Osnabrück  50 Jahre Zauberwürfel: Wie der Rubik‘s Cube zum weltweiten Hit wurde

Christian Satorius
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Von Christian Satorius
| 17.08.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Es gibt mehr als 43 Trillionen mögliche Farbkombinationen, die durch das Drehen entstehen können. Foto: dpa/Jonas Walzberg
Es gibt mehr als 43 Trillionen mögliche Farbkombinationen, die durch das Drehen entstehen können. Foto: dpa/Jonas Walzberg
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Was als Lernhilfe begann, entwickelte sich zu einem weltweiten Phänomen. Ungeplant avancierte Ernő Rubiks Erfindung aus Holz zum Kultobjekt und begeistert bis heute Fans – und sogar Wissenschaftler. Über die faszinierende Geschichte des Zauberwürfels.

Wer kann sich der magischen Anziehungskraft des kleinen, bunten Plastikwürfels schon entziehen? Sieht man ihn, will man ihn gerne in die Hand nehmen und hat man ihn erst einmal in der Hand, beginnt man auch sofort damit, an ihm herumzudrehen. Es kann doch schließlich nicht so schwer sein, das wilde Durcheinander der kleinen farbigen Quadrate so zu ordnen, dass sich auf jeder Seite des Würfels eine ansehnliche Gleichfarbigkeit einstellt. Das denken viele, die das erste Mal mit diesem kniffligen Geduldsspiel in Kontakt kommen. Doch es dauert meist nicht allzu lange, bis die Realität auch die größten Optimisten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat, denn der kleine Würfel hat es ganz schön in sich. Es gibt nämlich mehr als 43 Trillionen mögliche Farbkombinationen, die durch das Drehen entstehen können. Das ist nicht nur eine Zahl mit 20 Stellen, sondern auch so viel, dass selbst der Erfinder des Zauberwürfels, der Ungar Ernő Rubik, mehrere Wochen brauchte, um ihn das erste Mal zu lösen.

Eigentlich wollte der Budapester Dozent für Architektur und Design mit dem Würfel nur dem räumlichen Vorstellungsvermögen seiner Studenten auf die Sprünge helfen. Der Welterfolg des Magic Cube, wie er den Würfel selbst nannte, war nicht geplant und hat den Erfinder komplett überrascht. Als Rubik‘s Cube oder auch Zauberwürfel begeistert er bis heute die Tüftler. Das kleine bunte Plastikding ist aber nicht nur für Kinder und Geduldsspielfans auf der ganzen Welt zur Herausforderung geworden, sondern auch für Mathematiker, Wissenschaftler, Wettkampfteilnehmer und in neuerer Zeit sogar für Roboter sowie die Künstliche Intelligenz (KI).

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte des Zauberwürfels mit einer kleinen selbstgebastelten Version aus Holz, die mit Gummibändern zusammengehalten wurde. Der erste Prototyp aus dem Jahr 1974 hatte auch nur 2 x 2 x 2 Quadrate und nicht wie der später um die Welt gegangene Würfel 3 x 3 x 3. Die Gummibänder erwiesen sich schnell als ungeeignet und auch Magnete versagten auf Dauer kläglich. Die Idee für eine praktikable Lösung sei ihm an der Donau gekommen, hat Rubik einmal gesagt, als er die von Wasser abgerundeten Kieselsteine betrachtet hätte. Die Rundungen waren es dann auch, die dem Würfel in seinem Inneren fortan zu Stabilität, aber gleichzeitig auch zu Beweglichkeit verhalfen.

Bevor der gelernte Architekt und Designer seinen Würfel zum Patent anmeldete, wollte er ihn aber zuerst einmal selber lösen. Das war allerdings gar nicht so einfach, wie sich schnell heraus stellte und so biss er sich wochenlang die Zähne an seiner eigenen Erfindung aus, bis er es dann endlich doch geschafft hatte. Rubik war bald nicht mehr der Einzige, den der Würfel nicht mehr los ließ. Bei seinen Studenten kam er sofort hervorragend an und nicht nur bei diesen. Ab 1977 konnte man das kleine vertrackte Geduldsspiel nämlich im Laden kaufen und so verbreitete es sich in Windeseile in ganz Ungarn und zwar ganz ohne aufwendige Werbekampagnen, nur durch Mundpropaganda.

