch die Kritik aus. Die Bedenken des Hauptgeschäftsführers Müller-Kraenner bei dem geplanten Staatseinstieg sind grundsätzlich. Er wirft der Bundesregierung Doppelmoral vor: Einerseits werde die Werft mit viel Steuergeld gerettet. „Zugleich hat sich der Staat aber nicht für die zahlreichen und wesentlich zukunftsträchtigeren Solar-Hersteller eingesetzt, die insolvent gegangen sind.“ Hier würden die Prioritäten falsch gesetzt.

Beim Naturschutzbund NABU, Masterplan-Vertragspartner, betont man die Vorteile der angestrebten Beteiligung an der Meyer Werft. Eine Unterstützung, sagt NABU-Referent Lukas Leppert auf Anfrage, ermögliche die Entwicklung „progressiver Antriebstechnologien“. Dem Unternehmen traut er zu, im klimafreundlichen Schiffsbau „international eine Vorreiterrolle“ zu übernehmen, „welche die Belastung von Klima und Umwelt auf ein Minimum zu reduziert.“

Dafür stellt er mehrere Forderungen an die Werft. Kleinere Schiffe etwa müssten „so weit wie möglich“ elektrifiziert werden. Außerdem sollten die Motoren darauf ausgerichtet sein, „in Zukunft mit den vielversprechenden Kraftstoffalternativen Methanol oder Ammoniak betrieben zu werden.“

Von LNG hält Leppert dagegen nichts. 2018 hatte die Meyer Werft das weltweit erste Kreuzfahrtschiff mit Flüssiggas-Antrieb gebaut. LNG-Schiffe stoßen nach NABU-Angaben zwar 20 Prozent weniger CO₂ aus als mit Diesel betriebene. Dafür aber Methan – und das sei 80-mal schädlicher für das Klima. Laut Leppert ist LNG daher „als fossiler Treibstoff weder eine Zwischenlösung noch eine langfristige Lösung bei der Dekarbonsierung der Schifffahrt.“

Reservierter äußert sich indes der BUND Niedersachsen. „Auch bei einem möglichen Wechsel des Besitzers der Meyer Werft sehen wir die im Masterplan Ems 2050 festgehaltenen Vereinbarungen, Maßnahmen und Ziele für den Wiederaufbau natürlicher Lebensräume an der Ems als verbindlich an“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit.

Am Fluss gebe es jedoch nicht ausreichend Flächen zur Entwicklung von Auwäldern, beklagt der BUND. Auch die Planung zur Steuerung des Speerwerks dauere zu lange. Künftig soll das Sperrwerk so gelenkt werden, dass weniger Schlick in die Ems getragen wird. Denn es gilt: Wo viel Schlamm ist, ist wenig Leben.

Zwar sind noch nicht alle Details geklärt, doch der Bund und das Land Niedersachsen planen, die Mehrheit an der Meyer Werft zu übernehmen und dazu Kredite mit Bürgschaften in Milliardenhöhe abzusichern. Mutmaßlich geht es um 400 Millionen Euro, mit denen der Staat das Eigenkapital des Schiffbauers ausstatten könnte. So soll die 229 Jahre alte Traditionswerft vor dem Untergang bewahrt werden. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Der Betrieb ist nur noch bis zum 15. September finanziert.

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