Cuxhaven/Neuharlingersiel  Fischerei in der Krise: So wollen Nordseeorte und Küstenfischer die Branche erhalten

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 14.08.2024 12:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
In Cuxhaven vereinbarte ein überparteiliches Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Verbänden einen „Zukunftspakt“ für die Küstenfischerei. Foto: dpa/Sina Schuldt
In Cuxhaven vereinbarte ein überparteiliches Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Verbänden einen „Zukunftspakt“ für die Küstenfischerei. Foto: dpa/Sina Schuldt
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Die Fischerei an der Nordseeküste steht weiterhin massiv unter Druck. Gut 20 Partner haben in Cuxhaven nun einen „Zukunftspakt“ für den Erhalt der Branche auf den Weg gebracht. Diese Vorschläge macht das Bündnis.

Niedersachsens Küstenfischern steht das Wasser bis zum Hals: Die Fangmengen gehen drastisch zurück. Die Windkraftanlagen auf See, das Verklappen von Hafenschlick und der Bau neuer Kabeltrassen sorgen dafür, dass die Fanggebiete kleiner werden. Die Flotte der noch etwa 100 aktiven Fischer ist überaltert. „Wenn wir keine Küstenfischer mehr haben, verlieren wir alle“, sagt Jürgen Peters, Bürgermeister von Neuharlingersiel (Kreis Wittmund). Damit die deutsche Küstenfischerei und vor allem die kleinen Häfen bessere Perspektiven erhalten, haben knapp 20 Vertreter aus Fischerei, Wirtschaft, Tourismus und Nationalparks jetzt in Cuxhaven einen „Zukunftspakt Küstenfischerei 2050“ aufgestellt. „Wir müssen vor allem an den Nachwuchs denken“, sagte Cuxhavens Oberbürgermeister Uwe Santjer (SPD) als Gastgeber dieser ersten Norddeutschen Fischereikonferenz.

Die Konferenz war das Ergebnis intensiver Abstimmungen, so Wittmunds Landrat Holger Heymann (SPD). Die Initialzündung gab es im März 2023 in Ostfriesland. Drei zentrale Forderungen stellt das überparteiliche Bündnis: Die Fischer wollen einen Schutz der bestehenden Fanggebiete im Küstenmeer und stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Derzeit sorgten niederländische Fischer für einen „regelrechten Raubbau“, sagte Dirk Sander vom Verband der Kutter- und Küstenfischer. Damit sich die Bestände erholen können, müsste eine dreimonatige Schonzeit eingeführt werden. Für die Zwangspause sollten heimische Fischer entlohnt werden.

 Die Konferenzteilnehmer fordern den Aufbau eines Fischereifonds. Er soll aus den Erlösen bei der Versteigerung von Flächen Offshore-Windparks gespeist werden. Gesetzlich stehen den Fischern insgesamt 5 Prozent zu. Das entspreche einem hohen dreistelligen Millionenbetrag. Doch von dem Geld sei „noch kein Cent“ bei den kleinen Betrieben angekommen, sagte Sander. Geld sollen alle Akteure einzahlen, die Fanggebiete in Anspruch nehmen. Aus dem neuen Fonds sollen die Modernisierung der Flotte, Krabbenpul-Zentren und Marketingaktionen finanziert werden. Auch eine Verbesserung der Hafeninfrastruktur – und damit eine Verbesserung der regionalen Wertschöpfung – soll erreicht werden, so Landrat Heymann. 

Und drittens fordern die Partner des „Zukunftspakts“ einen Fischereirat auf Bundesebene, der dauerhaft zum Erhalt der Küstenfischerei beiträgt. Der von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) eingesetzten „Zukunftskommission Fischerei“ gehören zwar 40 Personen an, aber nur zwei seien gelernte Fischer, erklärte Sander. Aus seiner Sicht ist es auch unverständlich, dass aus Sicherheitsgründen nicht in deutschen Offshore-Windparks gefischt werden darf. Andere EU-Länder gestatten das in ihren Windparks auf See.

Die Fischerei sei identitätsstiftend für den Tourismus an der Küste und auf den Inseln, erläuterte Mario Schiefelbein von der Tourismus-Agentur Nordsee. Mit einer Wertschöpfung von 4,3 Milliarden Euro jährlich sowie rund 90.000 Vollarbeitsplätzen leiste der Tourismus einen überdurchschnittlichen Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Ein Ende der deutschen Küstenfischerei hätte irreparable Folgen für den Tourismus. Wenn die Kutter nicht mehr im Hafen liegen, gehe „ein touristischer Magnet“ verloren, meinte Hans-Peters Heikens, Bürgermeister der Gemeinde Jemgum, zu der der Fischerort Ditzum gehört.

Heymann zufolge wollen die Partner des Zukunftspakts nun das Gespräch mit Landes-, Bundes- und Europaabgeordneten suchen. Die vereinbarten Maßnahmen sollten schnell umgesetzt werden. Santjer ist ein Miteinander von Windenergie und Fischerei wichtig. Vom Ausbau der Windparks an Land würden in Niedersachsen die Kommunen profitieren. Warum sollte ein ähnliches Modell nicht auch bei der Offshore-Windenergie möglich sein, fragt sich der Cuxhavener.

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