Psychoterror in Aurich  Prozess gegen Stalker – Rentnerin schildert Horrorjahre

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 16.08.2024 17:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Beleidigung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Nachstellung stehen auf der Liste der Delikte, die der Oberstaatsanwalt dem Angeklagten im Prozess am Landgericht Aurich vorwirft. Foto: Ortgies
Beleidigung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Nachstellung stehen auf der Liste der Delikte, die der Oberstaatsanwalt dem Angeklagten im Prozess am Landgericht Aurich vorwirft. Foto: Ortgies
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Eine Rentnerin aus Aurich schildert den jahrelangen Terror durch ihren Nachbarn. Das Gericht muss klären, ob der 42-Jährige eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Aurich - „Er hat uns das Leben zur Hölle gemacht. Es war der Horror.“ Eine 78-jährige Auricherin und ihr Ehemann wurden von ihrem Nachbarn jahrelang verfolgt und gepeinigt. Am Auricher Landgericht wird derzeit in einem Sicherungsverfahren entschieden, ob der 42-Jährige als Gefahr für die Allgemeinheit dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss. Bei der Fortsetzung des Prozesses am Freitag, 16. August 2024, sagte die geschädigte Rentnerin aus.

Der Mann soll seine Nachbarn zwischen September 2021 und Februar 2024 gestalkt haben. Beleidigung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Nachstellung stehen auf der Liste der Delikte, die ihm Oberstaatsanwalt Florian Eiser vorwirft. Der Auricher hatte keine Arbeit. Er lebte mit seinem Staffordshire-Terrier und einer Katze nahe der Kaserne. Seit Ende Februar 2024 ist er im Maßregelvollzugszentrum Moringen untergebracht. Er soll unter einer paranoiden Schizophrenie mit Wahngedanken und Sinnestäuschungen leiden.

Immer in Sorge, vom Rad gerissen zu werden

Ein Mitarbeiter der Opferhilfe steht der zierlichen Rentnerin im Zeugenstand bei. Eine Sichtschutzwand entzieht den Angeklagten, ein kräftiger Mann mit einem wippenden Mini-Pferdeschwanz hoch am Hinterkopf, ihren Blicken. Sie ist sehr angespannt. „Es war kein Leben mehr. Ich war immer auf der Flucht. Irgendwo stand er immer. Wenn man die Haustür geöffnet hat, hat er etwas geworfen. Es war grausam“, bricht es aus ihr heraus. Auch am hinteren Nachbargrundstück, das sie als „Notausgang“ benutzt habe, habe er ihr aufgelauert. Er habe sie gezielt abgepasst – „ich wusste gar nicht mehr wo lang“.

Die Geschädigte war dauernd in Sorge, von ihm vom Rad gerissen zu werden. Angekündigt hatte er das in einer seiner Beleidigungen. „Du Bullenschwein, ich krieg dich noch, du musst erst am Boden liegen“, soll er ihr gegenüber geäußert haben oder „du Dreckschlampe“. Einmal soll er beim Wegfahren die Beifahrertür ihres Wagens aufgerissen, den Kopf in das Auto gesteckt und ihr die Beschimpfungen direkt ins Gesicht geschleudert haben. Anstatt wie geplant nach Wilhelmshaven zu fahren, begab sich das Ehepaar zur Polizei, um Anzeige zu erstatten – wieder einmal.

Mit der Taschenlampe ins Badezimmer geleuchtet

Eine weitere perfide Masche setzte der Frau erheblich zu. „Er hat eine Wellblechgarage, gegen die er mitten in der Nacht mit einer Eisenstange gehauen hat“, erzählte sie. Genauso betroffen haben sie „seine schlimmen Spiele“: „Er leuchtete mit der Taschenlampe in den Wintergarten oder in das Badezimmer“, berichtete die Zeugin. Das sei mit das Schlimmste gewesen, was sie habe erleiden müssen. Geschockt habe sie auch, dass er an ihrer Haustür gerüttelt habe, während sie schon im Bett gelegen hätten.

Die Zeugin benötigt eine Pause, um durchzuatmen. Nach zehn Minuten ist sie in der Lage, fortzufahren. Ihr Mann hat eine Liste erstellt mit den täglichen Peinigungen. Sie liegt der Kammer vor. Im Juni 2022 stand der Betroffene mit nacktem Oberkörper in der Auffahrt der Geschädigten, um sie am Wegfahren zu hindern – „als wir endlich fahren konnten, machte er die Geste des Halsdurchschneidens“.

„Durch ihn habe ich das Lachen verlernt“

„Dieser Mensch hat mir mein Leben kaputt gemacht. Ich war immer ein stabiler Mensch. Durch ihn habe ich das Lachen verlernt“, sagt die Seniorin zu den Folgen des Psycho-Terrors. Damals habe sie Suizidgedanken gehabt. Aktuell leidet sie weiterhin unter Appetitlosigkeit und Schlafproblemen. Sie benötigt eine professionelle Therapie, um die Ereignisse zu verarbeiten, hat aber noch keinen freien Termin bei einem Psychologen ergattern können.

„Es war, wie wenn ich dauernd auf der Flucht gewesen wäre“, fasst sie zusammen. Dass ihr Peiniger jetzt verschwunden ist, hat die Rentnerin noch nicht verinnerlicht: „Ich habe immer noch Angst. Wenn ich das Haus verlasse, schaue ich nach rechts und links und fange an zu zittern.“

Zeugin will keine Entschuldigung hören

Warum ihr Nachbar sie derart peinigte, ist ihr schleierhaft. „Wir haben uns nie was zuschulden kommen lassen“, so die Zeugin. Eine Entschuldigung will sie von ihm nicht hören. Nachdem sie den Saal verlassen hat, ergreift der Betroffene trotzdem das Wort: „Ich will mich entschuldigen. Sie braucht keine Angst mehr vor mir zu haben.“

Der Prozess wird am 20. August um 9 Uhr in Saal 116 mit weiteren Zeugen und dem psychiatrischen Gutachten fortgesetzt. Am 28. August soll plädiert werden und das Urteil fallen.

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