Prozess am Landgericht  37-mal zugestochen – Norder gesteht Totschlag an Mutter

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 13.08.2024 18:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Bild zeigt den Angeklagten (links) mit seinem Verteidiger Andreas Lauven. Foto: Banik
Das Bild zeigt den Angeklagten (links) mit seinem Verteidiger Andreas Lauven. Foto: Banik
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Ein 38-jähriger Norder hat vor dem Auricher Schwurgericht den Totschlag an seiner Mutter gestanden. Zum Prozessauftakt in Aurich äußerte er sich zu den Hintergründen.

Aurich/Norden - Ein 38-jähriger Norder soll seine Mutter im Februar 2024 mit 37 Stich- und Schnittverletzungen getötet haben. Beim Prozessauftakt am Dienstag, 13. August 2024, räumte er den Tatvorwurf vor dem Auricher Schwurgericht ein. „Ich kann mich nicht erinnern oder nachvollziehen, warum ich das getan habe“, heißt es in der Erklärung, die sein Verteidiger Andreas Lauven für ihn abgibt.

Im weiteren Verhandlungsverlauf lässt sich der Angeklagte selbst zu dem Vorfall ein. Es stellt sich heraus, dass der gelernte Koch in den letzten Wochen vor der Tat unter Verfolgungswahn gelitten hat.

Mit 31 Zentimeter langem Küchenmesser zugestochen

Oberstaatsanwältin Annette Hüfner wirft dem 38-Jährigen Totschlag vor. Er soll seine Mutter am Nachmittag des 15. Februar nach einem Streit mit einem 31 Zentimeter langen Küchenmesser erstochen haben. Mit der 19 Zentimeter langen Klinge soll er ihr zahlreiche Verletzungen im Bereich von Kopf, Hals, Oberkörper und Armen zugefügt haben. Den letzten Stich hat er laut Anklageschrift mit einer derartigen Wucht ausgeführt, dass das Messer in der Halspartie stecken geblieben ist. Die Frau verblutete. „Es war eine äußerst gefährliche Handlung und Sie wollten sie auch töten“, wirft ihm Hüfner vor.

Nach der Trennung von seiner Freundin vor sechs Jahren war der Angeklagte wieder bei seinen Eltern in das Einfamilienhaus an der Jadestraße eingezogen. Bis vor acht Monaten hat er Cannabis und Spice konsumiert. In der Verteidigererklärung beschreibt er sich als „nett, freundlich, zuvorkommend und in keiner Weise aggressiv“.

Norder wollte in Schutzhaft genommen werden

Er arbeitete als Küchenchef, kündigte die Stelle aber Anfang 2024 aufgrund von Bauchschmerzen, die ihn erheblich belasteten. Er vermutete, ihm würde von den Personen seines Umfelds etwas ins Essen oder in den Tabak gemischt. Zusätzlich hat er seine früheren Drogendealer wiedergesehen. Am 6. Februar 2024 ging er zur Polizei, um sie und seinen Vater anzuzeigen. Weil er wirr sprach, schickte man ihn für ein Gespräch mit einem Psychiater nach Norden, wo er sich nach einer Nacht selbst entließ.

Am 12. Februar 2024 rief der Angeklagte mehrfach die Polizei an und verlangte, in Schutzhaft genommen zu werden. Dealer von damals wollten ihn umbringen. Sein Handy sei gehackt worden. Aus einem Wohnwagen gegenüber werde er überwacht. Seine Mutter wolle ihn vergiften. Die Mutter flehte die Beamten an, ihn mitzunehmen. „Sie erzählte unter Tränen und vollkommen verzweifelt, dass ihr Sohn psychisch krank sei“, sagte ein Polizist. „Aus unserer Sicht lag aber kein Grund für eine Einweisung vor“, fügte er hinzu. Man habe sich mit dem Norder darauf verständigt, dass er für einige Zeit woanders übernachte. Er sei schon am Packen gewesen, doch seine Mutter habe ihn mit den Worten „bleib, bis du was gefunden hast“ zurückgehalten.

„Meine Eltern waren heilige Personen für mich“

Am Tatnachmittag fühlte sich der Angeklagte nach dem Rauchen einer Zigarette schwindelig und hatte taube Lippen. Was er gedacht habe, fragte Raap. „Dass mir irgendjemand was unterjubelt“, antwortete der Angeklagte. Was vor dem Angriff auf seine Mutter Thema war, wusste er nicht mehr. In den letzten Tagen habe es laufend Diskussionen gegeben.

„Ich habe Bilder im Kopf, wie ich auf sie mit dem Messer losgehe, aber warum? Meine Eltern waren heilige Personen für mich“, sagt der 38-Jährige zum Tatgeschehen. Seine Mutter habe während des Vorfalls immer wieder „Ich verstehe das jetzt“ auf Russisch gesagt – „ich weiß nicht, was sie meinte“, so der Angeklagte. Ob er ängstlich oder wütend bei dem Angriff gewesen sei, fragte Raap. „Gefühlskalt“, sagte der Norder. Hinterher hat er den Notruf gewählt und seine Nachbarin über den Tod seiner Mutter informiert.

Angeklagter stellte sich Polizei mit erhobenen Händen

Nach der Tat stellte sich der Angeklagte der Polizei auf der Straße mit erhobenen Händen. „Ich hatte Angst, weil sie bewaffnet sind“, sagte er. Eine Kriminalhauptkommissarin aus Leer, die die Spurensicherung an seinen blutbesudelten Händen durchführte, beschrieb ihn als „insgesamt sehr höflich“. Eins war ihr aufgefallen: „Ich hatte das Gefühl, dass er sich verfolgt fühlt.“ Er sei in Sorge gewesen, dass ihm die Kollegen in Norden etwas antun. Immer wieder habe er darum gebeten, Handfesseln angelegt zu bekommen, „damit wir keinen Anlass hätten, ihn zu erschießen“, berichtete sie. Ihrer Kollegin kam der Angeklagte „ziemlich emotionslos“ vor. „Er sagte im Streifenwagen, das was mit seiner Mutter passiert wäre, sei komplette Scheiße“, erinnerte sie.

Der Angeklagte sitzt seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft in der JVA Oldenburg. Magenbeschwerden hat er nach eigenem Bekunden keine mehr.

Der Prozess wird am Donnerstag, 15. August 2024, um 13.30 Uhr in Saal 003 fortgesetzt.

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