Doch Ungarn ist nicht die Welt. Zudem lag das Land damals noch hinter dem Eisernen Vorhang und so war es nicht ganz einfach, den Würfel auch außerhalb Ungarns bekannt zu machen und vor allem zu verkaufen. Auf den internationalen Spielwarenmessen winkten die Hersteller erst einmal ab: zu aufwendig in der Herstellung, zu teuer, vor allem aber viel zu schwer zu lösen. Dass gerade Letzteres die große Herausforderung war, die den eigentlichen Reiz des Zauberwürfels ausmachte, erkannte vorerst niemand der Geschäftsleute. Schließlich schlug doch noch ein Produzent zu und machte einen optimistischen Vertrag über 1 Million Würfel. Zur Überraschung aller Beteiligten reichte das allerdings nicht aus, denn schon im ersten Jahr des internationalen Verkaufs gingen deutlich mehr davon über die Ladentheken.

Mit diesem Überraschungserfolg hatte niemand gerechnet, am wenigsten aber der Erfinder Ernő Rubik selbst. Es dauerte nicht lange, bis sich erste Clubs bildeten und Meisterschaften ausgetragen wurden, bei denen es darum ging, den Würfel möglichst schnell oder auch mit möglichst wenigen Drehbewegungen zu lösen. In den 1980er Jahren gab es einen regelrechten Hype um den kleinen bunten Plastikwürfel. Bis heute haben sich mehrere hundert Millionen Stück davon verkauft. Nachdem die Euphorie dann irgendwann aber doch einmal abgeebbt war, erlebte der magische Würfel in den 2000er Jahren eine regelrechte Renaissance und ist bis zum heutigen Tag immer noch angesagt.

Aktuell erfreut sich das sogenannte Speedcubing großer Beliebtheit, bei dem es darum geht, den Würfel möglichst schnell zu lösen. Den aktuellen Weltrekord hält der US-Amerikaner Max Park aus Pride in Long Beach. In atemberaubenden 3,13 Sekunden schaffte er es im Juni 2023, den verstellten Würfel farblich so zu sortieren, dass auf jeder der sechs Würfelseiten nur noch eine einzige Farbe zu sehen war. Das ist durchaus bemerkenswert bei immerhin 42.252.003.274.489.856.000 möglichen Farbkombinationen. Noch besser konnte es allerdings ein Roboter im Juni 2024. Er benötigte dank KI lediglich 0,305 Sekunden.

Man ahnt es angesichts dieser Zahlen schon: Mit bloßem Rumprobieren ist es hier nicht getan. Ganz im Gegenteil sogar braucht man einen konkreten Plan, und zwar einen sehr guten. Inzwischen gibt es unzählige Bücher, die den Weg zum Erfolg aufzeigen und natürlich jede Menge Tutorials nicht zuletzt auf Youtube.

Bei anderen Wettbewerben geht es nicht darum, den Würfel besonders schnell zu lösen, sondern mit möglichst wenig Drehungen oder auch blind, mit verbundenen Augen, einhändig oder sogar mit den Füßen. Neben dem klassischen Zauberwürfel mit seinen 3 x 3 x 3 Quadraten gibt es heute aber auch Würfel mit 4 x 4 x 4 und selbst 7 x 7 x 7 Quadraten, die natürlich ungleich schwerer zu lösen sind. Den aktuellen Weltrekord beim Speedcubing des Würfels mit 7 x 7 x 7 Feldern hält übrigens ebenfalls Max Park mit einer Rekordzeit von etwas mehr als eineinhalb Stunden.

Dem Zauber des Würfels sind mittlerweile auch zahlreiche Nachahmer erlegen und so gibt es heute längst nicht mehr nur die Originalprodukte, sondern eben auch etliche Nachbildungen und Abwandlungen, aber auch Weiterentwicklungen. Der aktuell wohl schwierigste analoge Würfel hat 33 x 33 x 33 Felder, es gibt aber auch Pyramiden, Sterne und andere Formen des klassischen Geduldsspiels. Noch ein Tipp zum Schluss: Richtig Spaß macht der Rubik‘s Cube nur, wenn man selbst versucht, eine Lösung zu finden, und nicht gleich in einem Buch nachschlägt oder ein Tutorial schaut, um die Nerven zu schonen. Nur so entfaltet der Zauberwürfel seine ganze Magie.

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