Osnabrück  „Meine Söhne kriegt ihr nicht“: Warum Björn Höcke ausgerechnet Reinhard Mey zitiert

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 17.08.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Björn Höcke im Wahlkampf der AfD in Thüringen. Foto: dpa/picture-alliance
Björn Höcke im Wahlkampf der AfD in Thüringen. Foto: dpa/picture-alliance
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Was hat Björn Höcke mit Reinhard Mey zu tun? Eigentlich nichts. Aber im Thüringer Wahlkampf spielt Höcke auf eines der schönsten Lieder von Reinhard Mey an. Was soll der listige Schachzug?

Sie stehen am rechten Rand und haben doch die Mitte fest im Blick. Europas extreme Rechte wirken wie Wölfe, die sich gern im Schafspelz zeigen. Marine Le Pen etwa gefällt sich in Wollweiß. Sie hat sogar ihre Partei umbenannt und hört es wohl trotzdem gern, wenn die Anhänger des Rassemblement National (RN) einfach weiter von „Le Front“ sprechen, von der Front.

Laut sein und doch immer hübsch in der Deckung der Andeutungen bleiben – diese Methode übt auch die Alternative für Deutschland (AfD) mit tückischer Meisterschaft. Björn Höcke, Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl in Thüringen am 1. September 2024, hat gerade vorgeführt, wie das geht. Bei einem Wahlkampfauftritt im thüringischen Sonneberg sagte er nach Medienberichten:

„Was wir uns nicht leisten können und was wir uns nicht leisten wollen, das ist, dass unsere wenigen Söhne, die wir noch haben, dass die für fremde Kriege, in fremden Ländern, für fremde Interessen zerschossen, zerfetzt und verbrannt werden. Meine Söhne, unsere Söhne, kriegt ihr nicht.“

Es geht um den Krieg in der Ukraine, um den Protest der AfD gegen die militärische Unterstützung des von Russland attackierten Landes. Alles klar soweit? Ja, aber der letzte Satz lässt noch einmal aufhorchen. Denn der ist nicht nur rhetorisch geschickt gebaut, der klingt auch verblüffend vertraut.

 „Meine Söhne, unsere Söhne, kriegt ihr nicht“. Klingt das nicht so ähnlich wie...? Genau! Das klingt so ähnlich wie der Titel von Reinhard Meys Antikriegslied „Nein, meine Söhne geb ich nicht“. Ein Satz, ein Versprechen.

Finger weg von dem Liedermacher, möchte ich spontan dazwischenrufen. Aber ist das Manöver ein Zufall? Ich finde, dass das so wenig ein Zufall ist wie jenes Wort von der „entstellten Kunst“, mit dem der Kasseler AfD-Stadtverordnete Thomas Materner 2017 das Kunstwerk des nigerianischen Documenta-Künstlers Olu Oguibe belegte. „Entstellt“ sagen und „entartet“ meinen – das ist der schäbige Trick.

Höcke geht jetzt nur den umgekehrten Weg, der sich mit einem leicht abgewandelten Zitat gehen lässt. Bei Materner war es der Subtext des Angriffs der Nationalsozialisten auf die Kunst, bei Höcke ist es umgekehrt die Anbiederung an den populären Geschmack der breiten Mitte der Gesellschaft. Höcke sagt Frieden, meint aber Akzeptanz für den Eroberungskrieg Russlands. Was ist übrigens mit den Söhnen dieses Landes?

Egal, Höcke hängt sich dran, zitiert Reinhard Meys Lied. Das entstand schon 1986, erlebte während des Kriegs in der Ukraine aber eine neue Aufmerksamkeit. Auf YouTube wird es millionenfach angeschaut. Mit der Neuaufnahme des Liedes mit befreundeten Künstlern von 2020 unterstützt Mey die Arbeit von Friedensdorf International, das Kinder aus Kriegsgebieten zur medizinischen Behandlung nach Deutschland holt. Viele dieser Kinder kommen aus Afrika. Ob Björn Höcke auch ein Herz für die Söhne afrikanischer Mütter hat?

Das Leben ist erst schön, wenn Menschen nicht leiden müssen. Das gilt ohne Unterschied. In genau diesem Sinn höre ich das Lied von Reinhard Mey immer wieder gern. Er trifft, wie so oft, den richtigen Ton. Was Björn Höcke daraus macht, klingt für mich eher nach listiger Anbiederung.

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