Nachfolger vergebens gesucht  Traumjob Inselarzt auf Langeoog?

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 21.08.2024 16:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Leben unter dem Langeooger Wasserturm ist für viele ein Traum, der für einen Hausarzt wahr werden könnte. Foto: Bothe/Archiv
Ein Leben unter dem Langeooger Wasserturm ist für viele ein Traum, der für einen Hausarzt wahr werden könnte. Foto: Bothe/Archiv
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Georg Licht sucht bisher erfolglos nach einem Mediziner, der seine Praxis auf Langeoog weiterführt. Obwohl er das Leben auf der Insel sehr schätzt, kehrt er ihr den Rücken. Droht ein Ärztemangel?

Langeoog - Mit dem Fahrrad Hausbesuche machen, entspannte Menschen in Urlaubsstimmung behandeln und nach Feierabend segeln gehen. Wer als Inselarzt arbeitet, kann die Vorzüge des Insellebens genießen. „Es ist eine absolut großartige Aufgabe an einem Ort, der eine unglaubliche Lebensqualität bietet.“ Mit diesen Worten fasst Georg Licht das Leben und Arbeiten auf der Insel Langeoog zusammen. Aber er kennt auch die Schattenseiten – und für ihn überwiegen diese mittlerweile. Der 62-Jährige habe eigentlich auf Langeoog in den Ruhestand gehen wollen, geht jetzt aber zurück aufs Festland. Er will seine Praxis am 30. September 2024 abschließen und am liebsten den Praxisschlüssel an einen Nachfolger weiterreichen. Ausschlaggebend seien Querelen mit der Inselgemeinde, die bereits Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten sind.

Nachfolger gesucht: Georg Licht wird seine Praxis auf Langeoog zum 30. September 2024 schließen. Was dann mit seinen Patienten und den Praxisräumen geschieht, ist derzeit offen. Foto: privat
Nachfolger gesucht: Georg Licht wird seine Praxis auf Langeoog zum 30. September 2024 schließen. Was dann mit seinen Patienten und den Praxisräumen geschieht, ist derzeit offen. Foto: privat

Lichts Entscheidung fiel im Oktober 2023. Seither läuft die Suche nach einem Nachfolger. Findet sich in den kommenden Wochen keine Lösung, löst Licht die Praxis auf. Das sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Aus seiner Sicht ist, Stand jetzt, kein Mediziner in Sicht, der seine Patienten zukünftig versorgen wird. Dieter Krott sieht das anders: Der Geschäftsführer der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) teilt auf Nachfrage mit: „Wir führen Gespräche mit Interessenten.“ Die Bezirksstelle Aurich ist zuständig für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung in den Altkreisen Aurich, Norden und Aschendorf-Hümmling, den Landkreisen Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden.

Lösung in greifbarer Nähe?

Auf Nachfrage wird Krott konkreter: Von zwei Interessenten sei derzeit einer übrig, der sich offenbar vorstellen kann, seinen Lebensmittelpunkt auf die Ostfriesische Insel zu verlagern. Eine Nachfolgeregelung für eine Hausarztpraxis sei eine langwierige Sache, erläutert Krott. Bisher ist rund ein Dreivierteljahr ins Land gegangen. Diese Dauer sei „für eine Insel nicht unüblich“. Kommen diese Gespräche zu einem positiven Abschluss, könne ein Nachfolger realistisch frühestens ab dem 1. Januar 2025 mit der Arbeit beginnen. Die KVN bietet dem neuen Inselmediziner zudem finanzielle Starthilfe in Form eines Investitionskostenzuschusses an.

Ein Blick ins Innere der Praxis. Hier werden die Patienten empfangen. Foto: privat
Ein Blick ins Innere der Praxis. Hier werden die Patienten empfangen. Foto: privat

Mit den Gesprächen zwischen den Mitarbeitern der KVN und den Ärztinnen und Ärzten, die sich auf ihre Ausschreibungen gemeldet haben, ist es natürlich längst nicht getan, lenkt Krott ein. „Wir stellen dann den Kontakt zur Gemeinde her.“ Im Fall von Georg Licht ist sie die Vermieterin der Praxisräume und der Wohnung. Auch er als Vorgänger muss mit an den Tisch, um über die Modalitäten einer Übernahme zu verhandeln. Zuletzt entscheidet der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung. Erst dann ist eine Nachfolge sicher, skizziert Krott. Zuletzt hatte es 2022 einen Wechsel auf der Insel gegeben. Dr. Joachim Koller hatte im Alter von 70 Jahren einen Nachfolger für die einzige weitere Langeooger Hausarztpraxis gesucht. Eine Übernahme platzte. Die Praxis wird nun als Praxisgemeinschaft weitergeführt, von Ärzten auf Spiekeroog und Baltrum. Wochenweise kommen die im Wechsel auf die Insel, um Sprechstunden anzubieten und Nachtdienste zu schieben.

