Hamburg Niedersachsen: In diesen Regionen sind kriminelle Clans besonders aktiv
Jahr für Jahr zählen die Behörden in Niedersachsen mehr sogenannte Clan-Straftaten. Doch regional gibt es Unterschiede. Ein Bereich sticht besonders heraus.
Es war eine eher zufällige Beobachtung: Zivilpolizisten der Polizeidirektion Braunschweig beobachteten einen Mann bei einem Drogendeal. Sie gaben sich zu erkennen, er nahm Reißaus, vor einer Bar schnappten sie ihn. Während er sich noch wehrte, kamen aus der Bar mehr als ein Dutzend Personen und eilten dem Beschuldigten zur Hilfe. Zwei versuchten, die Beamten vom Geschnappten wegzuschubsen. Die Situation war offenbar derart bedrohlich, dass Anwohner bei der Polizei anriefen und Verstärkung forderten. Aus der zufälligen Entdeckung wurde kurzerhand ein Großeinsatz.
Der Vorfall aus dem Jahr 2022 ist nur eines von vielen Beispielen, dass das Landeskriminalamt in seinem Lagebild zu Clankriminalität aufführte. Und es zeigt: In ganz Niedersachsen gibt es keine Region, in der sich Beamte nicht mit kriminellen Familienverbünden auseinandersetzen müssen. Selbst im Südosten des Landes, in dem die Behörden insgesamt am wenigsten Clan-Vorfälle melden.
Eine Abfrage der sechs Polizeidirektionen des Landes zeigt, welche Rolle der Aspekt der Clan-Kriminalität in den einzelnen Regionen spielt. Historisch ist das besonders im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg zu bemerken, die vor allem für die Gebiete westlich von Bremen zuständig ist. Unter anderem auch in Wildeshausen, wo dieses Jahr nach langen verdeckten Ermittlungen gegen eine mutmaßliche Drogenbande Anklage erhoben wurde.
Den sprunghaften Anstieg auf mehr als 1.000 Straftaten 2021 muss nicht heißen, dass kriminelle Clans erst zu diesem Zeitpunkt Nordwestniedersachsen für sich entdeckt haben. Die Polizei selbst verweist auf eine bessere Erfassung der Taten. „Der Anstieg in den Zahlen ist auf das konsequente und mittlerweile niedrigschwellige Setzen des Auswertemerkers ‚Clan‘ und das Controlling-System zurückzuführen“, teilen die Oldenburger unserer Redaktion.
Heißt: Immer häufiger werden Taten nun auch explizit dem Phänomenbereich der Clan-Kriminalität zugeordnet. Eben dieser „Auswertemerker“ ist nicht frei von Kritik. Denn der kann theoretisch auch gesetzt werden, wenn das Delikt gar nichts mit Clan-Kriminalität zu tun hat, der mutmaßliche Täter aber dennoch Mitglied einer bekannten Familie ist.
Überall in Niedersachsen wird der Auswertemerker genutzt, um ein möglich genaues Bild von den kriminellen Clans zu bekommen. Während die Oldenburger es etwa sechsmal so häufig mit Clans zu tun bekommen, wie die Braunschweiger, unterscheidet sich auch die Art der Delikte. Bei der Polizeidirektion Hannover ging es in den vergangenen Jahren in den meisten Fällen um Ladendiebstähle, in Lüneburg, wo die Polizei für den Bereich von Celle bis Stade zuständig ist, sehen die Ermittler vor allem sogenannte Rohheitsdelikte bei kriminellen Clans: Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung führt die zuständige Direktion auf. Auch die Behörden in Göttingen führen auf: „Im Wesentlichen wurden im Clan-Kontext einfache, gefährliche und schwere Körperverletzungsdelikte sowie Bedrohungen begangen.“
Und die Polizeidirektion Osnabrück, die unter anderem von einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft angetrieben wird und zudem am Rande von Nordrhein-Westfalen arbeitet, wo Clan-Kriminalität zu einem politisch ähnlich großen Problem erkoren wurde? Die unter anderem mit einer beschlagnahmten „Clan-Immobilie“ in Ostercappeln erst dieses Jahr für große Aufmerksamkeit sorgte? Nimmt man die reinen Zahlen, ist das Problem im Vergleich zum restlichen Bundesland eher überschaubar.
2022 wurden keine 500 Straftaten verfasst, 2023 dürfte das bereits anders aussehen: 2023 habe es „deutlich mehr relevante Ereignisse, darunter mehr Straftaten und mehr Ordnungswidrigkeiten, gegeben“, teilt die Polizeidirektion mit. Vor allem, weil der Kontrolldruck stark gestiegen sei, regelmäßig führen die Behörden mittlerweile Razzien durch.
Genaue Zahlen dürfen die Polizeidirektionen für das Jahr 2023 nicht nennen. Die Veröffentlichung des Lagebildes ist dem Innenministerium vorbehalten. Dieses beharrt darauf, die Zahlen erst zu nennen, wenn man es selbst für richtig hält, ungeachtet redaktioneller Anfragen. Mit Verweis auf das Landeskriminalamt hatten der Norddeutsche Rundfunk und das Magazin „Report München“ jüngst Zahlen für 2023 veröffentlicht. Nach denen scheint die Clan-Kriminalität in Niedersachsen insgesamt leicht rückläufig zu sein. Entgegen den Aussagen eine Polizeisprechers gilt diese Rückläufigkeit auch für Osnabrück. Das LKA selbst wollte die Zahlen auf Nachfrage nicht kommentieren.