ZDF-Serienarzt „Bergdoktor“ auf ostfriesisch?

Licht sagt, der Schritt zurück nach Bergheim im Rheinland falle ihm alles andere als leicht. Aber die Entscheidung ist gefallen – aus Selbstschutz, wie er sagt. „Ich bin mittlerweile so zermürbt.“ Licht wolle sich gesundheitlich nicht aufreiben. 2019 erst hat er die Hausarztpraxis seines Vorgängers Dr. Jürgen Raddatz übernommen. Diskrepanzen mit der Inselgemeinde gebe es unter anderem wegen des schlechten Zustands der Praxisräume und aus seiner Sicht ungerechtfertigten finanziellen Forderungen. Absprachen seien mehrfach nicht eingehalten worden, klagt er. „Irgendwann ist der Geduldsfaden gerissen.“ Die parteilose Langeooger Bürgermeisterin Heike Horn hält dagegen: „Die Inselgemeinde handelt nach Recht und Ordnung.“ Notwendige Arbeiten am mietfrei zur Verfügung gestellten Gebäude würden selbstverständlich im angemessen Rahmen gemacht und Vereinbarungen eingehalten.

Georg Licht sagt, zahlreiche Urlauber würden erst nach ihrer Ankunft auf Langeoog feststellen, dass sie ihre Medikamente zu Hause vergessen haben. Ihnen bleibt dann nur der Gang zu einem Inselarzt. Foto: Pixabay
Georg Licht sagt, zahlreiche Urlauber würden erst nach ihrer Ankunft auf Langeoog feststellen, dass sie ihre Medikamente zu Hause vergessen haben. Ihnen bleibt dann nur der Gang zu einem Inselarzt. Foto: Pixabay

Die herausfordernden Aufgaben, die hohe Arbeitslast – das habe Licht gern in Kauf genommen. „Das Ganze ist nicht wie der ‚Bergdoktor‘ auf ostfriesisch. Es ist harte Arbeit.“ Viele Dienste, wenig echte Freizeit, kaum Möglichkeiten für ungeplante Aufenthalte am Festland. Die Liste der Einschränkungen sei nicht unerheblich lang. (Was genau ein Inselarzt alles mitbringen muss, steht hier.) Aber das wisse jemand, der sich auf den Job des Inselarztes einlässt. Die Lebensqualität sei unglaublich hoch auf Langeoog, sagt der passionierte Segler und Reiter. Für ihn überwog lange Zeit das Positive: „Ich bin gesegnet mit sehr netten Patienten. Ich arbeite unglaublich gern.“

In Deutschland fehlen 5000 Ärzte

Und genau diese Patienten und auch seine Mitarbeiter will der Allgemeinmediziner mit zahlreichen zusätzlichen Qualifikationen darum keinesfalls im Stich lassen. Deshalb ist er intensiv auf Nachfolgersuche. In Praxisbörsen richtet er sich damit gezielt an Mediziner, in Onlineforen an Inselfans. „Damit es hier weitergeht“, wolle er das bis zuletzt beibehalten. „Ich bin den Menschen hier verbunden.“ Findet sich aber bis zum 30. September kein neuer Hausarzt, löst er die Praxis auf. Auf Dauer kann die andere Praxis allein allerdings nicht die etwa 1750 Inselbewohner und bis zu 15.000 Gäste täglich versorgen, stellt der Mediziner klar.

„Grundsätzlich ist es für Langeoog sehr wichtig, dass zwei Ärzte gleichzeitig die ärztliche Versorgung sicherstellen“, meint auch die Bürgermeisterin. Ob das in Form von zwei Arztsitzen oder anders läuft, liege in den Händen der KVN. Die Inselgemeinde könne unterstützen, habe aber keinerlei Einfluss auf die Besetzung von Arztsitzen, stellt sie klar. Das aber ist sicher: „Für die Insel, die Bürgerinnen und Bürger und die Gäste ist es absolut bedeutend eine zuverlässige ärztliche Betreuung auf der Insel zu haben.“ Das sieht Krott genauso. Doch er weiß auch, dass in Deutschland 5000 Ärzte fehlen. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir in den nächsten Jahren nicht mehr jeden KV-Sitz nachbesetzen werden können.“

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